Image 26641
Die New Yorker Aufführung von "Julius Caesar" schrieb 1937 Geschichte: Der junge Orson Welles hatte das Shakespeare-Stück modernisiert und seine Schauspieler in zeitgenössische Faschisten-Uniformen gesteckt – eine deutliche Warnung vor dem, was sich in Europa gerade zusammenbraute. Dass der erst 22-jährige Welles nichts anderes war als ein Genie, steht in "Ich & Orson Welles" außer Frage, und dafür ist zuallererst die fantastische Darstellung von Christian McKay verantwortlich. Wenn es nur darum ging, dem Schauspieler und Regisseur von "Citizen Kane" (1941) in seiner ganzen wuchtigen Erscheinung – breite Figur, breites Grinsen, immer eine Zigarre im Mundwinkel – mit einer Hommage zu huldigen, hat Richard Linklater ("Waking Life", 2001) schon gewonnen. Wie beim echten Welles möchte man am liebsten gleich ein paar Kilo zulegen. Gelungen ist der Film aber auch einfach als nostalgisches Zeitbild mit jeder Menge Theaterflair.
Sozusagen stellvertretend fürs Publikum darf der 18-jährige Richard (Zac Efron) einen Blick hinter die Kulissen werfen. Welles' Produktion ist noch nicht legendär, sondern ein Chaos. Von der Straße weg erschummelt sich Richard eine kleine Rolle und erlebt den Meister aus nächster Nähe. Es ist eine harte Schule. Der Julius Caesar im Stück hat Züge von Benito Mussolini, Welles spielt den Diktatorenmörder Brutus – doch der wahre Diktator im "Mercury Theatre", muss Richard feststellen, ist Welles selbst. Schauspieler, Manager und Bühnenleute folgen bedingungslos seinem Willen. Wenn der joviale Exzentriker in einem zweckentfremdeten Ambulanzwagen – "Wir proben auf dem Weg, steig ein, Junior!" – zu einer Radioaufnahme hetzt, weil er dabei das meiste Geld verdient, steht die Produktion still. Nebenbei dient das ganze Theater der Tarnung seiner zahllosen Affären. Auch die ehrgeizige Regieassistentin Sonja (Claire Danes) beugt sich diesem Regime, eine von Richards bitteren Erfahrungen. Gegen den mächtigen Orson Welles ist er nur ein Leichtgewicht.
Welch riesige Rolle Geld, Macht und Status gerade in der schönen Welt der Kunst spielen, ist für Linklater aber kein Punkt der Kritik, sondern Teil der ganzen Magie. Diese Schauspieler spielen nicht nur für den schönen Schein, für die Gunst des Publikums, sondern um ihr Leben. Immer wieder spürt man im Film die plötzliche Anwesenheit von Kunst als etwas, das unsere Existenz berührt und Respekt einfordert. Über diese Begeisterung hat Linklater seinen Film gemacht, der darüber hinaus die amerikanische Aufbruchstimmung nach den Jahren der Großen Depression wunderbar einfängt. Für Welles war es übrigens eine kurze Blüte: Für seinen autoritären Stil bald eher berüchtigt als berühmt, durfte er kaum einen seiner späteren Filme nach eigenem Willen fertig stellen.
Philipp Bühler
(Me and Orson Welles) Großbritannien 2008, Regie: Richard Linklater, Buch: Holly Gent Palmo, Vincent Palmo Jr., nach dem Roman von Robert Kaplow, mit Zac Efron, Christian McKay, Claire Danes, Ben Chaplin, Eddie Marsan u. a., 109 min, Kinostart: 26. August 2010 bei farbfilm
Foto: Verleih