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Was ist Antisemitismus heute? Mit keiner geringeren Frage im Gepäck reist der israelische Filmemacher Yoav Shamir los und begegnet als Erstes einem Taxifahrer. "Antisemitismus, was ist das?", will der wissen. "Das ist, wenn Menschen Juden hassen", erklärt Shamir. Diese Antwort wüsste in Israel jeder, so präsent sei der Begriff in Zeitungen und Schulen. Eines Tages fiel Shamir aber auf, dass er diesen Hass noch nie selbst zu spüren bekommen hat. Dies nimmt er zum Anlass für eine filmische Recherche im heiter-ernsten Michael-Moore-Stil.
Auf scheinbar naive Fragen an die jüdische "Risikogruppe" und ihr Umfeld bekommt Shamir jedoch selten klare Antworten: Tatsächlich ist Antisemitismus gar nicht so einfach zu finden – zumindest kein offen erkennbarer. Und dass, obwohl Shamir sich zunächst in New York an die Anti-Defamation League (ADL) wendet, der weltweit größten Organisation gegen Antisemitismus, die judenfeindliche Vorfälle dokumentiert. Die Suche nach einem aktuellen Beispiel erweist sich trotzdem schwieriger als gedacht, bis sich "endlich" ein mit Steinen beworfener jüdischer Schulbus findet.
Eindrücklicher gestalten sich da schon die Auslandsreisen der ADL. In jedem Land wird die Delegation von ranghohen Regierungsvertretern empfangen, die glauben, sich so auch an die US-Regierung anzunähern. Ist diese Annahme jüdischen Einflusses aber vielleicht bereits Antisemitismus? Erstaunlich oft fußen Shamirs augenzwinkernde Unterhaltungen und Beobachtungen auf Annahmen und Behauptungen, oder auch auf Vorurteilen, wie etwa eine Begegnung mit schwarzen Passanten zeigt, die von einer Bevorzugung von Juden in Behörden überzeugt sind.
"Wir wissen, dass wir gehasst werden", sagt ein jüdisches Mädchen vor der in Israel üblichen Klassenfahrt nach Auschwitz ins angeblich zutiefst antisemitische Polen. Shamir begleitet die Gruppe und nimmt einige der interessantesten Szenen des Films auf. Kaum in Polen angekommen, missversteht die Klasse prompt ein paar belanglose Fragen als Affront. Spätestens die bewegenden Besuche verschiedener
Holocaust-Gedenkstätten führen dann zu Vergewisserung der Schüler/innen über die Existenz eines globalen "Judenhasses". Paranoia, politisches Kalkül oder konkrete Bedrohung? "Defamation" liefert darauf keine Antwort. Vielmehr versteht es Shamir durch die richtigen Fragen, die mit Antisemitismus verbundenen Gefühle und Politiken aufzuspüren.
Marguerite Seidel(Hashmatsa), Dokumentation, Israel, Dänemark, USA, Österreich 2009, Regie & Buch: Yoav Shamir, OmU, 93 Min, Kinostart: 26. August 2010 bei Real Fiction
Foto: Verleih
www.defamation-thefilm.euWebsite zum Film
www.imdb.deInfos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.deMehr Artikel zum Film