Egal, ob Jean-Pierre Jeunet in "Die fabelhafte Welt der Amélie" die schüchtern versponnene Audrey Tautou ihre große Liebe entdecken ließ oder ob er sich zusammen mit Co-Regisseur Marc Caro die postapokalyptische Kannibalenkomödie von "Delicatessen" ausdachte: In jedem seiner Werke – abgesehen von seinem schleimreichen "Alien: Resurrection"-Sequel – kreierte der Franzose unverkennbare Filmwelten, die voller Poesie, visuellem Einfallsreichtum und einem Überfluss an skurrilen Ideen stecken. Auch sein Pariser Rachemärchen "Micmacs - Uns gehört Paris", mit dem er sich nun nach der gescheiterten Romanadaption von "Schiffbruch mit Tiger" zurückmeldet, ist diesbezüglich keine Ausnahme.
fluter.de
: Monsieur Jeunet, nach "Micmacs - Uns gehört Paris" hat man wie auch bei all Ihren bisherigen Filmen den Eindruck, Sie müssten ein romantischer, verspielter Kinomacher und zugleich ein Kontrollfanatiker sein. Wie bringen Sie diese verschiedenen Seiten zusammen?Sie arbeiten gern wiederholt mit denselben Leute.
Ja, denn ich habe die beste Crew und das will ich nicht ändern.
Auch bei den Darstellern/innen greifen Sie häufig auf bekannte Gesichter aus Ihren vorherigen Filmen zurück – wie etwa Dominique Pinon.
Bei den Schauspielern/innen ist es etwas anderes. Da suche ich nach seltsamen Gesichtern mit netten Stimmen und Darstellern/innen, die unterschiedliche Charaktere verkörpern können. Manchmal entdecke ich aber auch neue Gesichter für mich wie Jean-Pierre Marielle, ein sehr bekannter, alter Schauspieler. Darüber bin ich dann sehr froh und sage: "Willkommen in meiner Familie."
Als Ihr Hauptdarsteller Dany Boon den großen Erfolg mit "Willkommen bei den Sch’tis" hatte, haben Sie da bereits "Micmacs" gedreht?
Das passierte drei Wochen, nachdem ich ihn gecastet hatte. Es kann also niemand behaupten, ich hätte ihn nur wegen seines großen Erfolgs besetzt.
In den vergangenen Jahren haben Sie viel Arbeit in die Verfilmung des Romans "Schiffbruch mit Tiger" gesteckt, die dann aber aus technischen und finanziellen Gründen gescheitert ist …
"Schiffbruch mit Tiger" ist zwar wirklich ein schöner Roman, doch er beinhaltet mit einem Kind, einem Tiger und dem Meer drei der schlimmsten Elemente überhaupt, um ihn zu verfilmen. Als ich wusste, dass "Schiffbruch mit Tiger" nicht realisiert werden würde, habe ich ganz schnell nach einem anderen Projekt gesucht – und das war dann "Micmacs".
War "Schiffbruch mit Tiger" das einzige interessante Projekt, das Ihnen aus Hollywood nach "Alien: Resurrection“ angeboten wurde?
Wenn sie wissen, dass ich gerade an einem Film arbeite, lassen sie mich in Ruhe. Die amerikanischen Agenten bieten mir aber durchaus eine Menge Projekte an. "Harry Potter" war auch darunter. Einmal habe ich sogar "Matrix" angeboten bekommen, obwohl das ja eigentlich das Projekt der Wachowski-Brüder war. Das machen die Agenten nur, um zu zeigen, dass sie für dich arbeiten. Manchmal sehe ich später einen Film, der mir ursprünglich angeboten wurde, und ich denke mir: "Oh, ist ja gut geworden." Und dass ich vielleicht einen Fehler gemacht habe.
Ist "Micmacs“ so nah an der Wirklichkeit, wie es ein Film von Ihnen überhaupt sein kann?
"Schiffbruch mit Tiger", wenn er denn unter meiner Regie zustande gekommen wäre, wäre auch sehr real gewesen. Ich will mich schließlich weiterentwickeln und verschiedene Richtungen ausprobieren. Vielleicht ist es nach "Micmacs" auch genug mit dieser Art von Film und Poesie. Vielleicht mache ich dann mal etwas Härteres, Tougheres.
Sozialer Realismus vielleicht?
Nein, nein! Ich möchte nicht die Wirklichkeit so zeigen, wie sie ist. Ich bin nicht so wie die Dardenne-Brüder. Das ist nicht meine Sache.
Sie haben in "Micmacs" eine reizende, kleine Referenz an Ihren Film "Delicatessen" eingebaut …
Ursprünglich wollte ich eigentlich Amélie zeigen – mit Kindern und Mathieu Kassovitz mit einem Bier vor dem Fernseher. Das wäre sicher lustiger gewesen. Aber Audrey Tautou hatte keine Zeit dafür, weil sie gerade "Coco Chanel" gedreht hat. Im letzten Moment hatte ich dann aber noch den Einfall mit „Delicatessen“.
Sascha Rettig
Foto: Gerald von Foris
www.imdb.com/name/nm0000466
Mehr über den Regisseur auf den Seiten der Internet Movie Database
www.youtube.com/watch?v=Z2RfTPc6hEc
Der Kurzfilm "Foutaises" von 1989 von Jean-Pierre Jeunet