
Der Regisseur und Kameramann Gerardo Milsztein hat ein Jahr lang gewaltbereite Jugendliche mit seiner Kamera bei ihrer Arbeit mit der Work and Box Company begleitet. Die Teilnehmer sind zwischen 16 und 21 Jahre alt und sie haben eines gemeinsam: Jede Art von Konflikten lösen sie mit Gewalt. Das hat ihnen allen schon viel Stress mit der Polizei eingebracht. Nun stehen sie vor der Wahl: Knast oder die Teilnahme an der Work and Box Company.
Genauso bedingungslos wie sich die jungen Männer auf das Projekt von Rupert Voss und Werner Makella einließen, zeigten sie sich damit einverstanden, dabei gefilmt zu werden. Die Work and Box Company beruht auf zwei Grundbausteinen: dem Arbeiten und dem Boxen. Durch Boxtraining lernen die Jugendlichen, eine Nähe zu sich selbst und anderen aufzubauen und mit ihren Aggressionen umzugehen. Mit neuen Energien und Selbstbewusstsein geht es dann in ein Praktikum, das idealerweise in ein Ausbildungsverhältnis mündet. Das gelingt nicht immer, aber die Erfolgsquote der Work and Box Company ist erfreulich hoch.
fluter.de: Wie und wann hast du deine Protagonisten ausgewählt?
Gerardo Milsztein: Ich habe mit Work and Box ausgemacht, dass ich in dem Moment anfange zu drehen, in dem auch sie mit dem Projekt anfangen. So lernt man die Jungs gleichzeitig mit Rupert und Werner kennen und entwickelt ein Gefühl für sie. Denis und Josef waren Freunde, die wollte ich gleich als Protagonisten. Mir war auch klar, dass Marco Ausstrahlung besaß. Eftal verhielt sich in einer bestimmten Weise zur Kamera, die Präsenz hatte. Ali hat sich eher entzogen, das fand ich auch spannend. Das war schon am ersten Tag so. Er war innerlich distanziert und trotzdem neugierig.

Gerardo Milsztein
Es gibt eine Szene, da bekommt man Angst um dich und deine Kamera ...
Du meinst, als Juan erst auf die Kamera losgeht und dann seinen Kopf immer wieder gegen die Wand schlägt? Das war ein besonderer Tag. Wir haben auf dem Weg zur Work and Box Company Bilder gemacht, deshalb war die Kamera schon aufgebaut ... Wir kommen also an, glücklich von den schönen Sonnenaufgangsbildern, und es gibt dort gleich richtig Stress. Ich komme rein und Juan zeigt mir seinen Stinkefinger. Ich wusste gar nicht, worum es geht, ich spürte nur, er tickt aus. Sein Aggressivitätsspiegel war sehr, sehr hoch. Ich bin ihm trotzdem einfach hinterher. Da dreht er sich um und geht mit der Faust auf die Kamera los. Ein Mitarbeiter von Work and Box packte ihn von hinten und sagte: "Lass das."
Hattest du keine Angst?
Nein, ich hatte überhaupt keine Angst. Es ist wichtig, wach zu sein. Ich bin eigentlich ängstlich, aber in dem Moment war ich hellwach und der Überzeugung, dass nichts passieren kann. Es sah für mich eher so aus, als ob Juan dabei war, sich selbst zu erkennen.
Es ist schon ein Glücksfall, in so einem Schlüsselmoment mit der Kamera dabei zu sein ...
Ja, denn die wirkliche Realität ist im Film nicht darzustellen. Eine Entwicklung ist zwar nachzuvollziehen, aber es vergeht ja viel mehr Zeit. Und das, obwohl wir ganze 75 Tage gedreht haben. Ab dem Moment, ab dem Juan ausgeflippt ist, fing er an, sich um seine Zukunft zu kümmern. Er fing an täglich zu boxen. Zwei Wochen später hatte er auch sein erstes Praktikum. Er war dort superglücklich und hat dann auch einen Vertrag angeboten bekommen.
Gab es für dich auch Momente, in denen du die Kamera ausgemacht hast?Ja, ich habe sie oft ausgemacht. Es gab während des Drehs zwei unterschiedliche Arten von Stress: Der eine Stress war der, dass die Energie in der Box oft so negativ intensiv war, dass ich von ihr total durchdrungen war. Ich verlor dadurch meine eigene Einstimmigkeit und Konzentration. Das war wirklich heftig.
Der andere Stress war der übliche Arbeitsstress. Ich wurde manchmal richtig nervös, wenn die Jungs Widerstand gegen mich aufbauten oder mich als Blitzableiter benutzten oder mich zu manipulieren versuchten. In diesen Momenten habe ich die Kamera auf den Boden gestellt und gesagt: "Was ist los? Kennen wir uns nicht? Warum macht ihr nicht euer Ding und lasst mich mein Ding machen?"
Wie habt ihr diese Probleme gelöst?Sie haben langsam verstanden, wie ich arbeite und was ich vorhabe. Dass es etwa wichtig ist, dass ich gewisse Grenzen überschreitende Handlungen filme, weil diese notwendig sind, um eine emotionale Intensität zu erreichen. Meine primäre Motivation ist es, die Arbeit, die Rupert und Werner von
Work and Box machen, öffentlicher zu machen. Dafür fühlte ich mich gerufen.
Genau in den schwierigen Momenten wird es ja interessant. Als Zuschauer will man wissen, wie Rupert und Werner dann mit den Jungs umgehen.Es gibt ein bestimmtes Bild des Menschen, das die beiden haben: Wir sind in Kontakt mit der Außenwelt. Diese Reibungsoberfläche ist das, was wir "Du" nennen. Innen in uns drin gibt es etwas, das meistens unberührt ist von der ganzen Biografie, die wir in unserem Leben haben.
Rupert und Werner leben aus ihrer Mitte. Wenn du in der Mitte lebst, hast du die Möglichkeit, in deine Oberfläche zu gehen und wieder zurück – ganz wie du willst. Du bist frei. Viele Menschen wie sie handeln aus ihrem Kern. Und ein Kern sieht einen anderen Kern. Das Gleiche passiert mit den Jungs. Der Unterschied ist, dass diese Jungs ganz außerhalb der Reibungsoberfläche leben und sie keine Chance haben, auf ihren eigenen Kern zu gucken. Das ist alles zugeschüttet. Die wissen nicht, was es in ihnen gibt.

R. Voss und W. Makella
Durch die Interviews in der Blackbox erfahren wir und auch sie selbst ein wenig mehr.
Ja. Deshalb habe ich diese Interviews mit den Jungs in der Blackbox gemacht, die diese übrigens selbst gebaut haben. Die Jungs gucken in die Kamera, aber eigentlich haben sie mit Hilfe einer speziellen Spiegeltechnik in meine Augen geschaut. Die Art von Fragen, die ich gestellt habe, haben mit ihrem Kern zu tun, deshalb sind ihre Antworten mehr philosophischer Natur und nicht alltäglich. Mein Interesse war es, genau das zu zeigen. Denn der Kern des Menschen ist das, was der Mensch ist, nicht seine Oberfläche. Die Oberfläche ist wie das Kostüm, das du trägst. Diese Wertfreiheit, die die Box-Mentoren haben, beruht darauf. Sie urteilen nicht über die Jungs, weil sie sehen, was deren Kern ausmacht. Gleichzeitig sind sie solide und lieben ihre Jungs. Und sie wissen, dass sie nicht von ihnen verletzt werden können.
"Friedensschlag" hat auch mit dir selbst zu tun, oder?Ich bin während der Militärdiktatur in
Argentinien aufgewachsen. Zwanzig Jahre lang habe ich Repression, sozialen Betrug, Mord und das Verschwinden von Menschen in meinem Land miterlebt. Ich habe gelernt, darüber zu reflektieren und mit diesem Schmerz aus meiner Jugend umzugehen, so gut ich kann. Als Filmemacher will ich das auch in meiner Arbeit ausdrücken. Für "Friedensschlag" bedeutet das: Weil ich selbst weiß, wie sich Familiengeschichte in einem auswirkt und wie ohnmächtig man oft gegen diese Vergangenheit ist, ist der Film für mich auch ein Versuch, etwas für diese Jungs zu tun.
Beim Zuschauen stellt sich das Gefühl ein, dass der Film auch mit einem selbst zu tun hat.Ja, stimmt. Diese Jungs zeigen uns etwas, das wir alle auch haben, das wir aber nur schwer als einen Teil von uns selbst zulassen: einen bestimmten Umgang mit unseren Ängsten, Aggressionen, Frustrationen, unserem Schmerz und unserer Gewalt. Wenn ich in der Reibung mit mir selbst nicht ehrlich bin, spalte ich diese Gefühle von mir ab. Die Jungs bezeichne ich dann als "böse" und habe das Gefühl, dass sie nichts mit mir zu tun haben. Wenn ich mich aber darauf einlasse und akzeptiere, dass auch ich Aggressionen und Gewalt in mir trage, dann kann sich etwas in mir verändern. Die Jungs zeigen uns dann, das hast du auch, wenn du ehrlich zu dir bist. "Friedensschlag" berührt, weil er Punkte in der Verletzung der anderen aufzeigt, mit denen man sich selbst identifizieren kann.
Das Gespräch führte Nana A.T. Rebhan.
Fotos: ©Verleih
www.hand-in.deSeit 2003 integriert die
Work and Box Company jugendliche Mehrfachstraftäter erfolgreich in
die Gesellschaft und in den Arbeitsmarkt.
www.friedensschlag.deDie Website zum Film
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