Renn, wenn du kannst

Zwei Männer, eine Frau und ein Rollstuhl

Kinostart: 29.7.2010 | Jenni Zylka | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Was macht man, wenn die Körpersprache nicht funktioniert? Wenn das dazugehörige Organ, der Körper, nicht mehr das tut, was er soll? Ben ist Mitte 20 und sitzt nach einem Unfall im Rollstuhl. Halsabwärts geht nicht viel, den Kopf kann er bewegen, mit den Armen kann er sich abstützen, er kann sein umgebautes US-Oldsmobile selber steuern, den Greifreflex der Finger nutzen, um einen Kugelschreiber zu halten, er kann sich selber Zigaretten anzünden, am Computer schreiben. Weiter unten ist komplett tote Hose.

Drei auf wackeligem Boden

Aber die eigentliche Sprache hat Ben bei dem Unfall nicht verloren: Er ist ein Zyniker, einer, der perfide und lustvoll einen Zivi nach dem anderen rausekelt, seine Mutter beleidigt, jedem und allem mit Sarkasmus begegnet. Er quatscht, er lästert, er macht sich lustig, er lässt den tief traumatisierten Menschen in seinem Inneren die Verbitterung über seinen Zustand in jeder Sekunde herausschreien. Und das Mitleid macht die meisten seiner Mitmenschen still. Nur Christian, der sich als neuer Zivi bei ihm vorstellt, begegnet Ben selbtsbewusst genug, um ihm Paroli zu bieten: "Bei mir wirst du vom Jungen zum Mann reifen", behauptet Ben. Darüber kann Christian nur grinsen.

Gleichzeitig mit einer sich vorsichtig entwickelnden Freundschaft zwischen dem gutmütigen Zivi und dem zynischen Rolli wächst mit dem Auftritt von Annika eine neue Situation: Beide lernen die langwimprige, lampenfiebrige Cellostudentin kennen. Beide verlieben sich in sie. Und obwohl Christian zunächst die besseren Chancen zu haben scheint, holt Ben schnell auf. Die Beziehungen verkordeln sich zu einer wackligen Menage à trois, kordeln wieder auf und werden durch verschiedene Katastrophen neu gemischt. Am Ende haben alle das gelernt, was ihnen am meisten fehlte.

Rührend ohne Kitsch

Dietrich Brüggemanns Debütfilm erzählt keine neue Geschichte: Das Erreichen von persönlichen (Erkenntnis-)Zielen (im Rollstuhlfahrer-Fall ist es wie so oft ein höher gelegener Ort, an den er unbedingt will), das Überwinden von Widrigkeiten, das Streiten von zwei Männern um eine schöne Frau sind die klassischen Drama-Zutaten. Auch hat Brüggemann, der das Drehbuch zusammen mit seiner Schwester und Annika-Darstellerin Anna schrieb, sich bei der Frauenfigur mächtig aus der 1950er-Traditionskiste bedient: Annika ist hübsch, lieb, emotional schlau, caritativ und bekam von ihren Autoren keinen einzigen der sarkastischen und humorvollen Sprüche, mit denen die beiden Hauptdarsteller um sich werfen. Aber die drei Helden, die aus ganz unterschiedlichen Gründen be- oder gehindert sind – offensichtlich durch den Rollstuhl, weniger offensichtlich durch Cello und Lampenfieber und immer noch genug durch die typisch studentische mangelnde Entscheidungskraft – funktionieren als Trio prima: Durch Annika kommt Ben in Kontakt mit seinen Gefühlen, durch Ben wird Christian klar, was er will, durch beide lernt Annika, mit ihren Ängsten umzugehen.

Brüggemann gibt allen genug eigenwilligen Charme mit, lässt sie rührend, ohne kitschig, lustig, ohne schenkelklopfend, und traurig, ohne tränenschniefend zu sein. Und er wird dabei hervorragend von den drei Schauspielern übersetzt: Mit eingeschränkten und damit umso beeindruckenderen Mitteln schafft vor allem Robert Gwisdek in diesem Film den größtmöglichen Impact, überzeugt durch Lakonie, Pointensicherheit und eine immer und überall durchscheinende Sensibilität.

Am Ende knallt's

Nur zum Schluss hin zieht sich die Geschichte an zu ausgewalzten Bildern, zu genau erklärten Motiven und zu auffällig inszenierten Pointen entlang. Da lässt Brüggemann seinen Protagonisten durch eine lange, traumartige Nahtodsequenz stolpern, die man doch vorher bereits abgehandelt hatte, da werden noch mal alle dramaturgischen Register gezogen, damit auch auf jeden Fall alles mit Knalleffekt zu Ende geht. Dabei hat man bereits genug verstanden, hat alle ins Herz geschlossen. Man würde eigentlich lieber schon aufstehen, ein Bier trinken gehen und sich darüber freuen, dass neue deutsche Filme so reizend sein können.

Renn, wenn du kannst, Deutschland 2010, Regie: Dietrich Brüggemann, Buch: Anna Brüggemann, Dietrich Brüggemann, mit Robert Gwisdek, Anna Brüggemann, Jacob Matschenz, Franziska Weisz, Michael Sens u. a., 112 min, Kinostart: 29. Juli 2010 bei Zorro

Fotos: Verleih

Jenni Zylka ist Geheimagentin und Buchautorin.



www.rennwenndukannst.de
Website zum Film (deutsch)

www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film

www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz





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