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Jean-Pierre Jeunet, Meister des schwarzen Humors

Hinter den Kulissen des Zauberers

21.7.2010 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Egal, ob Jean-Pierre Jeunet in "Die fabelhafte Welt der Amélie" die schüchtern versponnene Audrey Tautou ihre große Liebe entdecken ließ oder ob er sich zusammen mit Co-Regisseur Marc Caro die postapokalyptische Kannibalenkomödie von "Delicatessen" ausdachte: In jedem seiner Werke – abgesehen von seinem schleimreichen "Alien: Resurrection"-Sequel – kreierte der Franzose unverkennbare Filmwelten, die voller Poesie, visuellem Einfallsreichtum und einem Überfluss an skurrilen Ideen stecken. Auch sein Pariser Rachemärchen "Micmacs - Uns gehört Paris", mit dem er sich nun nach der gescheiterten Romanadaption von "Schiffbruch mit Tiger" zurückmeldet, ist diesbezüglich keine Ausnahme.

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fluter.de: Monsieur Jeunet, nach "Micmacs - Uns gehört Paris" hat man wie auch bei all Ihren bisherigen Filmen den Eindruck, Sie müssten ein romantischer, verspielter Kinomacher und zugleich ein Kontrollfanatiker sein. Wie bringen Sie diese verschiedenen Seiten zusammen?

Jean-Pierre Jeunet: Ich sehe da gar keinen Kontrast. Denn wenn man eine Idee umsetzen will, auch wenn sie poetisch ist, muss man die Kontrolle haben. Zwar gibt es Poesie natürlich auch in einer sehr offenen Form, aber das ist nicht meine Herangehensweise.

Sie würden sich also auf jeden Fall als Kontrollfanatiker bezeichnen?

Ja, definitiv. Das liegt sicher auch daran, dass ich zu meiner Anfangszeit Animationsfilme gemacht habe. Ich bin aber trotzdem immer offen für neue Ideen. Wenn mir ein/e Schauspieler/in etwas vorschlägt, freue ich mich darüber. Ich glaube aber daran, dass man auf jeden Fall hart arbeiten muss. Picasso machte 150 Skizzen für Guernica – und er war ein Genie. Ja, man muss arbeiten. So ist das!

Glauben Sie, dass Ihre Anfänge beim Animationsfilm Sie offener gemacht haben für das Fantastische?

Ich würde eher sagen: für andere Formen von Realität. Ich kann den Begriff "fantastisch" nicht leiden. Auch wenn alles möglich scheint, mag ich das nicht. "Der Herr der Ringe" etwa war sicherlich nicht einfach zu drehen, aber einfach zu schreiben und auszudenken, weil eben alles möglich ist. Science Fiction ist dagegen schon etwas anderes, denn es handelt sich um die Zukunft und um Dinge, die einmal passieren könnten. In meiner Welt, wenn ich das so sagen darf, geht es eher um die Veränderung der Realität.

Die vielen kleinen Ideen, mit denen Sie Ihre Filme füllen: Haben Sie die schon, bevor Sie die Arbeit an einem neuen Projekt beginnen?

Ja. Ich notiere alles. Wenn ich etwas Lustiges höre, schreibe ich es sofort auf. Wenn dann das Konzept des Filmes steht, wird die Box geöffnet und ich schaue, was zu bestimmten Szenen passen könnte.

Wie lief die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Ihrem "Micmacs"-Co-Autor Guillaume Laurant ab?

Der erste Schritt ist immer, dass ich mir selber das Konzept für den Film ausdenke. Wenn es dann genug Ideen gibt, beginnen wir zu schreiben: Zunächst entwickeln wir das Skelett der Geschichte und wenn das komplett ist, schreibt er die Dialoge und ich die visuellen Szenen. Dabei entsteht dann so eine Art Pingpong.

Bislang sind bis auf "Alien: Resurrection" alle Ihre Filme in Frankreich entstanden.

In Frankreich habe ich die komplette Freiheit für alles, und das ist das Wichtigste. Niemand sagt mir, was ich zu tun habe – von Anfang bis zum Ende. Manchmal mache ich aber Testscreenings. Die verlaufen allerdings anders als in Hollywood. Denn wenn da eine/r sagt, dass ihm/ihr eine Szene nicht gefällt, muss man sie herausschneiden. In Frankreich ist das nicht der Fall. Dort geht es mir darum, Verständnisprobleme zu finden – also wenn Zuschauer/innen eine bestimmte Szene nicht verstehen.

Sie arbeiten gern wiederholt mit denselben Leute.

Ja, denn ich habe die beste Crew und das will ich nicht ändern.

Auch bei den Darstellern/innen greifen Sie häufig auf bekannte Gesichter aus Ihren vorherigen Filmen zurück – wie etwa Dominique Pinon.

Bei den Schauspielern/innen ist es etwas anderes. Da suche ich nach seltsamen Gesichtern mit netten Stimmen und Darstellern/innen, die unterschiedliche Charaktere verkörpern können. Manchmal entdecke ich aber auch neue Gesichter für mich wie Jean-Pierre Marielle, ein sehr bekannter, alter Schauspieler. Darüber bin ich dann sehr froh und sage: "Willkommen in meiner Familie."

Als Ihr Hauptdarsteller Dany Boon den großen Erfolg mit "Willkommen bei den Sch’tis" hatte, haben Sie da bereits "Micmacs" gedreht?


Das passierte drei Wochen, nachdem ich ihn gecastet hatte. Es kann also niemand behaupten, ich hätte ihn nur wegen seines großen Erfolgs besetzt.

In den vergangenen Jahren haben Sie viel Arbeit in die Verfilmung des Romans "Schiffbruch mit Tiger" gesteckt, die dann aber aus technischen und finanziellen Gründen gescheitert ist …


"Schiffbruch mit Tiger" ist zwar wirklich ein schöner Roman, doch er beinhaltet mit einem Kind, einem Tiger und dem Meer drei der schlimmsten Elemente überhaupt, um ihn zu verfilmen. Als ich wusste, dass "Schiffbruch mit Tiger" nicht realisiert werden würde, habe ich ganz schnell nach einem anderen Projekt gesucht – und das war dann "Micmacs".

War "Schiffbruch mit Tiger" das einzige interessante Projekt, das Ihnen aus Hollywood nach "Alien: Resurrection“ angeboten wurde?

Wenn sie wissen, dass ich gerade an einem Film arbeite, lassen sie mich in Ruhe. Die amerikanischen Agenten bieten mir aber durchaus eine Menge Projekte an. "Harry Potter" war auch darunter. Einmal habe ich sogar "Matrix" angeboten bekommen, obwohl das ja eigentlich das Projekt der Wachowski-Brüder war. Das machen die Agenten nur, um zu zeigen, dass sie für dich arbeiten. Manchmal sehe ich später einen Film, der mir ursprünglich angeboten wurde, und ich denke mir: "Oh, ist ja gut geworden." Und dass ich vielleicht einen Fehler gemacht habe.  

Ist "Micmacs“ so nah an der Wirklichkeit, wie es ein Film von Ihnen überhaupt sein kann?

"Schiffbruch mit Tiger", wenn er denn unter meiner Regie zustande gekommen wäre, wäre auch sehr real gewesen. Ich will mich schließlich weiterentwickeln und verschiedene Richtungen ausprobieren. Vielleicht ist es nach "Micmacs" auch genug mit dieser Art von Film und Poesie. Vielleicht mache ich dann mal etwas Härteres, Tougheres.

Sozialer Realismus vielleicht?

Nein, nein! Ich möchte nicht die Wirklichkeit so zeigen, wie sie ist. Ich bin nicht so wie die Dardenne-Brüder. Das ist nicht meine Sache.

Sie haben in "Micmacs" eine reizende, kleine Referenz an Ihren Film "Delicatessen" eingebaut …

Ursprünglich wollte ich eigentlich Amélie zeigen – mit Kindern und Mathieu Kassovitz mit einem Bier vor dem Fernseher. Das wäre sicher lustiger gewesen. Aber Audrey Tautou hatte keine Zeit dafür, weil sie gerade "Coco Chanel" gedreht hat. Im letzten Moment hatte ich dann aber noch den Einfall mit „Delicatessen“.

Sascha Rettig

Foto: Gerald von Foris



www.imdb.com/name/nm0000466
Mehr über den Regisseur auf den Seiten der Internet Movie Database

www.youtube.com/watch?v=Z2RfTPc6hEc
Der Kurzfilm "Foutaises" von 1989 von Jean-Pierre Jeunet


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