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Sin Nombre

Auf der Flucht

Kinostart: 29.4.2010 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken


Vieles in "Sin Nombre" wirkt zunächst unzusammenhängend. Im südmexikanischen Chiapas gerät El Casper (Edgar Flores) in Konflikt mit seiner Gang, einem Zweig der in ganz Zentralamerika gefürchteten Mara Salvatrucha. In Honduras verabschiedet sich Sayra (Paulina Gaitan) von ihrer Großmutter, um mit Vater und Onkel einen Flüchtlingszug gen Norden zu besteigen. Auf dem Dach des Gütertransports, wo die Flüchtlinge tagelang auszuharren haben, treffen die beiden Lebenswege zusammen, unter dramatischen Umständen. Die Mara will den Reisenden die letzten Habe abnehmen. El Casper erschlägt den Anführer, aus Rache und Verzweiflung, und rettet damit Sayra das Leben. Von nun an sind ihre Geschichten miteinander verbunden. Er flieht vor der eigenen Gang, sie vor dem Elend. Im Grunde war es von Anfang an dieselbe Geschichte.

Brutale Gangrituale

Die Mara wurde ursprünglich in Los Angeles gegründet, von Immigranten aus El Salvador, die sich dort der Konkurrenz mexikanischer und schwarzer Gangs zu erwehren hatten. Ihr markantes Auftreten erscheint als eine hypertextualisierte Variante der amerikanischen Gangkultur: schwarze Körpertattoos bis ins Gesicht, ein umfassendes Regelwerk eingespielter Handgesten, visueller Codes und brutaler Bestrafungsrituale. Nach ihrer Ausweisung gründeten viele Mara-Mitglieder eigene Gangs in den jeweiligen Heimatländern. Die Nachfrage ist enorm, geschätzten 100.000 Mitgliedern bietet die Mara Sinn und Struktur in einem von Armut und Hoffnungslosigkeit geprägten Leben. Das Leben in der Mara ist dennoch kurz, wegen der ständigen Kämpfe mit verfeindeten Gangs und der Polizei ist kaum einer – bei etwa 20 Prozent handelt es sich um Frauen – älter als 30 Jahre.

Erst vor kurzem wurde der Reporter und Filmemacher Christián Poveda ermordet, dessen Dokumentarfilm "La vida loca" (2009) auch bei uns in den Kinos lief. Der Film endete mit jenem berüchtigten Initiationsritual der so genannten Mara-13, mit dem "Sin Nombre" beginnt: Dreizehn Sekunden lang muss der kleine El Smiley (Kristyan Ferrer), ein Freund El Caspers, die hemmungslosen Tritte seiner zukünftigen Kameraden erdulden. Er kann froh sein, dass er nicht in der Mara-18 ist. Zum Glückwunsch erhält er vom charismatischen Gangleader Lil' Mago (Tenoch Huerta Mejía) einen Kuss und lächelt übers ganze blutverschmierte Gesicht.

Faszination Mara Salvatrucha

Die Überschneidung versinnbildlicht den dokumentarischen Anspruch des Regisseurs Cary Joji Fukunaga. Die Szene geht aber noch weiter. Als nächsten Aufnahmeschritt muss der Junge einen Gefangenen der Gang, der in einen Käfig eingesperrt um sein Leben bettelt, kalt erschießen. Auch diese Schockszene hat man schon einmal gesehen, in Fernando Meirelles' furiosem brasilianischen Kleingangsterepos "City of God" (2006), wenn auch ganz anders. Fukunaga verzichtet auf jede Stilisierung, Aktualität und Authentizität sind ihm wichtiger als die große Erzählung, der Mythos der Gewalt.

Man sollte vorsichtig sein, die beiden Verfahren gegeneinander auszuspielen. Filmgewalt wird nicht dadurch moralischer, dass man sie so darstellt und spielt, als wäre sie echt. Insgesamt ist Fukunaga schwach darin, die faszinierende Anziehungskraft der Mara zu erklären. Er schildert sie aus der Außenseiterperspektive, die Mara ist das zu fürchtende Andere, attraktiv nur für leicht verführbare Kinder wie El Smiley. Begreiflich wird, warum sich der sensible, introvertierte El Casper aus dem Verbund löst, nicht aber, was er jemals darin wollte.

Reise ins Ungewisse

Es grenzt an ein Wunder, wie die starken Schauspieler/innen, fast allesamt Laien, den reichlich schematischen Figuren Leben einhauchen. Nur konsequent erscheinen dagegen die Preise für Regie und Kamera, die "Sin Nombre" beim renommierten Sundance-Festival erringen konnte. Konsequenter Realismus und ästhetische Brillanz bilden hier einmal keinen Widerspruch. Die einfache Geschichte entwickelt einen unglaublichen Sog, die Zugfahrt ins Ungewisse mit ihren vielen Gefahren wird physisch erfahrbar. El Casper erweist sich schon bald als wertvoller Scout, seine Erfahrung als Schmuggler von Drogen und Diebesgut hilft – es ist letztlich dieselbe Route – auch den Flüchtlingen. Er weiß, wann man abspringen und rennen muss, um von den Grenzpatrouillen nicht entdeckt zu werden. Wer den Zug wieder erreicht und am Ende im Traumland USA ankommt, ist Glückssache. Die Bilder davon sind jedoch von bestechender, oft fataler Konsequenz.

Fukunaga vertraut auf die visuelle Kraft seiner Geschichte, in der sich Elemente von Thriller und Western miteinander mischen. Das mexikanische Filmwunder der frühen Nullerjahre findet damit eine Fortsetzung. "Sin Nombre", mitproduziert vom mexikanischen Schauspielstar Gael García Bernal, entstand unter Finanzierung aus Hollywood mit Blick auf ein globales Publikum. Der gesamte Film ist international, angefangen beim Regisseur, Sohn japanisch-schwedischer Eltern, und seinem brasilianischen Kameramann Adriano Goldman. Die Schauplätze umfassen, obwohl nur in Mexiko gedreht wurde, auch Honduras, Guatemala und die USA. Erzählt wird vom sichtbaren Elend der zentralamerikanischen Schwellenländer, den Flüchtlingsbewegungen über den ganzen Kontinent und dem langen Arm der Mara Salvatrucha. Alles hängt miteinander zusammen.

(Sin Nombre) Mexiko, USA 2009, Buch & Regie: Cary Joji Fukunaga, mit Edgar Flores, Paulina Gaitan, Kristyan Ferrer, Tenoch Huerta Mejía, Luis Fernando Peña u. a., ab 16, 96 min, Kinostart: 29. April 2010 bei Prokino

Fotos: ©Verleih

Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.



www.sinnombre-derfilm.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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