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Ein Mann allein im All. Weit entfernt von der Welt. Die Erde leuchtet blau und es gibt nichts, was er tun könnte. David Bowie hat ihn 1969 besungen, diesen einsamen, melancholischen Astronauten namens Major Tom. Und nun sieht es so aus, als ob sein Sohn Duncan Jones die Stimmung von Papas Hit aufgegriffen und in einen der besten Science-Fiction-Filme der letzten Jahre verwandelt hätte.
Major Tom trägt hier den schlichten Namen Sam Bell. Drei Jahre lebt er bereits allein auf der Raumstation Sarang auf dem Mond und kümmert sich dort um den Abbau von Helium-3, das seit geraumer Zeit die Hauptenergiequelle für die Menschen auf der Erde ist. Noch zwei Wochen dauert seine Schicht auf dem Mond, dann darf er endlich wieder zurückkehren zu seiner Frau Tess und seiner kleinen Tochter Eve. Mit zeitversetzten Videobotschaften konnte er immerhin rudimentär Kontakt zu ihnen halten, seitdem die Liveübertragung nicht mehr funktioniert. Wahrscheinlich wäre Sam schon längst wahnsinnig geworden, hätte er nicht einen Gesprächspartner, der sich zudem rührend um seine Gesundheit kümmert, den kastenförmigen Roboter Gerty. Wenige Tage vor dem geplanten Rückflug hat Sam mit einer der Erntemaschinen, die die Helium-3-Gewinnung vorbereiten, einen Unfall. Als er in der Krankenstation wieder aufwacht, hat sich seine Lage grundlegend verändert. Ein zweiter Mensch ist an Bord. Er sieht aus wie Sam. Und er heißt auch so.
Zurück in die Zukunft
Im Grunde passt "Moon" überhaupt nicht zu den Filmen, die im Moment die Kinokassen zum Klingeln bringen. All die blauhäutigen Wesen von fernen Planeten, die Predatoren und Terminatoren wirken wie Clowns gegenüber dieser erdigen, ruhig erzählten Geschichte über zwei Männer auf dem Mond. Es gibt keinen dreidimensionalen Augenkitzel und überhaupt bleiben die computergenerierten Spezialeffekte unscheinbar. Stattdessen: traditionelle Miniaturaufnahmen von kantigen Maschinen, die nichts zu tun haben mit stromlinienförmigen eleganten Formen, sondern rau aussehen und auch ein wenig bedrohlich, eine ruhige Kameraführung, ein eindringlicher, relaxter Score. Trotzdem ist aus "Moon", einem mit Produktionskosten von fünf Millionen US-Dollar vergleichsweise kostengünstigen Indie-Science-Fiction-Film, im Laufe des letzten Jahres ein beachtlicher Erfolg geworden.
Obwohl der sprechende Computer Gerty an den allwissenden HAL 9000 aus Stanley Kubricks "2001" erinnert, grenzt sich Jones doch von diesem Genre-Klassiker ab: Der psychedelisch-philosophische "2001", das war das Sci-Fi-Vorbild der Elterngeneration. Jones aber, 1971 geboren und mit Filmen wie "Alien" von Ridley Scott, "Lautlos im Weltall" von Douglas Trumbull oder "Outland" von Peter Hyams aufgewachsen, zollt in "Moon" vielmehr seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen an die großen Science-Fiction-Filme der 1970er- und 1980er-Jahre Tribut. Und doch ist all dies mehr als Zitat oder Kopie, mehr als reine Kulisse. Der Retrolook setzt die Stimmung. Im Kern aber geht es auch um allzu nachvollziehbare menschliche Gefühle: um die Angst vor der Einsamkeit und um die Angst, nicht einzigartig zu sein.
Wer bin ich? Und wenn ja: Wie viele?
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Dieses Problem wird für die beiden Sams unausweichlich. Allein, dass es den anderen überhaupt gibt, bedeutet für sie eine handfeste Identitätskrise. Wer ist der echte Sam Bell? Und warum gibt es einen zweiten? Unterschiede gibt es kaum, einmal abgesehen davon, dass der "alte" Sam sich routinierter in der Station bewegt und zunehmend gebrechlicher wird, während der "neue" Sam körperlich fitter ist. Doch so vertraut das lebende Spiegelbild sein mag, auch weil es sogar über dieselben Erinnerungen an die Familie verfügt, so unbehaglich ist dieser ungebetene Seelenverwandte auch. Denn nur einer der beiden kann die Rückreise zur Erde antreten. In seiner Doppelrolle spielt der Darsteller Sam Rockwell fast ausschließlich mit und gegen sich selbst und macht die zwiespältigen Gefühle spürbar.
Darüber hinaus erzählt Jones mit seinem futuristischen Kammerspiel auch über eine zukünftige Gesellschaft, in der der Mensch zur Ware und zum Ersatzteil wird. Wie im Cyberpunk-Genre sind es die Großkonzerne – hier aus dem Energiesektor –, die auf der Erde die Macht haben und es verstehen, die Menschheit mit aalglatten Werbespots von ihrer Nützlichkeit und Menschenfreundlichkeit zu überzeugen. Jones beäugt sie in seinem Spielfilmdebüt kritisch, obwohl er selbst aus der Werbebranche kommt und zahlreiche Clips inszeniert hat. Umso schöner ist es daher, dass er in "Moon" keine makellosen Oberflächen zeigt, sondern Risse, Ecken und Kanten – in den Gegenständen wie in den Figuren. Gerade Letztere sind so vielschichtig angelegt, dass sie immer wieder die Erwartungshaltung des Publikums unterlaufen, ohne sich dabei zu verraten.
Pop-Romantik im All
Wahrscheinlich geht Jones der ständige Vergleich mit "Space Oddity" schon auf die Nerven, der ihn immer wieder in den Schatten seines extravaganten Vaters stellt. Zu Recht, weil der Debütfilm von Jones ein überaus eigenständiges Werk ist. Und zu Unrecht, weil "Moon" mit Bowies Song eben doch auch dieses seltsam schwebende, schwerelose Gefühl gemeinsam hat. Immer wieder blicken die Sams sehnsuchtsvoll Richtung Erde, dem Ort, der ihnen zunehmend fremder wird und an den sie doch zurückkehren wollen. Melancholische Pop-Romantik im All. Planet Earth is blue and there's nothing I can do.
(Moon) Großbritannien 2009, Regie: Duncan Jones, Buch: Duncan Jones, Nathan Parker, mit Sam Rockwell, Dominique McElligott, Kaya Scodelario, Benedict Wong, Matt Berry u. a., 97 min, Kinostart: 15. Juli 2010 bei 24 Bilder
Fotos: Verleih
Stefan Stiletto ist Medienpädagoge und lebt in München.
www.sonyclassics.com/moon
Website zum Film (englisch)
www.24bilder.net
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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