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Tativille

Ein Film wie von einem anderen Stern

Kinostart: 17.5.2010 | Susanne Gupta | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Jacques Tati zählt zu Frankreichs größten Kinolegenden, sein Genie für die Filmkomödie und die Begabung als Pantomime standen seinen Vorläufern Charlie Chaplin oder Buster Keaton in nichts nach. Der von ihm kreierte, durchs Leben stolpernde Monsieur Hulot ist ein Clown, der immer seine Fans haben wird. Wenn er versucht, sich mit der modernen Technik und ihren raffinierten und nicht weniger tückischen Erfindungen anzufreunden, hat man das Gefühl, dass in allen von uns ein bisschen Hulot steckt, obwohl wir uns damals noch nicht mit seltsamen Übersetzungen in der Bedienungsanleitung unserer elektronischen Geräte herumschlagen mussten. Tati drehte insgesamt nur fünf Filme, die jedoch sorgten für Furore: "Die Ferien des M. Hulot" (1953), "Playtime" (1967) oder "Traffic" (1971) gehören zu den unterhaltsamsten und ebenso seltsamsten Werken der Filmgeschichte, weshalb François Truffaut "Playtime" als einen Film wie von einem anderen Stern bezeichnete.

Plädoyer gegen die Unmenschlichkeit

Für den Regisseur war der Konflikt des Menschen mit der zunehmenden Technisierung eine thematische Obsession. In "Playtime", einer Satire auf die moderne Großstadt, malte er eine futuristische Vision aus, die ähnlich großartig und zeitlos geriet wie Fritz Langs "Metropolis" oder Ridley Scotts "Blade Runner". Er war ein Megalomane und Perfektionist, der vor nichts zurückschreckte, und durch die Kostspieligkeit seiner Forderungen alles davor in den Schatten stellte. Der finanzielle, personelle und zeitliche Aufwand war enorm, weil er vor den Toren von Paris gleich eine richtige Stadt errichten ließ: Tativille. Dieses gläserne Paris von morgen besaß richtige Hochhäuser aus Stahl und Beton, mit Fahrstühlen, Licht und allem Drum und Dran, dazu ein Kraftwerk, gepflasterte Straßen, Ampelanlagen und Neonreklamen. Jedes Gebäude hatte flexible Wände, um ungewöhnliche Kamerafahrten zu ermöglichen. Die atemberaubende Konstruktion sollte später Filmstadt werden, ein Traum Tatis, der sich nicht erfüllte. Zunächst aber war Tativille ein Magnet für die Besucher/innen, die dort die Seine-Metropole der Zukunft vorbesichtigen konnten.

Im Chaos der modernen Stadt verschwindet der Eiffelturm

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In Tatis ultramodernem Paris sind die Wahrzeichen der Stadt, der Eiffelturm oder Arc de Triomphe, nur noch als Spiegelungen auf den Glastüren der Wolkenkratzer zu sehen. Ihre Uniformität, Unpersönlichkeit, Monotonie und Sterilität stellt er als ein Markenzeichen der Architektur der Moderne heraus. Wie austauschbar sie ist, demonstriert er gleich in der Eingangssequenz. In der sachlichen Schalterhalle des Flughafens Orly treffen verschiedene Passagiere ein. Zunächst aber sieht die Halle einem Krankenhaus-Wartesaal zum Verwechseln ähnlich. Unter den Gästen sind unter anderen eine Gruppe amerikanischer Touristen/innen und Monsieur Hulot, die in einem Bus in Richtung des neuen Paris befördert werden. Von da an werden ihre Erlebnisse in gelegentlichen Begegnungen und in sich kreuzenden Erzählsträngen gezeigt. M. Hulot versucht einen M. Giffard – vermutlich wegen eines Jobs – in einem hochmodernen Bürohaus zu treffen, wo die Gags damit spielen, dass es ihm schwer gelingt, sich zu orientieren. Das Hochhaus wird zum Irrgarten, so rennt er permanent gegen Glaswände oder verläuft sich im Fahrstuhl. Und kämpft wie die Helden aus den Stummfilmkomödien gegen alle Widrigkeiten der ihm unverständlichen Technik.

In einer der charakteristischen Weitwinkelaufnahmen des Films eilt er zwischen winzigen, geometrisch angeordneten Büroboxen hin und her, in denen Menschen wie in Bienenwaben arbeiten. Es scheint, als würden sie sich der Architektur mit normierten Bewegungen anpassen. Auf der Suche nach Giffard gerät Hulot in die internationale Handelsausstellung "Ideal Home", wo er erneut auf die Gruppe von Touristen/innen trifft, als ihm eine junge Frau namens Barbara auffällt. Es werden absurde Haushaltsgeräte vorgeführt: Ein Wischmopp mit batteriebetriebener Beleuchtung, zu kurzbeinige Büromöbel und unpraktische, verstellbare Brillen.

Let's dance

Den Höhepunkt bildet der Abend, als sich die bürgerliche Gesellschaft im neuen eleganten Royal Garden Restaurant einfindet. Die Konstruktion des Nachtclubs ist allerdings nur notdürftig fertig gestellt, so dass sich im Laufe des Abends Bodenfliesen lösen, die Deckenverkleidung herunterbricht und zuletzt sogar die Klimaanlage streikt, weil niemand das komplizierte Schaltpult dafür bedienen kann. Mitten im Chaos kommt die amerikanische Gruppe von Touristen/innen an. Eine Band spielt schrille jazzige Themen und die Gäste tanzen immer wilder und ausgelassener dazu, bis sie am Ende anfangen, ihre eigenen Lieder zu singen. In dieser Gelöstheit scheinen sie zu ihrem natürlichen Körpergefühl zurückzufinden, die Lebenslust der Feiernden ist umso zügelloser, umso mehr ihnen die Einrichtungstrümmer um die Ohren fliegen. Kurz vor Ende, im Morgengrauen, kauft M. Hulot Barbara ein Halstuch, auf dem die typischen Pariser Sehenswürdigkeiten abgebildet sind, die sie nicht zu Gesicht bekommen hat. Schließlich steigt sie in den Bus, der sie zum Flughafen zurückbringen soll, und die Schlusseinstellung zeigt einen total verstopften Kreisverkehr, der sich in ein Karussell verwandelt.

Monsieur Hulot: aus der Zeit gefallen

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"Playtime" hat den Zeitgeist, die Anbetung der Moderne, die Amerikanisierung des Lifestyles und den Fortschrittsglauben im Nachkriegseuropa ironisch auf die Schippe genommen. Dabei wirkt M. Hulot wie der Repräsentant des alten Europa, ein Gentlemen aus einer bereits vergangenen Zeit. Er trägt ein kleines Hütchen und eine Pfeife, wobei sein Gang besonders für Komik sorgt. Vorgebeugt, fast auf Zehenspitzen schreitet er voran, mit ausholenden Schritten. Dann zögert er, ändert die Richtung, bleibt stehen und merkt nicht, dass er an seinem Ziel schon vorbei ist. Dazu das Kostüm aus fehlproportionierten Kleidungsstücken wie einem zerknitterten Regenmantel, der für seine Größe viel zu kurz ist, und die zu kurzen Hosen, unter denen Ringelstrümpfe hervorlugen.

Im Gegensatz zu "Die Ferien des M. Hulot" ist in "Playtime" jedoch die Präsenz der Kunstfigur Hulot zurückgenommen. Es gibt keine richtigen Protagonisten/innen, eher sind es die Objekte und Schauplätze, die in den Vordergrund treten. Die Handlung ist extrem bruchstückhaft und hat nur sekundär Bedeutung. Tati breitet in der Weitwinkeloptik eher ein Tableau wie ein Maler aus, vergleichbar mit Bruegels Gemälden, auf denen zahlreiche Aktivitäten parallel zu entdecken sind. Jede Einstellung wurde von Tati penibel im Detail durchdacht und ausführlich mit den Schauspielern/innen geprobt.

Angelegt als monumentales Meisterwerk


"Playtime" wurde in 70mm und Stereoton gedreht, wodurch es möglich wurde, mehrere Tonspulen zu bespielen. Entstanden ist dabei eine merkwürdige Mischung aus Stumm- und Tonfilm. Es gibt keine Dialoge, denn die menschliche Stimme war für den Regisseur nur eine von vielen akustischen Möglichkeiten. Gekonnt hat er Gesprächsfetzen aus mehreren Sprachen und Geräusche zu einem einzigartigen Soundteppich zusammengefügt, der oft Komik erzeugt. Die Absurditäten der Moderne hat er treffend wie kein Zweiter ironisiert und im Zusammenspiel besonderer Ausdrucksmittel eine Filmwelt geschaffen, die eigentümlich faszinierend bleibt bis heute.
Susanne Gupta

Fotos: Verleih



www.tativille.com
Die Website von Jaques Tati, mit Neuigkeiten aus Tativille

www.imdb.com/title/tt0062136
Mehr über den Film auf der Internet Movie Database

www.youtube.com/watch?v=FeQgu7xX0t4
Einer der vielen audiovisuellen Gags des Films, zu sehen auf youtube.com




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