Vieles in "Sin Nombre" wirkt zunächst unzusammenhängend. Im südmexikanischen Chiapas gerät El Casper (Edgar Flores) in Konflikt mit seiner Gang, einem Zweig der in ganz Zentralamerika gefürchteten Mara Salvatrucha. In Honduras verabschiedet sich Sayra (Paulina Gaitan) von ihrer Großmutter, um mit Vater und Onkel einen Flüchtlingszug gen Norden zu besteigen. Auf dem Dach des Gütertransports, wo die Flüchtlinge tagelang auszuharren haben, treffen die beiden Lebenswege zusammen, unter dramatischen Umständen. Die Mara will den Reisenden die letzten Habe abnehmen. El Casper erschlägt den Anführer, aus Rache und Verzweiflung, und rettet damit Sayra das Leben. Von nun an sind ihre Geschichten miteinander verbunden. Er flieht vor der eigenen Gang, sie vor dem Elend. Im Grunde war es von Anfang an dieselbe Geschichte.
Brutale Gangrituale
Die Mara wurde ursprünglich in Los Angeles gegründet, von Immigranten aus El Salvador, die sich dort der Konkurrenz mexikanischer und schwarzer Gangs zu erwehren hatten. Ihr markantes Auftreten erscheint als eine hypertextualisierte Variante der amerikanischen Gangkultur: schwarze Körpertattoos bis ins Gesicht, ein umfassendes Regelwerk eingespielter Handgesten, visueller Codes und brutaler Bestrafungsrituale. Nach ihrer Ausweisung gründeten viele Mara-Mitglieder eigene Gangs in den jeweiligen Heimatländern. Die Nachfrage ist enorm, geschätzten 100.000 Mitgliedern bietet die Mara Sinn und Struktur in einem von Armut und Hoffnungslosigkeit geprägten Leben. Das Leben in der Mara ist dennoch kurz, wegen der ständigen Kämpfe mit verfeindeten Gangs und der Polizei ist kaum einer – bei etwa 20 Prozent handelt es sich um Frauen – älter als 30 Jahre.
Erst vor kurzem wurde der Reporter und Filmemacher Christián Poveda ermordet, dessen Dokumentarfilm "La vida loca" (2009) auch bei uns in den Kinos lief. Der Film endete mit jenem berüchtigten Initiationsritual der so genannten Mara-13, mit dem "Sin Nombre" beginnt: Dreizehn Sekunden lang muss der kleine El Smiley (Kristyan Ferrer), ein Freund El Caspers, die hemmungslosen Tritte seiner zukünftigen Kameraden erdulden. Er kann froh sein, dass er nicht in der Mara-18 ist. Zum Glückwunsch erhält er vom charismatischen Gangleader Lil' Mago (Tenoch Huerta Mejía) einen Kuss und lächelt übers ganze blutverschmierte Gesicht.
Faszination Mara Salvatrucha
Die Überschneidung versinnbildlicht den dokumentarischen Anspruch des Regisseurs Cary Joji Fukunaga. Die Szene geht aber noch weiter. Als nächsten Aufnahmeschritt muss der Junge einen Gefangenen der Gang, der in einen Käfig eingesperrt um sein Leben bettelt, kalt erschießen. Auch diese Schockszene hat man schon einmal gesehen, in Fernando Meirelles' furiosem brasilianischen Kleingangsterepos "City of God" (2006), wenn auch ganz anders. Fukunaga verzichtet auf jede Stilisierung, Aktualität und Authentizität sind ihm wichtiger als die große Erzählung, der Mythos der Gewalt.
Fukunaga vertraut auf die visuelle Kraft seiner Geschichte, in der sich Elemente von Thriller und Western miteinander mischen. Das mexikanische Filmwunder der frühen Nullerjahre findet damit eine Fortsetzung. "Sin Nombre", mitproduziert vom mexikanischen Schauspielstar Gael García Bernal, entstand unter Finanzierung aus Hollywood mit Blick auf ein globales Publikum. Der gesamte Film ist international, angefangen beim Regisseur, Sohn japanisch-schwedischer Eltern, und seinem brasilianischen Kameramann Adriano Goldman. Die Schauplätze umfassen, obwohl nur in Mexiko gedreht wurde, auch Honduras, Guatemala und die USA. Erzählt wird vom sichtbaren Elend der zentralamerikanischen Schwellenländer, den Flüchtlingsbewegungen über den ganzen Kontinent und dem langen Arm der Mara Salvatrucha. Alles hängt miteinander zusammen.
(Sin Nombre) Mexiko, USA 2009, Buch & Regie: Cary Joji Fukunaga, mit Edgar Flores, Paulina Gaitan, Kristyan Ferrer, Tenoch Huerta Mejía, Luis Fernando Peña u. a., ab 16, 96 min, Kinostart: 29. April 2010 bei Prokino
Fotos: ©Verleih
Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.
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