t

Welt am Draht

Das Science-Fiction-Epos von Rainer Werner Fassbinder

Kinostart: 20.4.2010 | Martin Conrads | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Image 25184

Image 25184


Bevor es drahtlose Netzwerke zur Übertragung von Daten gab und bevor man sich in den 1990er-Jahren "wired" gab, also per Modemkabel ans Internet angeschlossen, war die Vorstellung einer verdrahteten, verkabelten Gesellschaft für nicht wenige Menschen ein Graus. Die Ablösung des Antennen-Fernsehens durch das Kabelfernsehen in den 1980er-Jahren etwa wurde in der Bundesrepublik von einer Protestkampagne begleitet. Kurz vor der Einführung des Kabelfernsehens im Jahr 1984, dem "Orwell-Jahr", kam das Schlagwort von der "Zwangsverdrahtung" auf und die Angst, die "Freien Bürger/innen" könnten durch den Anschluss an das Kabelnetz der Deutschen Bundespost, dem staatlichen Vorgänger der heutigen Deutsche Post AG, zu "Gläsernen Bürger/innen", zu medial kontrollierten Marionetten werden. Auch das heute noch verwendete Logo des Chaos Computer Club, der "Chaosknoten", entstand als kritische Umwandlung des damals bekannten Kabelfernsehen-Logos und symbolisiert eine absichtlich herbeigeführte Kabelstörung.

Es möge echt sein

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass solche Vorstellungen auch als Effekt eines 1973 in der ARD ausgestrahlten, so faszinierenden wie verstörenden Films zu deuten sind, der sich im Nachhinein, obwohl selten im Fernsehen wiederholt und bis zu diesem Jahr nie im Kino gezeigt, auch als einer der einflussreichsten Science-Fiction-Filme überhaupt herausstellen sollte. "Welt am Draht", von dem deutschen Regisseur Rainer Werner Fassbinder (1945-82) als dreieinhalbstündiger Fernsehzweiteiler für den WDR gedreht, enthält bereits einen Großteil der Themen, die erst Jahrzehnte später in Filmen wie "Matrix" oder "Dark City" wieder aufgegriffen wurden. "Welt am Draht" handelt von der Vorstellung, dass die erlebte Welt nur eine Simulation, ein technisches Trugbild ist und alle Menschen, inklusive der eigenen Person, nur als computeranimierte Geschöpfe in einer künstlichen, einer nicht realen Welt existieren. Basierend auf der Romanvorlage "Simulacron-3" des US-amerikanischen Schriftstellers Daniel F. Galouye aus dem Jahr 1964 erschuf Fassbinder eine filmische Welt, die ihrer Zeit weit voraus war und, so grundlegend wie kaum ein Film zuvor, die Zuschauer/innen mit jenem philosophischen Problem der Erkenntnis konfrontierte, das die Frage stellt, ob man selbst "echt" ist, ja, ob man im biologischen Sinn überhaupt lebt oder nur "Datenbündel" in einer Welt ist, die jederzeit abgeschaltet werden könnte.

Image 25189

Image 25189

Klaus Löwitsch und die Gedächtnisschleifen in Simulacron II

Es ist die Geschichte des Wissenschaftlers Fred Stiller, brillant besetzt mit Klaus Löwitsch, der am "Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung" der Frage nachgeht, wieso sein Vorgänger einen gleichermaßen schnellen wie mysteriösen Tod starb. Sucht er den Schlüssel zu der Frage zuerst in "Simulacron I", einer computergenerierten Welt, die zu planerischen Zwecken im Auftrag der Regierung an einem Großcomputer des Instituts errechnet wird, muss er schließlich erkennen, dass die Realität, in der er selbst lebt, als "Simulacron II" auch nur die Computersimulation eines weiteren Großrechners ist, der in einer anderen, einer möglicherweise auch nicht realen Welt steht.

Kommunarden und andere Barden

Fassbinder und sein Co-Autor Fritz Müller-Scherz schrieben ein Drehbuch, das den Romanstoff teils ergänzte und so auf über drei Stunden filmischer Umsetzung ausdehnte. Das ergibt für den Film zwar im zweiten Teil einige Längen, ermöglichte aber dem Regisseur erst, eine filmische Atmosphäre zu schaffen, die kaum etwas von üblichen Science-Fiction-Klischees hat, sondern geradezu überzeitlich funktioniert und daher bis heute avantgardistisch wirkt. Durch die Mischung aus erlesener Ausstattung (Kurt Raab, der auch als Schauspieler im Film mitwirkt), eher klassisch wirkender Musik (Gottfried Hüngsberg/Fleetwood Mac) und einer mit ausgefeilten Spiegeleffekten agierenden Kameraführung (Michael Ballhaus) entstand ein so künstliches wie künstlerisch gedachtes Setting. Ergänzt wird der ästhetische Ausdruck durch geradezu hölzerne, mit Plattitüden versehene Dialoge der Charaktere, einer Sprache, die nur von simulierten Menschen benutzt wird. Vor allem mit der Auswahl der Besetzung konnte Fassbinder den überzeitlichen Aspekt verstärken: Neben Darstellerinnen und Darstellern, die zur "Fassbinder-Crew" gehörten, die der Regisseur also immer wieder für seine Filme engagierte (Löwitsch, Ulli Lommel, Ingrid Caven, Barbara Valentin, Margit Carstensen, Gottfried John etc.), spielten bei "Welt am Draht" entweder auch Schauspielerinnen und Schauspieler mit, die bereits damals Altstars waren und ihren Bekanntheitsgrad durch Heimatfilme (Adrian Hoven) oder durch Schlager (Bruce Low) erreicht hatten, oder solche, die zuvor in gänzlich anderen gesellschaftlichen Rollen reüssiert hatten wie das frühere "Kommune 1"-Mitglied Rainer Langhans.

Steampunk avant la lettre

Im Reigen der Fassbinder-Filme nimmt "Welt am Draht", den der Regisseur in einer 1981 verfassten Liste nicht zu seinen zehn besten Filmen zählte, eine eher isolierte Rolle ein. Nicht nur zwischen "Zärtlichkeit der Wölfe" (1972/73), dem Film über den Massenmörder Fritz Haarmann, und "Nora Helmer" (1973), einer filmischen Adaption von Henrik Ibsens Theaterstück "Nora oder ein Puppenheim", wirkt der Science-Fiction-Stoff als Solitär. "Welt am Draht" sollte auch Fassbinders einziger Science-Fiction-Film überhaupt bleiben. Lediglich als Schauspieler übernahm Fassbinder 1982 in Wolf Gremms Spielfilm "Kamikaze 1989" die Hauptrolle – die letzte Rolle vor seinem frühen Tod.

Dass die Rainer Werner Fassbinder Foundation und die Kulturstiftung des Bundes nun parallel zur Kino-Welturaufführung des Films bei der Berlinale 2010 eine neu gestaltete, durch sehenswerte Extras ergänzte DVD-Fassung von "Welt am Draht" ermöglichten, erlaubt es, Fassbinders bisher nur in VHS-Qualität kursierenden Film mit den simulationsgeübten Augen der "Welt ohne Draht" von heute zu sehen. Erst dabei fällt – bisher weitgehend unbeachtet – auf, dass Fassbinder mit Stillers Besuch in der antiquiert wirkenden "Simulacron I"-Welt das möglicherweise erste filmisch dargestellte "Steampunk"-Setting im Science-Fiction-Genre überhaupt schuf. Alleine dies ist ein Grund für eine internationale (Neu-)Rezeption dieses Meisterwerks.

Martin Conrads hat noch Kabelfernsehen und denkt, dass er als freier Autor in Berlin lebt.

Fotos: Verleih

Erhältlich ist die DVD-Edition bei Arthaus. Wir danken ganz herzlich für die freundliche Überlassung von drei Exemplaren für unsere Verlosungsaktion!



www.arthaus.de/welt_am_draht-arthaus_premium
Die Website des Verleihs

www.matthes-seitz-berlin.de
"Welt am Draht" ist auch in der Drehbuchfassung neu erschienen

www.fassbinderfoundation.de

Die Website der Rainer Werner Fassbinder Foundation

www.youtube.com
Pantha Du Prince: Welt Am Draht. Ein aktueller Track, der in Bezug zu Fassbinders Film entstanden ist

www.youtube.com
Blumfeld: Anders als Glücklich. Die Hamburger Band zitierte Fassbinders Film im Jahr 2001.







Kommentare

Dein Kommentar