Schnelle Frauen kommen überall hin, sind aber auch schnell wieder weg. Larita (Jessica Biel) ist blond, modern und hat soeben den Grand Prix von Monaco gewonnen – in den "wilden Zwanzigern" fahren Frauen noch Rennwagen, und zwar gegen Männer. Ihr nächster Preis ist die Blitzheirat mit dem englischen Landadelsspross John Whittaker (Ben Barnes), der sie auch gleich seiner Familie vorstellt. Es ist ein Schock für beide Seiten. Die High-Society-Amerikanerin mit der umwerfend eleganten Erscheinung glaubt, sich in einen britischen Kostümfilm verirrt zu haben. Jedenfalls sind nicht nur die Kleider dieser seltsamen Leute von vorgestern.
Mrs. Whittaker (Kristin Scott Thomas), der sie den Sohn weggeschnappt hat, macht aus ihrer Abneigung gegen das amerikanische "Flittchen" keinen Hehl. Das heißt, sie versteckt sie hinter jener Sorte vernichtender Komplimente, wie sie nur englische Snobs und sehr gute Drehbuchautoren/innen beherrschen. Jede Spitzfindigkeit macht unmissverständlich klar: Larita passt nicht in dieses hohe, in Ehrwürden verstaubte Haus. Sie spielt kein Tennis. Sie hasst Fuchsjagden und versteht sich mit dem Personal besser als mit ihren eingebildeten Schwägerinnen. Doch obwohl nicht einmal von ihrem kindischen Ehemann Hilfe zu erwarten ist, widersteht sie dem ersten Impuls zur Flucht. Es muss wirklich Liebe sein. Aber sie versteht sich auch zu wehren.
Der Abstieg der Oberklasse
Die formvollendeten Wortgefechte zwischen Larita und der bösen Schwiegermutter sind das große Pfund von "Easy Virtue". In der Regel sind sie so doppeldeutig wie der Titel, schließlich geht es um Doppelmoral. Der englische Dramatiker Noel Coward, der das ursprüngliche Stück 1924 schrieb, war Spezialist auf diesem Gebiet. Mit beißendem Witz, aber immer auch heimlich sympathisierend nahm er die Sitten seiner Zeit aufs Korn – immerhin war er selbst, und das nicht nur nebenbei, ein begnadeter Dandy und Snob nach dem Vorbild Oscar Wildes. In "Easy Virtue" widmete er sich dem Verfall der englischen Oberklasse, die in Larita als Vertreterin einer modernen, gesellschaftliche Schranken missachtenden Individualität ihren natürlichen Feind erkennt. Das heute wenig bekannte Stück zählt zu seinen frühen Erfolgen. Aber der bis heute immens populäre Noel Coward konnte eigentlich machen, was er wollte: Ob er nun von Drogensucht, Homosexualität oder eben von verknöcherten Aristokraten erzählte – das Theater war immer voll. Für den Skandal war er einfach zu gut.
Dennoch wollte Stephan Elliott das Stück modernisieren. Für so etwas braucht die Welt offenbar die Australier. Elliott ist nicht so radikal wie sein Landsmann Baz Luhrman, der das "Moulin Rouge" (2001) auf Trab brachte. Aber eine Coward-Komödie ist auch kein Nachtklub. Und mit dem fabelhaften Drag-Roadmovie "Priscilla - Königin der Wüste" (1994) hat er immerhin bewiesen, dass ihm im Genre Kostümfilm niemand etwas vormacht.
Mit dem amerikanischen Jazz-Age hat "Easy Virtue" eigentlich nichts zu tun. Eigentlich ist das Stück auch keine reine Komödie. Der spätere Altmeister Alfred Hitchcock hat es sogar als Melodram aufgefasst, als er es 1928 – wie auch immer – als Stummfilm inszenierte. Das Haus der Whittakers ist ein Lügengebäude, das bei Elliott erst im letzten Akt in sich zusammenkracht. Sie stehen vor der Pleite. Das traditionelle Weihnachtsfest oder auch den alljährlichen Ball der Kriegerwitwen kann die alte Mrs. Whittaker kaum mehr bezahlen. Zu den Kriegerwitwen gehört sie im Grunde selbst. Dass ihr lebensmüder Mann (Colin Firth) jemals von der Front zurückgekehrt ist, kann man jedenfalls nicht behaupten. Der traumatisierte Zyniker zählt zu den sichtbaren Folgeschäden des Ersten Weltkriegs, der der britischen Oberschicht materiell und ideell den Todesstoß versetzte. Zu Beginn meist im Hintergrund, ist er es, der mit Larita schließlich eine Art Verwandtschaft verspürt – hinter den bösen Worten steckt bei Coward, wie so oft, eine ungeahnte Warmherzigkeit. Elliotts wunderbarer Kunstkniff besteht darin, dass man nach einer gänzlich unerwarteten Wendung viele, wenn nicht alle Figuren neu denken muss.
Wer bei "Easy Virtue" gar nichts denken will, wird genauso gut bedient. Zum Beispiel kommt man nie auf den Gedanken einer verstaubten Theaterverfilmung. Grandios gespielt und temporeich inszeniert, funktioniert das alte Stück noch immer als herzlich alberner und vielleicht sogar völlig überflüssiger Kostümfilm. Einer von der sehr britischen und immer noch genügend altmodischen Sorte, in die man sich nur zu gern verirrt.
(Easy Virtue) Großbritannien, Kanada 2008, Regie: Stephan Elliott, Buch: Stephan Elliott, Sheridan Jobbins, nach dem Theaterstück von Noel Coward, mit Jessica Biel, Ben Barnes, Colin Firth, Kristin Scott Thomas, Kimberley Nixon u. a., 97 min, Kinostart: 24. Juni 2010 bei Sony
Fotos: ©Verleih
Philipp
Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.
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