Früher war Andrei Filipov (Aleksei Guskov) ein gefeierter Dirigent am Moskauer Bolshoi-Theater. Weil er sich weigerte, seine jüdischen Orchestermitglieder zu entlassen, fiel er vor dreißig Jahren in der Sowjetunion der Breshnew-Ära in Ungnade. Am Theater durfte er jedoch bleiben, als Putzmann. Seitdem hat er keinen Taktstock mehr angerührt, und auch die neue Zeit hat daran nichts geändert. Bei einer seiner Putzrunden im Büro des Direktors lässt er ein Fax aus dem berühmten Théâtre du Châtelet in Paris mit einer Gastspielanfrage mitgehen und sieht seine zweite Chance gekommen: Er will mit seiner alten Besetzung unter falschem Namen nach Paris fahren. Das echte Orchester ist sowieso in den Ferien, und seine Bedingung, nicht ohne die französische Geigenvirtuosin Anne-Marie Jacquet (Melanie Laurent) auftreten zu wollen, wird auch erfüllt. Schwieriger ist es, die ehemaligen Kollegen, die sich inzwischen als Straßenhändler oder Krankenwagenfahrer durchschlagen, zusammenzutrommeln. Die Aussicht auf einen kostenlosen Paris-Aufenthalt und ein üppiges Taschengeld überzeugt aber den letzten Zweifler. So fällt die trinkfreudige Chaostruppe im feinen Paris ein, kann aber bei den ersten Proben alles andere als bezaubern.
In Frankreich hat der Film des gebürtigen Rumänen Radu Mihaileanu ("Zug des Lebens", "Geh und lebe") bereits an den Kinokassen abgeräumt. Mit Genuss inszeniert er den Zusammenprall unterschiedlicher Lebenswelten und Kulturen und spielt geschickt mit gängigen Klischees. Das beginnt bereits im turbokapitalistischen Moskau, wo sich ewiggestrige Kommunismusverherrlicher ihre Demonstranten kaufen müssen und die mafiösen "Neuen Russen" selbst bei Hochzeiten aufeinander schießen, Künstler jedoch ihr Geld eher auf der Straße als am Theater verdienen. Im bourgeoisen Paris angekommen, werden deswegen weiter fröhlich Handys verscherbelt oder eine neue Weltrevolution vorbereitet. Zwar kommt das alles sehr schwarzhumorig und mitunter klamaukig daher, hat jedoch einen ernsten Kern. Besonders Hauptdarsteller Guskov gibt seiner Figur überzeugend die wütende Entschlossenheit und verzweifelte Weinerlichkeit eines Menschen, der noch eine Rechnung mit dem Schicksal offen hat, so wie alle seine Kollegen. Aber auch der französische Cast mimt herrlich selbstironisch die leicht überheblichen Pariser; Laurent überzeugt als Violinistin in der Schaffenskrise. Und wenn beim tatsächlich stattfindenden Konzert die anfängliche Kakophonie sich in wundervollste Tschaikowski-Melodien verwandelt, darf mindestens ein Tränchen verdrückt werden.
Ingrid Beerbaum
(Le Concert) Frankreich, Italien, Belgien, Rumänien 2009, Regie: Radu Mihaileanu, Buch: Radu Mihaileanu, Alain Michel Blanc, Matthew Robbins, mit Aleksei Guskov, Dmitri Nazarov, Mélanie Laurent, François Berléand, Miou-Miou u. a., 122 min, Kinostart: 29. Juli 2010 bei Concorde
Foto: Verleih
www.europacorp.com/dossiers/leconcert
Website zum Film (französisch)
www.konzert-derfilm.de
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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