Drei junge Männer in Istanbul. Drei Leben, die sich größtenteils auf derselben Brücke abspielen: auf der gewaltigen Bosporusbrücke, die das asiatische mit dem europäischen Ufer der türkischen Millionenmetropole verbindet. Murat (Murat Tokgöz) stammt aus einem beschaulichen Ort am Mittelmeer. Nun ist er in Istanbul Verkehrspolizist und wacht darüber, dass der unendlich scheinende Autostrom auf der Bosporusbrücke, der sich tags wie nachts auf beiden Fahrbahnseiten über die Meerenge schiebt, nicht vollends zum Erliegen kommt. Wenn er abends heimkehrt in seine kleine Wohnung, die er sich mit einem Kollegen teilt, und ihn die Einsamkeit überkommt, setzt er sich an den Computer, um in den Chatrooms nach der großen Liebe Ausschau zu halten. Umut (Umut Ilker) fährt ein Sammeltaxi. Tagtäglich quält er sich durch den zähen Brückenverkehr. Der Lohn, den er dafür bekommt, reicht für eine bescheidende Existenz, nicht jedoch dafür, die Wünsche seiner Frau (Cemile Ilker) nach einer größeren Wohnung, nach einem großzügigeren Lebensstil zu erfüllen. So lastet eine Unzufriedenheit auf dem ehelichen Alltag, die Umut auch bei der Arbeit nicht abschütteln kann. Und dann wäre da noch Fikret (Fikret Portakal), der siebzehnjährige Schlacks aus einem der ärmlichen Zuwandererquartiere der Stadt. Den im Stop-and-go vorbeirollenden Autofahrern/innen bietet er Rosen zum Kauf. Ein illegales Geschäft, das freilich meist ohne Erfolg bleibt. Doch immerhin ist es nicht so aussichtslos wie der Versuch, in der Innenstadt einen regulären Job als Verkäufer zu bekommen.
Zwischen zwei Welten
Die Brücke ist gemeinhin ein positiv besetzter Begriff. Ein Symbol für Verständigung und Multikulturalität, für gesellschaftlichen Fortschritt und individuelles Vorankommen. Istanbul, die einzige Stadt auf zwei Kontinenten, wird wie kein anderer Ort auf der Welt mit dieser Idee der Brücke belegt. Am Bosporus treffen wahlweise Orient und Okzident aufeinander. Islam und Christentum. Tradition und Moderne. Fundamentalismus und Liberalität. Oder Erste und Dritte Welt. Auch Fatih Akin hat Istanbul als kulturelle Brückenstadt inszeniert, in seinem wunderbaren Dokumentarfilm "Crossing the Bridge" über die faszinierend vielfältige Musikszene der Metropole.
Ein Ort des Stillstands
Der Titel von Akins Film weist auf die wesentliche Aufgabe einer jeden Brücke hin: Sie ist vor allem zum Überqueren gebaut, ein Ort der Bewegung, des Austauschs. Nicht zuletzt deshalb ist sie ein so beliebter Schauplatz von Filmen. "Men on the Bridge" jedoch besetzt das Bauwerk einmal ganz anders. Der Film der seit einigen Jahren in Berlin lebenden türkischen Regisseurin Asli Özge zeigt die Bosporusbrücke als einen Ort permanenten Stillstands. Und das nicht nur, weil sie einen Verkehrsengpass bildet, an dem Stoßstange an Stoßstange stößt. Die Brücke steht vor allem für die stagnierenden Lebensläufe der Protagonisten. In ihren festgefahrenen Arbeitssituationen hängen die drei förmlich in der Luft. So sehr sie sich auch strecken – der feste Boden unter den Füßen, den sie für ein Fortkommen benötigen, erscheint für sie unerreichbar. Dieser Zustand ist natürlich umso frustrierender, da sie das gute, bessere Leben alltäglich vor Augen haben: Da sind die Pendler/innen auf der Brücke, in ihren teuren Karossen. Das Überangebot der Elektronikkaufhäuser in der City. Oder die lockenden Botschaften im Internet oder im Fernsehen. Überall finden die Männer ihre Wünsche visualisiert, werden ihre Sehnsüchte aufs Neue aktualisiert.
Die Türkei heute
Dass es Asli Özge bei ihrem Film nicht allein um die Schilderung von Einzelschicksalen geht, liegt angesichts der episodischen Form auf der Hand. "Men on the Bridge" ist als ungewohnt kritische Bestandsaufnahme der türkischen Gegenwart zu verstehen. Der geschickte Einsatz der Laiendarsteller/innen, die sich gewissermaßen selbst spielen, und die gelungene Einbindung der Originalschauplätze verleihen dem ernüchternden Befund die Wahrhaftigkeit eines mit der Handkamera auf der Straße gefilmten Dokumentarfilms. Dabei versteht es die 35-jährige Regisseurin mit bemerkenswerter Subtilität, den Bogen vom individuellen Alltag ihrer Figuren zur großen Politik zu spannen. So begleitet sie ihre Protagonisten/innen am Tag der Republik, der mit martialischen Umzügen und einem opulenten Feuerwerk begangen wird. Ein andermal bindet Asli Özge eine Nachrichtensendung ein, in der von einem verheerenden PKK-Anschlag im Osten des Landes berichtet wird – um im Anschluss zu zeigen, wie die Regierung den Tod der Soldaten zu einer Demonstration nationaler Geschlossenheit instrumentalisiert. Beim mit Türkeifahnen bespickten Trauermarsch herrscht ein einziges Mal ungehinderte Bewegung auf der Bosporusbrücke. Der politisch gesteuerte nationale Überschwang sorgt für Bilder, die den alltäglich erlebten Stau, die reale Stagnation der Gesellschaft überdecken. Nationalismus als Opium für das Volk.
Das Leben – ein Fluss?
Dass "Men on the Bridge" bei all seiner Wirklichkeitsnähe nie an dramaturgischer Kraft verliert, liegt unter anderem daran, dass Asli Özge geradezu virtuos mit den Spannungsmechanismen des fiktionalen Kinos zu spielen vermag. Auch wenn sich die drei Hauptfiguren nie begegnen – dass die Handlung sie zusammenführt, ja, dass sich die Erzählstränge wie etwa im Oscar®-gekrönten Episodenfilm "L.A. Crash" letztlich zu einem märchenhaften Ganzen fügen, diese Hoffnung hegt wohl insgeheim fast jede/r Zuschauer/in bis zum Schluss. Wie genau die Filmemacherin um die Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen ihres Publikums weiß, offenbart sich auch in der Inszenierung der Brücke selbst, die manchmal auf verblüffende Weise der Golden Gate Bridge ähnelt, wie wir sie aus unzähligen Hollywoodfilmen kennen. So dient die Bosporusbrücke als Sinnbild einer frustrierenden Realität und als Sehnsuchtsbild zugleich. Letzteres erklärt auch die Anziehungskraft, die sie trotz allem für die drei Helden besitzt. Sie erhält ihnen die Illusion, dass ihr Leben im Fluss ist. Sie hält ihre Sehnsüchte am Leben.
(Köprüdekiler) Deutschland, Türkei, Niederlande 2009, Buch & Regie: Asli Özge, mit Fikret Portakal, Murat Tokgöz, Umut Ilker, Cemile Ilker u. a., 87 min, Kinostart: 22. Juli 2010 bei Farbfilm Verleih
Foto: Verleih
Jörn Hetebrügge ist Filmjournalist in Berlin.
www.menonthebridge.com
Website zum Film (englisch, türkisch)
www.farbfilm-verleih.de
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs
www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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