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Jungs bleiben Jungs

Sturm und Drang in der Pubertät

Kinostart: 1.7.2010 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Schlimm steht es um die Jugend von heute: Sie weiß alles über die Liebe. Aber leider nur theoretisch. Wohin mit der Zunge beim Zungenkuss? Welche Stellung ist die beste, wenn es wirklich drauf ankommt? Und vor allem: Wie spricht man das andere Geschlecht an, ohne statt dem ersten Sex gleich die erste Abfuhr zu bekommen?

Praktischen Anschauungsunterricht gibt in "Jungs bleiben Jungs" gleich die erste Szene. So detailliert hat man einen Zungenkuss eigentlich nie sehen wollen: Jede Menge Pickel, fettige Haut und Spucke überall – Hervé (Vincent Lacoste) und Camel (Anthony Sonigo) sind fassungslos. Der Typ ist noch hässlicher als sie! Aber sie sind es, die zuschauen müssen, mit großen Augen, durchs Schulhofgitter – die Pubertät als Gefängnis der Seele.

Permanenter Hormonstau

Subtile Bilder sind eher nicht die Stärke des Films. Die liegt vielmehr im rücksichtslos expliziten Blick auf die ohne Zweifel furchtbarste Zeit im Leben eines jeden Mannes. Ja, es ist ein Jungsfilm. Mädchen sieht Hervé jeden Tag in der Schule, in allen Formen und Größen, aber sie sind unerreichbar. Was er auch anstellt, verschafft ihm nur die nächste Demütigung. Äußerlich bleibt er cool, doch so langsam wird er wahnsinnig: Liegt es an den Pickeln? Oder an der bescheuerten Frisur, die nur noch von seinem besten und ebenso ahnungslosen Heavy-Metal-Freund Camel getoppt wird? Egal. Was ihm bleibt, ist die abendliche Zweisamkeit mit einer Socke und den Unterwäschedamen aus dem Versandhauskatalog. Tipp vom Fachmann: Die Socke sollte beim Rubbeln nicht kratzen und nach dem Geschäft unauffällig entsorgt werden.

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Der Fachmann ist natürlich Regisseur Riad Sattouf, der diese Zeit nicht enden wollender Peinlichkeiten infolge permanenten Hormonstaus offenbar selbst erlebt hat. Und Verdrängung – erster Schritt zum Erwachsenwerden und lebenslangem Leiden – ist ganz klar nicht sein Ding. Bekannt geworden ist er sogar durch Comics zum Thema. In Frankreich beglückte "Les beaux gosses" (eigentlich: "Die hübschen Kerle") ein Millionenpublikum und gewann den César für den besten Debütfilm des Jahres 2010. Die Authentizität der Komödie – oder auch des jugendlichen Dramas, je nach Perspektive  – dürfte für den Erfolg maßgeblich sein. Selbst Filme wie "American Pie" (1999), in der Anhäufung von Pubertätsklischees sicher ein Vorbild, neigen zur romantischen Idealisierung ihrer Teenagerfiguren. Sattoufs Darsteller, die zuvor nie vor der Kamera standen und das in dieser Form vielleicht nie wollten, sind erfrischend anders. Hervé lacht nicht, er gackert. Vincent Lacoste agiert mit seinen linkischen Bewegungen wie ein Geistesgestörter im Stimmbruch, also wie ein richtiger Teenager. Und als solcher kann er auch richtig gemein sein, etwa im rüden Umgang mit einer nicht gar so hübschen Verehrerin. Die Teenagerhölle, das sind eben nicht nur die anderen.

Augen so blau wie WC-Reiniger

Dass Sattouf eigene Erinnerungen verarbeitet, merkt man auch am Fehlen von Handys und iPods, zudem dürfte der Umgangston an französischen Schulen in der Zwischenzeit deutlich rauer geworden sein. Immerhin vergnügen sich Hervé und Camel einmal mit einer wunderbar gefaketen Porno-Website, auf der erfahrene Putzfrauen jüngeren Liebhabern ihre Dienste anbieten. Der einfach gemachte Film ist voller solcher kleiner, nie gänzlich ausgeführter Ideen. Dazu kommen die durchweg komischen Dialoge ("Sie hat Augen, so blau wie WC-Reiniger") und eine ganze Menge klug ausgedachter Nebenfiguren – besonders leidet Hervé unter dem fast schon inzestuösen Verhältnis zu seiner verschrobenen Mutter, die stets zur Unzeit ins Badezimmer platzt ("Masturbierst du gerade?") und sich überhaupt viel zu sehr für sein nicht vorhandenes Sexleben interessiert. Es sind solche schmerzhaft lebensechten Darstellungen wie die von Noémie Lvovsky, die einem Publikum über den Tag hinaus im filmischen Gedächtnis bleiben.

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Um zum großen französischen Vorbild "La Boum - Die Fete" (1980) aufzuschließen, braucht "Jungs bleiben Jungs" natürlich noch eine Liebesgeschichte. Voilà! Aurore (Alice Trémolière) ist das schönste Mädchen der Klasse und ihr plötzliches Interesse für Hervé nicht zu erklären, aber es passiert eben. Die Folgen sind absehbar: Die quälende Lust auf Mädchen endet schlagartig – und weicht der panischen Angst vor dem anderen Geschlecht. Bin ich gut genug? Ist sie überhaupt die Richtige? Wohin mit meinem peinlichen Kumpel? Und nicht zuletzt: Wie macht man eigentlich am besten Schluss? Doch dies ist ein Film nicht nur über, sondern auch wie die Pubertät: Bevor es allzu ernst werden könnte, hört er einfach auf.

(Les Beaux Gosses) Frankreich 2009, Regie: Riad Sattouf, Buch: Marc Syrigas, Riad Sattouf, mit Vincent Lacoste, Anthony Sonigo, Alice Trémolière, Julie Scheibling, Robin Nizan-Duverger u. a., 88 min, Kinostart: 1. Juli 2010 bei Kool

Fotos: Verleih

Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.



www.jungsbleibenjungs.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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