A Scanner Darkly

Niemand traut niemandem mehr ...

Kinostart: 16.6.2010 | Oliver Koehler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Richard Linklaters "A Scanner Darkly" ist eindeutig der düsterste Cyberpunk/Sci-Fi-Film, in dem Keanu Reeves als Hauptdarsteller auftrat. Im Gegensatz zu "Johnny Mnemonic" und der "Matrix"-Trilogie zeigt die Verfilmung des Zukunftromans von Philip K. Dick eine nähere und auch plausiblere Dystopie, als uns vielleicht lieb wäre. Denn die alternative Realität steckt eher in unseren Köpfen. Inhaltlich und visuell zeigt Regisseur Linklater hier eine apokalyptische Vision einer Gesellschaft ohne Moral. Es ist ein Leben ohne klar definierte Strukturen und Rollen. Jede/r könnte jede/r sein. Linklater porträtiert die logische und philosophische Konsequenz der von den USA geführten Kriege gegen Drogen und  Terrorangriffe. Niemand traut niemandem mehr, nicht einmal jemandem wie Reeves' Figur Bob Arctor. Alle sind "Leute, die so aussehen wie man selber".

Zwischen subjektiver und institutionalisierter Paranoia

"A Scanner Darkly" spielt in naher Zukunft im sonst so idyllischen Orange County in Kalifornien. Mittels Scanvorrichtungen, Überwachungskameras und holografischen Detektoren versucht der Staat einer Epidemie der Drogenabhängigkeit Herr zu werden. Die Droge, die alle nehmen, heißt Substanz T. "T" steht für den Tod. Nur eine Institution ist von der dauerhaften Aufsicht ausgenommen: "Der Neue Pfad", eine Organisation, die Entziehungskuren für Drogenabhängige anbietet.

Keanu Reeves gibt einen Junkie namens Bob Arctor, der als der verdeckte Ermittler "Agent Fred" seine ebenfalls Substanz-T-abhängigen Hausgenossen Barris, genial gespielt von Robert Downey Jr., und Luckman, gespielt von dem ebenfalls genialen Woody Harrelson, in ihrer verkommenen Drogenhöhle bespitzelt. Sein wahres Gesicht offenbart Arctor nur Barris und Luckman. Draußen im Revier trägt Arctor als Agent Fred den so genannten Jedermann-Anzug, eine Tarnung, die seine Identität selbst für seine Vorgesetzten unkenntlich macht.

Spiralen der Abhängigkeit

Eine bizarre Wendung nimmt "A Scanner Darkly", als Fred den Auftrag bekommt, Bob Arctor, also sich selbst zu observieren. Mit der wachsenden Angst, als Junkie aufzufliegen und seinem tiefen Abstieg in die T-Sucht, wird Freds beziehungsweise Arctors Bewusstsein zunehmend gespaltener. Fred und Bob kann er nicht mehr auseinander halten. Psychologisch völlig entgleist, landet Arctor in einer Entzugsfarm des "Neuen Pfades". Mit diesem Ausgang ist der Auftrag nicht gescheitert, sondern für seine Vorgesetzten aufgegangen. Ohne es zu wissen, wurde Arctor in die Sucht manövriert. Als glaubwürdiger Kandidat für eine Entzugskur soll er eingeliefert werden und passiv Beweise gegen die Organisation sammeln. Die Polizei vermutet, dass die Organisation für die Substanz T verantwortlich ist.

Im Kern der Geschichte lauert eine wesentlich tiefere Dimension als die vordergründige Paranoia, die der Atmosphäre von "A Scanner Darkly" zugrunde liegt – es ist die Frage nach dem Übergang von der Realität in die  Halluzination. Das Spiel der Identitäten und Realitäten bereitet Regisseur Linklater mittels Animationstechnologie, der Rotoskopie, auf. Nach den Dreharbeiten wurde über einen Zeitraum von 15 Monaten nachbearbeitet und animiert. Das Resultat sieht aus wie ein Zeichentrickfilm, der über einen normalen Film gelegt wurde. Für die Zuschauer/innen drängt sich allerdings die Frage auf, ob die Realität gezeichnet wurde – oder ob den Zeichnungen mehr Realität eingeflößt wurde?

Mit der Rotoskopie schafft Linklater eine dauerhafte Unsicherheit der Bilder und Umrisse. Wie in Platons "Politeia", dem Hauptwerk des antiken griechischen Philosophen, geht es im Höhlengleichnis darum, wie Menschen ihre Welt wahrnehmen: Männer und Frauen werden in einer Höhle gefangen gehalten; die Außenwelt können sie nur als Schatten an einer gegenüberliegenden Wand sehen. Sobald sie aber befreit werden, würde sie die äußere Realität überfordern. Sie würden sie als Halluzination wahrnehmen.

Philip K. Dick, der selber lange Jahre unter extremer Drogenabhängigkeit litt, spielte ganz bewusst mit diesem Gleichnis. Linklater macht es ihm nach, indem er das Verhältnis zwischen dem, was "real" und nicht "real" ist, visuell verdreht. Das, was wie ein Cartoon aussieht, ist genau das Gegenteil: eine Horrorvorstellung. Und das, was am Anfang des Films als gesellschaftliche Normalität erschien, wirkt umso bedrohlicher im Animationseffekt.

Entfesselte Zeichen


Inhaltlich setzt Linklater mit "A Scanner Darkly" weiter einen drauf. Der Regisseur entkoppelt die Zeichen wie Sprache und Bilder komplett von ihren Bedeutungen. Bereits auf der Genre-Ebene weiß man nie, ob es sich um einen Science-Fiction, Krimi, Thriller oder sogar um einen reinen Dialog-Film handelt. Die Grenzen zwischen Realität und Fantasie, Polizei und Verbrechertum verwischen.

Linklater kappt die Verbindungen zwischen dem, was Arctor sieht und hört, und dem, was es bedeutet. Der verdeckte Ermittler Agent Fred muss gegen sich selber ermitteln. Der Drogenkumpan Barris, gegen den ermittelt wird, will selber aussagen und bespitzeln. Die erhoffte Euphorie des Drogenrausches ist eigentlich ein Alptraum. Die Organisation "Der Neue Pfad", die Entzugskuren anbietet, ist gleichzeitig der Konzern, der die Droge Substanz T auf den Markt bringt. Und Agent Fred, der glaubt, er diene dem Staat aus freiem Entschluss, wird vom Staat manipuliert und versklavt.

Wie die vordergründigen Theoretiker der Postmoderne, die Franzosen Jacques Derrida und Jean Baudrillard voraussagten, sind die Sprache und die Zeichen allgemein in "A Scanner Darkly" von ihrer Bedeutung losgelöst. Es herrscht einzig und allein die Simulation. Der Titel "A Scanner Darkly" von Dick wird als direkte Anspielung auf ein Zitat in der Bibel, im ersten Korintherbrief, Vers 13, verstanden. Im Englischen heißt der Vers: "For now we see through a glass, darkly."

Fotos: Verleih


wwws.warnerbros.co.uk/ascannerdarkly
Offizielle Website zum Film 




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