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Wahrscheinlich ist Walt Disney nicht ganz unschuldig. Vor allem seine Cartoons und Zeichentrickklassiker von "Bambi" bis "Das Dschungelbuch" haben dafür gesorgt, dass die hartnäckige Annahme existiert, Animationsfilme seien eigentlich in erster Linie etwas für Kinder. Doch jenseits der harmlosen Familiengeschichten mit hohem Niedlichkeitsfaktor regt sich Widerstand: Immer wieder versuchen Filmemacher/innen, dieses einzementierte Image einzureißen, und verfrachten ihre gezeichneten oder gekneteten Figuren in Kinogeschichten für Erwachsene. Zu denen gehört auch der Australier Adam Elliot, der mit seinen Trickfilmen alles andere als ein Kinderpublikum sucht.
In seinen Knetwerken schlägt das Leben schließlich gern mal etwas härter zu: Schon in seinem bitterlustigen Knetkurzfilm "Harvie Krumpet", für den er 2004 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, wurde der am Tourette Syndrom leidende Protagonist von einer Flut herber Schicksalsschläge heimgesucht. Nun zeigt der Regisseur erstmals in Spielfilmlänge, dass man mit sehr viel Knete, mehr Geduld und noch mehr Herzblut eine so schonungslose Stop-Motion-Tragikomödie wie "Mary & Max" inszenieren kann. Lose inspiriert von einer eigenen Brieffreundschaft, folgt er darin der Brieffreundschaft seiner zwei Knethauptfiguren zwischen Australien und New York über mehr als zwei Jahrzehnte.
Der Beginn einer außergewöhnlichen Freundschaft
Da ist zum einen die achtjährige Mary Daisy Dinkle, die auf den ersten Blick mit ihren großen Augen und der immer etwas schief sitzenden Brille noch in das niedliche Kindchenschema animierter Familienfilmfreundlichkeiten passt. Doch dieser Eindruck wird schnell revidiert: Mary ist eine Außenseiterin mit einem großen Muttermal, für das sie gehänselt wird. Ihre Mutter ist eine Alkoholikerin und ihr Vater verbringt seine Zeit weniger mit ihr als mit dem Ausstopfen von Tieren – wenn er nicht gerade in der Teebeutelfabrik arbeitet. Marys einzige Freundin ist ein verrücktes Huhn namens Ethel.
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Eines Tages allerdings greift sie im Postamt ein New Yorker Telefonbuch, schlägt eine beliebige Seite auf, fährt mit dem Zeigefinger die Namenszeilen entlang und landet bei: Max Horovitz (grandioses Voice-Acting mit angerauter Stimme: Philip Seymour Hoffman), einem 44-jährigen Atheisten jüdischer Herkunft, der sich im Dauerkampf mit seinem mächtigen Übergewicht befindet und zudem das Asperger Syndrom hat. Nachdem Mary ihm ihren ersten Brief inklusive Schokoriegel geschickt hat, entwickelt sie sich zum vertrautesten Außenweltkontakt für diesen kontaktscheuen Zeitgenossen, der von Neurosen und Phobien geplagt durchs urbane Leben der US-Metropole streift. New York wird dabei als dunkler Moloch in kostrastreichem Schwarzweiß gezeigt, in dem nur hin und wieder ein paar rote Farbtupfer aufleuchten. Am anderen Ende der Welt, in einem australischen Vorort in Australien, wo Mary lebt, wird aus dem Schwarz zwar ein helleres Grau, doch die australische Sonne ändert auch nichts daran, dass das Leben hier ebenso voller Komplikationen, Unsicherheiten, Trostlosigkeiten und Ängste ist.
Existenzielle Fragen
Kann das tatsächlich der Stoff für eine – wenn auch bittere – Komödie sein? Ja, zweifellos. Zu lachen gibt es in "Mary & Max" schließlich ungeheuer viel, auch wenn die Protagonisten/innen selbst eigentlich nur wenig zu lachen haben. Denn einerseits zerrspiegelt Elliots Film die Wirklichkeit mit seiner Knetwelt in teils herrlich garstigen Überzeichnungen – wie etwa in der vom Alkohol verschobenen Dame-Edna-Visage von Marys permanent betrunkener Mutter. Andererseits löst er die vielen Härten und Katastrophen durch die Dialoge und die mit einer Detailflut visualisierten Briefschilderungen immer mit einem pointierten, äußerst schwarzen Humor.
Dabei geht es um ganz profunde Angelegenheiten: um die Angst vorm Leben und wie man ihm doch immer irgendwie zugewandt bleibt. Darum, einen Freund zu haben, an dessen Seite es sich sicherer durch die Untiefen des Lebens steuern lässt. Und nicht selten auch um große, existenzielle Fragen unserer irdischen Existenz. Wie Mary und Max versuchen, darauf ihre ganz eigenen Antworten zu finden, illustriert ihre Sicht der Dinge – und die ist gerade im Fall von Max meist ziemlich verschroben und entrückt. Aber Elliot, und das ist in jeder Sekunde spürbar, bringt seinen beiden Gebeutelten stets so viel Liebe entgegen, dass sie einem beim Zuschauen auch bedingungslos ans Herz wachsen. Ihnen durch all die Turbulenzen, die wenigen Höhen und vielen Tiefen zu folgen, wird so zu einem zutiefst anrührenden, gnadenlosen, traurigen und hochkomischen Filmereignis. Spätestens jetzt sollte es daher an der Zeit sein, alle ollen Animationsvorurteile zu vergessen. Mary und Max haben ein großes Publikum mehr als verdient!
(Mary & Max) Animationsfilm, Australien 2009, Buch & Regie: Adam Elliot, 92 min, Kinostart: 26. August 2010 bei MFA+
Fotos: Verleih
Sascha Rettig ist Filmjournalist und lebt in Berlin.
www.maryandmax.com
Website zum Film (englisch)
maryandmax.mfa-film.de
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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