"Ein netter Mensch kommt nicht weit! Er braucht böse Seiten, um weiterzukommen." Trocken kommen Denis diese Worte über die Lippen, reglos schaut er dabei mitten in die Kamera. Denis ist 17. Nach den Maßstäben unserer Gesellschaft schrammt er am Bodensatz entlang. Zerrüttete Familie, schlechte Bildung, Identitätskonflikte, Arbeitslosigkeit, Drogen, Kriminalität. Eine vorhersehbare Spirale. Doch Denis hat gerade noch rechtzeitig nach der Reißleine geschnappt und bei der Work and Box Company einen Platz gefunden. Die berufsbezogene Einrichtung bietet Hilfe für gewaltbereite junge Männer – Menschen wie Eftal, Marco, Josef und Juan. Sie stehen im Mittelpunkt der packenden Dokumentation "Friedensschlag" von Gerardo Milsztein.
"Friedensschlag" thematisiert die Ursachen von Jugendkriminalität und zeigt den zähen Weg zurück in die Gesellschaft. Hardlinern mag das Modell der Work and Box Company zu weich erscheinen. Doch es gibt eine Alternative zu Bootcamps und immer härteren Gesetzen: die Arbeit der Einrichtung hat eine Erfolgsquote von überzeugenden 80 Prozent.
Hart trainieren statt fluchen und prügeln
2002 haben Schreinermeister Rupert Voss und Familientherapeut Werner Makella ihre private Einrichtung in Taufkirchen bei München gegründet, sie wird von Jugendämtern und Spenden finanziert. Ihr Konzept vereint Box- und anderen Kampfsport, Handwerk und Therapie. Ein Jahr lang dauert die Maßnahme, wer früher aussteigt, muss ins Gefängnis. Für die meisten ist die Work and Box Company also die letzte Alternative, doch kaum ein Neuzugang ahnt, worauf er sich hier eingelassen hat. Fluchen und Prügeln können die fünf aus dem Film perfekt, nur hilft ihnen das nicht weiter. Boxkampf bedeutet hartes Training, die Anerkennung von Regeln, ein fairer Kampf zweier Gleichberechtigter. Er dient bei der Work and Box Company natürlich auch als Ventil für Aggressionen und soll den Weg zur Selbstbehauptung schulen. Besonders Juan und Eftal tun sich dabei anfangs schwer. Sie sind zu defensiv, geben zu schnell auf, lehnen das Boxen in Bausch und Bogen ab. Typische Reaktionen auf etwas Ungewohntes, immerhin vermag Eftal irgendwann die Hintergründe seiner Aversion zu äußern: Sein Vater war Profi-Boxer. "Wenn er mich geschlagen hat, hat er mir nicht einfach eine Watsch'n gegeben, sondern mit der Faust zugeschlagen." Trotzdem ist Eftal kein Unschuldslamm: Vor einer Münchner Disco hat er einen Jungen fast totgeprügelt.
Der Weg dorthin bedeutet Aufarbeitung der kriminellen Vergangenheit, das Hinterfragen alter Verhaltensmuster und männlicher Rollenmodelle. Die Therapeuten fungieren als Ersatzväter – die richtigen kommen im Film nicht vor – und setzen auf klare Fragen und Antworten. Gewonnen hat, wer den Willen zur Veränderung artikuliert. Eftal zum Beispiel. "Wo brauchst du Hilfe?", löchert ihn der Sozialarbeiter zum wiederholten Male. Eftal windet sich und würde am liebsten davonrennen, so schwer fällt ihm das so entscheidende Eingeständnis: "Dabei, mich zu ändern!" Aufatmen im Kinosessel. Denn nach über einer Stunde lässt der Werdegang von Eftal, Denis, Marco, Josef und Juan keinen mehr kalt. Die Jungs können fluchen und sich daneben benehmen, egal. Hauptsache sie finden einen Weg aus ihrer vertrackten Situation. Manche holen gen Ende der Maßnahme einen Schulabschluss nach, andere versuchen erste Praktika oder eine Lehre, bei deren Vermittlung die Therapeuten helfen. Auch sie leisten Schwerstarbeit und nur zu gerne hätte man mehr über sie erfahren. Woher nehmen sie nur die Kraft für ihre Sisyphusarbeit? Doch Regisseur Gerardo Milsztein will nicht ablenken. Allenfalls Naturbilder und einige Straßenszenen schaffen kurze Pausen und verweisen auf das Verticken der Zeit. Musikalisch durchpulst wird "Friedensschlag" übrigens ausschließlich von den gefühligen Sounds der Kölner Band P:lot. Sie haben den Score geschrieben und mit vier Songs aus ihrem Album "Mein Name ist" bestückt. Etwas zu bedeutungsschwanger auf Dauer, denn die Bilder dieses Films brauchen keine musikalischen Untertitel.
Friedensschlag - Das Jahr der Entscheidung, Dokumentation, Deutschland 2010, Buch & Regie: Gerardo Milsztein, 106 min, Kinostart: 15.April 2010 bei Piffl
Fotos: ©Verleih
Cristina Moles Kaupp spricht fließend Alemannisch und wohnt
trotzdem seit 1983 in Berlin. Sie war Musikredakteurin und liebt alten
Punk und elektronische Musik. Inzwischen malt sie dazu auch Bilder.
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