Inception

Einstürzende Traumbauten

Kinostart: 29.7.2010 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Manchmal schreckt man in der Nacht auf und ist schweißgebadet, durcheinander und froh, dass der Traum nicht Wirklichkeit war. Bei aller Irrationalität können sich Träume schließlich so echt anfühlen, als hätte man die geträumten Situationen gerade tatsächlich durchlebt. So real sehen auch die Traumszenarien aus, die Christopher Nolan in "Inception" entwirft. Aber traumgemäß ist diese Realität trügerisch und kann sich plötzlich verschieben, verändern, aus den Fugen geraten und sprichwörtlich auf dem Kopf stehen. In diesen Traumwelten kennt sich Leonardo DiCaprio als Dom Cobb bestens aus, denn er ist ein begnadeter Dieb, der sich ins Unterbewusstsein anderer Menschen schleicht und dort – zum Zweck der Industriespionage – deren Gedanken und Ideen stiehlt. Weil er dafür weltweit gesucht wird, kann er selbst nach dem Tod seiner geliebten Frau (Marion Cotillard) nicht zu seinen Kindern zurückkehren. Das könnte sich allerdings durch einen Auftrag ändern. Dafür soll er nicht stehlen, sondern den umgekehrten Weg gehen: Er soll mit der Unterstützung eines Spezialistenteams eine Idee in die Gedanken des Erben eines potenziellen Energie-Weltmonopolisten pflanzen und ihn so manipulieren.

Je tiefer Cobb und sein Team bis in die dritte Ebene des Unterbewusstseins vordringen, desto stärker wird er mit sich selbst konfrontiert: mit dem Verlust seiner Frau und der Sehnsucht, seine Kinder wiederzusehen. Diese Vielschichtigkeit fordert auch DiCaprio heraus und lässt ihn unter großer Anspannung zu ähnlicher Hochform auflaufen wie kürzlich in Martin Scorseses Psychogeisterbahn "Shutter Island", in der er sich schon einmal durch eine Welt zwischen Vorstellung und Wirklichkeit arbeiten musste. Auch Regisseur Nolan schließt mit diesem Konstrukt über die Manipulation von Wahrnehmung an seine vorherigen Arbeiten an. Neben seinen zwei herausragenden "Batman"-Adaptionen besteht seine Filmografie aus filmischen Hirnstimulationen: Mal rückwärts erzählt wie "Memento", mal zwischen Schein und Sein wie in dem Magierverwirrspiel "Prestige - Die Meister der Magie" – und nun eben der Trip in Träume mit "Inception", an dessen Drehbuch er angeblich zehn Jahre geschraubt und nachjustiert hat.

Nolans Inszenierung dieser real-mentalen Landschaften ist virtuos, kontrolliert und mächtig. Doch bei all dieser Virtuosität vernachlässigt er bei seinen furchtlosen Sprüngen zwischen den Traumebenen zugunsten der Action auch zunehmend seine philosophisch-reflexiven Ansätze und behält dabei immer so etwas wie ein geordnetes Chaos bei, als ob er sich nicht vollends auf die Unlogik des Unterbewussten einlassen will. Als monumentale Konstruktionsarbeit mit perfekten Effekten fordert "Inception" heraus – und so auch die gesamte Aufmerksamkeit beim Zusehen. Wahrscheinlich ist das mehr, als jeder andere Actionblockbuster dieses Jahres leisten wird, und dafür kann man ihn bewundern. Eine nachhaltige emotionale oder philosophisch stimulierende Bewegung bleibt nach dem zweieinhalbstündigen Traummanöver allerdings aus.
Sascha Rettig

Inception, USA, Großbritannien 2010, Buch & Regie: Christopher Nolan, mit Leonardo DiCaprio, Ken Watanabe, Joseph Gordon-Levitt, Marion Cotillard, Ellen Page, Cillian Murphy u. a., 148 min, Kinostart: 29. Juli 2010 bei Warner Bros.

Foto: Verleih



http://inceptionmovie.warnerbros.com
Website zum Film (englisch)
wwws.warnerbros.de/inception
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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