Image 25190
"Min Dît" ist kurdisch und heißt "Ich habe gesehen". Im gleichnamigen Film hat sich besonders eine Szene in die Netzhaut des zehnjährigen Mädchens Gulistan gebrannt: Eines Nachts, auf der Autofahrt von einer Hochzeitsfeier nach Hause, wird das Auto der Familie von fremden Männern gestoppt. Ohne Vorwarnung schießen sie auf die Eltern, einfach so, während Gulistan mit weit aufgerissenen Augen neben ihrem kleinen Bruder Firat auf der Rückbank sitzt. Ihre Schweste, noch ein Baby, schreit in den Armen der toten Mutter. Seither geht es für die wohlbehüteten Geschwister ums nackte Überleben. Schon bald gibt es in ihrer Heimatstadt Diyarbakir niemanden mehr, der sich um sie kümmert. Ihre politisch aktive Tante will sie zu Verwandten nach Schweden schleusen, aber kommt plötzlich nicht mehr nach Hause. Die hilfsbereite Nachbarin zieht weg und der Vermieter hat kein Nachsehen mit den zahlungsunfähigen Kindern. Zu viele ähnliche Fälle gibt es, zu viel Gewalt, Armut und Misstrauen.
Volk ohne Land
140.jpg
Diyarbakir liegt im Südosten der Türkei. Wie die meisten Menschen in dieser Gegend sind Gulistan und ihre Familie Kurden – mit zwanzig Prozent Bevölkerungsanteil die größte ethnische Minderheit des Landes. Seit nach dem Ersten Weltkrieg die Ländergrenzen mitten durch kurdische Siedlungsgebiete neu gezogen wurden, kämpft das auf die Türkei, Irak, Iran, Armenien und Syrien verteilte Volk um Anerkennung und einen eigenen Nationalstaat. "Min Dît" spielt irgendwann in den Jahren von 1984 bis 1999. Die türkischen Armee und die kurdischen Rebellen, angeführt durch die verbotene Arbeiterpartei PKK, befinden sich im Krieg. Hunderttausende Kurden flüchten in dieser Zeit aus ihren zerstörten Dörfern nach Diyarbakir oder landen dort als Waisen auf der Straße. Staatlich gelenkte Vertreibungen und Ermordungen von mutmaßlichen politischen Aktivisten wie Gulistans Eltern durch türkische Paramilitärs waren gängige Praxis – bis heute kaum kommunizierte Verbrechen, denen jüngst der Dokumentarfilm "Close up Kurdistan" (2007) nachging. Noch bis vor kurzem waren die kurdische Sprache und Kultur in der Türkei verboten. Selbst wenn Kurden heute mehr Rechte haben, meidet die Türkei die offene Auseinandersetzung mit den verübten Menschenrechtsverletzungen und Meinungsfreiheit ist nicht selbstverständlich. Zudem lebt ungefähr die Hälfte der Kurden in der Türkei unter der Armutsgrenze. So flammt der Konflikt in vereinzelten Gewalttaten immer wieder neu auf.
Image 25195
Um die tieftraurige Geschichte von Gulistan und Firat zu entwickeln, und damit seinen ersten Spielfilm, ist der deutsch-kurdische Regisseur Miraz Bezar eigens von Berlin nach Diyarbakir gezogen – bisher hatte er den Konflikt meistens nur aus der Ferne in Deutschland miterlebt, wohin er als Kind auswanderte. Von seiner Familie finanziert hat er vor Ort seine Eindrücke und Erzählungen von Straßenkindern zu einem aufrüttelnden Film über überflüssige Tode, Verlust und Perspektivlosigkeit verdichtet. Immer nah dran an seinen Hauptfiguren, einfühlsam gespielt von Laiendarsteller/innnen, erzählt Bezar gekonnt in vielen verschiedenen Details von der zeitlosen Schrecklichkeit des Kurdenkonflikts: vom kleinen Firat, der sich durch die Schulhausaufgaben in der fremden Sprache Türkisch quält, von verwahrlosten Straßenkindern, von der Tante, die in der Folterkammer verschwindet, von der kleinen Schwester, die an mangelhafter Versorgung stirbt.
Ungewisse Zukunft
Trotzdem überleben die Liebe und manch kurdische Traditionen den Krieg. Auf einer Kassette konserviert liest Gulistans Mutter Märchen vor. Ihre Stimme stellt die Weichen in der Gegenwart. Von der Moral einer dieser Märchen inspiriert, entscheiden sich die Geschwister gegen einen Vergeltungsmord und ernten Freundschaft, Solidarität und einen Moment Gerechtigkeit. Doch Bezars dokumentarische Aufnahmen des Straßenlebens von Diyarbakir zeigen unzählige Kinder, die mit Spielzeuggewehren hantieren. Firat und Gulistan flüchten schließlich wie viele Millionen Kurden aus der zerstörten Heimat und schlagen einen fragwürdigen Weg ein. Sie sind auch um ihre Zukunft beraubt worden.
(Min Dît) Deutschland, Türkei 2009, Buch & Regie: Miraz Bezar, mit Senay Orak, Muhammed Al, Hakan Karsak, Berîvan Ayaz, Suzan Ilir, Fahriye Çelik u. a., OmU, 102 min, Kinostart: 22. April 2010 bei mîtosfilm
Fotos: Verleih
Marguerite Seidel ist freie Journalistin in Berlin.
Kommentare
Dein Kommentar