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Sie sind unter uns. Menschen aus aller Welt bilden einen geheimen virtuellen Staat, das 8. Wonderland, in dem alle gemeinsam Woche für Woche basisdemokratische Entscheidungen treffen. Die Bevölkerungszahl steigt rasant, die Macht des Wonderlands auch: Als Weltverbesserer/innen greifen sie zunehmend in die Matrix der Kohlenstoffwelt ein. Was mit harmlosen Aktionen wie der Anbringung von Kondomautomaten im Vatikan beginnt, steigert sich bis zur Entführung der Kinder der G8-Staatschefs.
Doch je weiter sich die Wonderländer/innen aus ihrer überschaubaren Parallelwelt hinauswagen, desto komplexer werden die Konsequenzen. Ein Trittbrettfahrer gibt sich als Präsident des Wonderlands aus und nutzt seine Rolle für Marketingaktionen. Die Politikelite will die Server abschalten lassen. Die Bewohner/innen kommen nicht umhin – Anonymität und Basisdemokratie hin oder her – einen Sprecher und Repräsentanten zu wählen. Zudem sind nicht alle mit den zunehmend radikalen Aktionen einverstanden – eine innere Zerreißprobe droht.
Sehr ambitioniert erzählen Nicolas Alberny und Jean Mach den Film aus Sicht diverser, internationaler Wonderland-Bewohner/innen, immer wieder unterbrochen durch Nachrichtenschnipsel – ein multimediales Spektakel. Dazu wird ein Schwung aktueller und spannender Themen verhandelt: die Erfahrung der Grenzen von Basisdemokratie etwa. Die Militarisierung und Radikalisierung von Gruppen mit Gesellschaftsverbesserungsanspruch – und ihre vermeintliche Arroganz in der Frage, wer eigentlich entscheidet, was gut und richtig für die Welt ist. Die neue Macht und die Möglichkeiten des Internet zur weltweiten Kollaboration. Das verwirrende Spiel mit Identitäten im virtuellen Raum.
Das klingt aufregend und hat angesichts der Debatte um die Internetseite Wikileaks – deren Macher regelmäßig brisante und geheime Dokumente im Internet einer Öffentlichkeit zuführen, sich aber ansonsten wie eine Geheimloge gerieren – auch noch einen hochaktuellen Bezug. Aber leider wurde "8. Wonderland" inszenatorisch komplett vor die Wand gefahren. Die Schauspielleistungen und Dialoge sind so unterirdisch hölzern, dass man sie nicht mal mehr als Episches Theater im Brecht'schen Sinne rechtfertigen kann. Und das gesamte Wonderland ist dermaßen unlogisch aufgebaut und dargestellt, dass es weh tut. Es ist komplett unklar, wie dort angeblich rund eine Million Menschen in irgendeiner Form zielführend diskutieren. Wer plant die Wochenabstimmungen? Wer setzt die zum Teil logistisch hoch aufwändigen Aktionen um? Wie ist überhaupt der Zugang geregelt und warum sitzen nicht ein paar Geheimdienstler aus der Echtwelt mit im Boot, wenn zugleich absurd naive Leute Wonderländer werden konnten?
Wer all das für zu vernachlässigende Detailfragen hält, weil es ja nur ein Film ist, kann sich nicht vorstellen, wie hanebüchen all das wirkt. Passend visualisiert ist das 8. Wonderland durch im Raum herumfliegende Chatfenster – also ungefähr so, wie man sich das Internet vor 15 Jahren vorstellte, damals, als es noch Cyberspace hieß. Dass vergleichbare Sozialstrukturen im realen Netz längst dutzendfach existieren, wird im Film einfach ignoriert. Eine vertane Chance. Schade.
Michael Brake
(8th Wonderland) Frankreich 2008, Buch & Regie: Nicolas Alberny, Jean Mach, mit Matthew Géczy, Eloïssa Florez, Robert William Bradford, Alaïn Azerot, Ahlima Mhamdi u. a., OmU/DF, 94 min, Kinostart: 12. August 2010 bei Neue Visionen
Foto: Verleih
www.8thwonderland.com
Website zum Film (englisch)
www.8wonderland.org
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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www.kinofenster.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de
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