Mary & Max
Gebastelt hat Adam Elliot schon immer. Als Kind klebte er Eierkartons oder Klopapierrollen zusammen und nach dem Schulabschluss verkaufte er fünf Jahre lang selbst bemalte T-Shirts. Sein liebstes Bastelmaterial, die Knetmasse, entdeckte der Australier erst, als ihm das T-Shirt-Business langweilig wurde und er sich entschloss, Animation zu studieren. Seither knetet er: und das heißt, 24 Mal kneten an einer Figur für eine Filmsekunde. In rund dreizehn Jahren hat Adam Elliot "nur" vier Kurzfilme und mit "Mary & Max" seinen ersten Kinospielfilm gedreht. 5 Jahre, 50 Mitarbeiter/innen und 212 Puppen, 133 Kulissen und 475 Requisiten, von einer winzigen Schreibmaschine bis zur Miniaturtasse, brauchte er für "Mary & Max".
Geduldsspiel
Verrückt, pedantisch oder besessen? In jedem Fall sind Elliots Arbeiten seltene künstlerische und handwerkliche Hochleistungen. Ähnlich den Animationskünstlern, die für "Avatar" (James Cameron, USA 2009) oder "Oben" (Pete Docter, Bob Peterson, USA 2009) auf der Suche nach den besten digitalen Bildern jahrelang vorm Rechner sitzen, brauchen auch Adam Elliot oder "Wallace & Gromit"-Schöpfer Nick Park vor allem eins: unglaublich viel Zeit. Knetanimation heißt ihre Form des Stop-Motion-Trickfilms oder auf Englisch "Claymation" – eine Wortschöpfung zwischen dem englischen "Ton" und "Motion", die sich einer der amerikanischen Pioniere des Genres, Will Vinton, 1978 schützen ließ.
Kneten, das lieben die Kindergartenkinder, und vielleicht gilt deshalb die Knetanimation als alles andere als kompliziert: Man nehme Plastilin, so der Fachbegriff für die Modelliermasse, forme eine Figur und nehme ein Einzelbild davon auf. Dann verändere man die Figur leicht, nehme das nächste Einzelbild auf und so weiter. Später verbindet die Montage diese Einzelaufnahmen zu einem bewegten Bild. Auf diese Weise lässt sich an einem Tag ungefähr drei Sekunden Film herstellen.
Alter Filmtrick und Fernsehhit
Gumby & Pokey
Im Prinzip eine simple Technik, die nach der Erfindung von Plastilin als "Kunstmodellierthon" Ende des 19. Jahrhunderts sodann im damals noch jungen Medium Film als Spezialeffekt oder Gag eingesetzt wurde. Erstmals integrierten mit "A Sculptor’s Welsh Rarebit Dream" (Edwin S. Porter, 1908) und "The Sculptor’s Nightmare" (Wallace McCutcheon, 1908) zwei amerikanische Realfilme Plastilin, beide in vergleichbaren Plots: Ein Bildhauer muss dringend einige Auftragsarbeiten erledigen. Im Traum formt sich die Modelliermasse wie von selbst zu den bestellten Büsten.
Filme, die ganz und gar auf der Knetanimation beruhen, waren lange Jahre eher rar und experimentell. Der deutsche Künstler und Filmavantgardist Oskar Fischinger etwa schuf in den 1920er-Jahren unter anderem mit Knete und Wachs abstrakte Kurzfilme. Erst als ein Experimentalfilm – ein durchgeknallter Formen- und Farbentrip namens "Gumbasia" von Art Clokey, USA 1953 – einem investitionsfreudigen Filmproduzenten auffiel, wanderte die weiche Masse auch in die populären Medien. Ob in Gestalt des grünen Knetmännchens Gumby im amerikanischen Fernsehen, als "Pingu" im europäischen Kinderprogramm, als "Celebrity Death Match" auf MTV, in osteuropäischen Kinder- und Avantgardefilmen, als gerupftes Hühnchen im "Sledgehammer"-Musikvideo von Peter Gabriel oder integriert in Michael Jacksons "Moonwalker", Knetmasse kann alles sein: kindlich, lustig, cool, morbid und subversiv.
Gefühlsprozesse
Knetanimationen in Spielfilmlänge sind dennoch Ausnahmeerscheinungen, geschuldet der enormen Ausdauer, die die Herstellung verlangt. Nachdem Will Vinton mit seinem Kurzfilm "Closed Monday" 1974 den ersten Oscar für eine Knetanimation verbuchen konnte, machte er sich als erster Regisseur an die Sisyphusarbeit für einen ganzen Spielfilm. Aber "The Adventures of Mark Twain" (USA 1985) floppte – vielleicht weil der Rundumschlag durch das Werk des Schriftstellers zu konstruiert wirkte, vielleicht weil er falsch vermarktet wurde. Inzwischen ist der Film fast vergessen.
Wallace & Gromit
Obwohl per Computer heute ebenso gut animierte Welten geschaffen werden können, ist die bewegte Knetmasse noch immer ein Kinoereignis. Prominenteste Beispiele sind hier die Filme der britischen Claymation-Schmiede Aardman, die seit ihrer Gründung 1972 Publikumshits wie "Chicken Run - Hennen rennen" (Peter Lord & Nick Park, 2000) landete und auch ein paar Oscars einheimste – zuletzt 2006 für "Wallace & Gromit auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen" (Steve Box & Nick Park, 2005). Den besonderen Charme von Plastilin erklärt Aardman-Regisseur Nick Park wie folgt: "Ich bewundere Computeranimation, aber bestimmte Dinge kann man damit nicht machen. In die Stop-Motion-Technik muss man sein Herz hineinlegen, das ist ein Gefühls-, kein Kopfprozess. Das gibt den Figuren Menschlichkeit und Seele."
Faszination des Handgemachten
Auch wenn Aardman inzwischen auf den Computer zurückgreift und damit Fehler retuschiert oder künstliche Feuer aufflackern lässt, schwören die Knet-Aficionados weiterhin auf die Formbarkeit von Plastilin, um Gedanken und Gefühle in Bewegungen zu übersetzen. Adam Elliot ist daher überzeugt, dass die wahren Protagonisten der Knetanimationen ihre Schöpfer selbst sind, und lehnt Computereffekte kategorisch ab. Sogar ein Feuer inszeniert er selbst – klassisch handgemacht mit Zellophan. Trotzdem oder gerade deshalb lassen sich an seinen Filmen die Entwicklungen und Möglichkeiten von Claymation gut ablesen. Während die Familien-Trilogie "Uncle" (1996), "Cousin" (1998) und "Brother" (1999) noch richtige Heimwerker-Produktionen sind – mit Fingerabdrücken in den Figuren, statischen Bildern und minimalistischem Schwarz-Weiß – gestaltete sich sein Oscar-Gewinner über den notorischen Pechvogel "Harvie Krumpet" (2003) durch verwickelte Handlung, dynamische Kamera und ein bisschen Farbe technisch anspruchsvoller. Elliot begann im Team zu arbeiten, die Figuren wirken weniger roh, ihre Bewegungen präziser. Von einer Knetanimation kann man streng genommen inzwischen nur noch bedingt sprechen. Harvie, Mary oder Max sind – ähnlich wie die Aardman-Kreaturen – zu weinflaschengroßen Geschöpfen aus Polymeren, Tonen, Kunststoffen und Metallteilen geworden. "Ich würde sagen, meine Filme sind wie Lasagne. Sie haben viele Schichten und Zutaten", so Elliot.
Marguerite Seidel würde niemals freiwillig basteln, aber von Knetanimationen und ihren "Making-of-Filmen" kann sie trotzdem nicht genug kriegen.
Fotos: Verleih
www.adamelliot.com.au
Website von Adam Elliot
www.aardman.com
Website von Aardman Animation
www.willvinton.net
Website von Will Vinton
www.moviecollege.de/filmschule/animation/knetanimation.html
Anleitungen zur Knetanimation