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Der fantastische Mr. Fox

Hühnchen oder Zivilisation?

Kinostart: 13.5.2010 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken


Von wegen braver Kinderkram! Der Familienfilm ist in jüngster Vergangenheit gleich mehrfach zum kreativen Spielplatz von eigenwilligen Regiekindsköpfen geworden. Spike Jonze sprintete Ende vergangenen Jahres vorweg mit seiner kongenialen Adaption von Maurice Sendaks von mehreren Generationen heiß geliebtem Fast-Bilderbuch "Wo die wilden Kerle wohnen", bevor Tim Burton kurze Zeit später seine knallig angetrippte Version von "Alice im Wunderland" ins Feld schickte. Nun folgt noch Wes Anderson, der sich für sein Animationsabenteuer "Der fantastische Mr. Fox" Roald Dahls gleichnamigen Kinderbuchklassiker vorgenommen hat.

Auf den ersten Blick könnte man denken, dass Anderson hier für sich ganz neue Wege gehen will: Schließlich ist es nicht nur das erste Mal, dass er einen Trickfilm gedreht hat. Er hat erstmals auch kein eigenes Drehbuch, sondern einen fremden Stoff verfilmt. Schon nach wenigen Momenten wird allerdings klar, dass er zusammen mit Co-Autor Noah Baumbach und unter Beibehaltung aller wichtigen Dahl-Koordinaten der Geschichte etwas ganz Eigenes abgewinnt. Wo Anderson draufsteht, ist also nach wie vor unverkennbar der Anderson-Stil drin. Und wie eigentlich alle seine Filme ist auch dieser Familienfilm wieder ein, nun ja, Familienfilm.

Väter und Söhne

Vom Hochbegabtenklan der "Royal Tenenbaums" bis zu den drei Brüdern in "Darjeeling Limited" ist die Familie in so gut wie allen seinen Filmen das zentrale Thema – und nie funktioniert sie besonders gut. Meist sind schwelende Zwistigkeiten und mehr oder weniger ausgesprochene Konflikte an der Tagesordnung und doch gibt es bei vielen dieser Protagonisten/innen die Sehnsucht, sich doch irgendwie wieder zusammenzuraufen. Auch bei der Fuchsfamilie von Mr. Fox ist das nicht viel anders, der zudem bestens in eine Reihe mit Andersons früheren Vaterfiguren passt: zum Schlitzohr Royal Tenenbaum oder dem Meeresforscher Steve Zissou, die wie der Fuchs exzentrische Typen mit einem ausgeprägten Egoismus sind und deren Verhältnis zum Nachwuchs aus unterschiedlichen Gründen gestört ist. Wie im Falle des Jungfuchses Ash, der zu allem Überfluss plötzlich auch noch im Schatten seines beliebten Cousins steht, handelt es sich dabei vorzugsweise um Söhne, die sich für die Anerkennung und Zuwendung ihrer Väter abstrampeln.

Mr. Fox selbst, der mit seiner Frau und Ash ein unfuchsiges Leben in der Naturidylle führt, plagen derweil jedoch ganz andere Dinge. Während seine Frau ihre Zeit mit dem Zusammenhalten der Familie und Landschaftsmalerei verbringt, beginnt der Gentleman-Fuchs im eleganten Cordanzug, über die großen, existentialistischen Fragen zu grübeln. Warum ist er kein Pferd oder ein Käfer? Und da er ein Fuchs ist, kann er überhaupt ohne ein Hühnchen zwischen den Zähnen leben? Er hat schließlich aufgehört zu jagen und schreibt stattdessen eine Kolumne für die Zeitung. Die tierischen Instinkte brechen in diesem nach sehr menschlichem Vorbild kultivierten Leben nur noch beim Abendessen heraus, das er wild verschlingt. Weil er sich aber nicht weiter gegen seine Natur verhalten kann, geht er heimlich mit dem Opossum Kylie auf Beutejagd in den Fabriken der drei Farmer Boggis, Bounce und Beans. Die erklären daraufhin allerdings nicht nur dem Fuchs, sondern auch seiner Familie und den vielen tierischen Mitstreitern den Kleinkrieg.  

Stop-Motion Miniaturwelten

Während die Tiere dadurch im wahrsten Sinne zum Widerstandskampf in den Untergrund getrieben werden, geht es auch wie immer bei Anderson um das Erschaffen eines ganz eigenen, kleinen Kosmos', in dem er jede Einstellung mit größter Sorgfalt und einem ausgeprägten Faible für geordnete Anhäufungen von Kleinigkeiten arrangiert. Das war schon bei der vollgestopften Großstadtresidenz der "Royal Tenenbaums" so, beim Zug in "Darjeeling Limited" und beim Boot von Meeresforscher Steve Zissou in "Die Tiefseetaucher". "Der fantastische Mr. Fox" gab dem Filmemacher nun jedoch erstmals die Möglichkeit, in kreativer Kleinstarbeit eine Miniaturwelt komplett nach seinen Vorstellungen zu basteln, zu modellieren und in diesem Rahmen seinen speziellen Humor zu erzeugen, der häufig lakonisch daherkommt – selbst wenn er diesmal nicht so stark melancholisch grundiert ist wie sonst üblich.

Dabei hat sich Anderson bei der Umsetzung nicht auf modernste Animationsmethoden und perfektionistischen Pixelpower aus dem Computer verlassen, sondern auf das Stop-Motion-Verfahren zurückgegriffen, das nur noch selten und bei ganz wenigen Regisseuren wie Tim Burton ("Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche") oder Henry Selick ("Coraline") Verwendung findet. Das Resultat wirkt dementsprechend auf eine anheimelnde Weise altmodisch, gleichermaßen perfekt und doch etwas rau um die Kanten und bringt seine nostalgische Ader ebenso hervor wie die Musikauswahl mit Rolling Stones und Beach Boys.

Alte Bekannte

Als Sprecher für Tiere und Bauern hat Anderson (in der Originalversion) viele alte Bekannte seiner Filmfamilie verpflichtet, die mit seinem Stil bestens vertraut sind. Owen Wilson ist dabei, Jason Schwartzman und Bill Murray ebenso. Verstärkung bekommen sie zudem von so hervorragenden Neuzugängen wie Meryl Streep als Fuchsmutter und George Clooney in der Titelsprechrolle, der gleichermaßen typ- und idealbesetzt mit seiner raunend schnurrenden Stimme seinen verschmitzten Gentlemen-Charme zum Einsatz bringt. All das macht "Der fantastische Mr. Fox" nicht nur zu einem großen Vergnügen von hinreißender Selbstmacherschönheit, in das spürbar viel Herzblut geflossen ist. Es scheint auch, als hätte Anderson mit dieser Tierfamilien-Widerstands-Abenteuerkomödie für seine Ideen, Macken und Motive eine perfekte Form gefunden.
Sascha Rettig

(The Fantastic Mr. Fox) Animationsfilm, USA 2009, Buch & Regie: Wes Anderson, nach einer Romanvorlage von Roald Dahl, 87 min, Kinostart: 13. Mai 2010 bei 20th Century Fox

Fotos: ©Verleih


Sascha Rettig ist Filmjournalist und lebt in Berlin.



www.fantasticmrfoxmovie.com
Website zum Film (englisch)

www.derfantastischemisterfox.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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www.kinofenster.de
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