
Image 25079
Warten, warten, warten – am liebsten hätten die Geschwister Lial (19), Hassan (18) und Maradona (14) längst eine Kartoffelparty geschmissen. Eine "typisch deutsche" Party, mit Kartoffelsalat, Kartoffelpüree und Kartoffelpuffer. So feiert man, wenn man die deutsche Staatsbürgerschaft bekommt. Sechzehn Jahre ist es her, dass ihre Familie aus Libanon nach Deutschland flüchtete. Lial und Hassan waren Kleinkinder, Maradona noch nicht geboren. Die drei sind in Berlin aufgewachsen und kennen die Heimat ihrer Eltern kaum. Integrieren müssen sie sich nicht, sie sind hier zu Hause. Dennoch sind sie wie hunderttausende andere Einwanderer/innen nur vorrübergehend hier. Falls sie nicht ein unbefristetes Aufenthaltsrecht bekommen, droht ihnen irgendwann die Abschiebung. Vor ein paar Jahren ist das der Familie schon einmal passiert.
Plädoyer gegen Abschiebung
Zähneputzen, das Telefon klingelt, Streitereien darum, wer mit Staubsaugen dran ist – "Neukölln Unlimited" beginnt mit einer morgendlichen Szene, die die Normalität der Familie betont. Lial, Hassan und Maradona sind quirlig, eigensinnig, motzig und fröhlich – ganz normale Menschen eben. Erst später folgt ihnen die Kamera in die Ausländerbehörde und ins Zentrum des Konflikts. "Wir helfen Ihnen bei der Rückkehr in Ihr Heimatland", steht da auf einem Schild geschrieben. Dass dieser Hinweis absurd und zynisch wirkt, muss dann schon nicht mehr erklärt werden, die mögliche Abschiebung erscheint widersinnig. Monatelang haben die Filmemacher Agostino Imondi und Dietmar Ratsch den Alltag der Geschwister zwischen Schule, Arbeit, Freizeit und Ausländerbehörde dokumentiert. Worum es den Regisseuren und ihren Hauptpersonen dabei geht, wird von Anfang an deutlich: um das Problem, in der eigenen Heimat nicht als dazugehörig anerkannt zu werden. Der Film konzentriert sich im Folgenden darauf zu zeigen, wie die Familie mit dieser Situation lebt, und räumt auf mit Stereotypen von integrationsunfähigen jungen Menschen mit Migrationshintergrund.
Keine Opfer
"Wenn man begriffen hat, dass man kein Ausländer ist, dann fängt
Integration an. Das ist mein Land." Davon ist zum Beispiel Hassan überzeugt und lässt das auch sofort den Berliner Innensenator wissen, als die Gelegenheit sich eines Tages bietet. Indem die Regisseure Lial, Hassan und Maradona durch den gemeinsamen oder individuellen Alltag begleiten, die drei in solch lauten, aber auch in leisen Momenten genau beobachten und ihnen geduldig zuhören, fügen sich ihre Filmaufnahmen zu einem facettenreichen Porträt der Geschwister zusammen. Während Lial und Hassan sich für das Wohl der Familie engagieren, für die kranke Mutter und den abwesenden Vater einspringen, schert Maradona aus und wird wegen Waffenbesitz von der Schule suspendiert. Doch Lial und Hassan sind keinesfalls nur mustergültige "Integrationsstreber", Maradona nicht nur provokanter "Problemjugendlicher". Mit allen dazugehörigen Konflikten, Diskussionen und Rückschlägen leben sie vor, wie man sein Schicksal selbst in die Hand nimmt.
Im Rhythmus der Musik

Image 25080
Genauso mehrdimensional wird auch ihr Heimatbezirk Neukölln präsentiert: Der Stadtteil, der nach Filmen wie "Knallhart" oder den Bildungsdebatten um die Rütli-Schule zum Synonym für gescheiterte Integration, Chancenungleichheit und Jugendgewalt wurde, bietet auch Entfaltungsmöglichkeiten. Angedockt an ein Jugendzentrum haben sich die drei Geschwister alle zu erfolgreichen Breakdancern entwickelt. Sie treten regelmäßig auf und gewinnen Wettbewerbe, Hassan tourt durch Europa, Maradona qualifiziert sich für die Castingshow "Das Supertalent". In vielen energiesprühenden Tanz- und Gesangsszenen bringt "Neukölln Unlimited" zum Ausdruck, was die Behörden, selbst bei gutem Willen einzelner Mitarbeiter/innen, nicht geben können: Zugehörigkeitsgefühl, Selbstbewusstsein, Erfolg und Identität.
Tägliche Bedrohung
Egal wie hochfliegend, reif oder leichtsinnig die Geschwister auch handeln, ihr Spielraum bleibt immer begrenzt durch traumatische Erinnerungen und Zukunftsangst. Welche Wunden die plötzliche Abschiebung der Familie einige Jahre zuvor hinterlassen hat, kann Hassan zwar aufzählen, doch das Ausmaß des täglichen Bedrohungsgefühls ist schwer zu fassen. "Neukölln Unlimited" macht diese Emotionen trotzdem spürbar und illustriert Hassans Erinnerungen an die Abschiebung in Comicbildern. Ein paar Informationen bleiben dabei im Dunkeln: Wie hat es die Familie zurück nach Berlin geschafft? Und warum ist der Vater nicht mehr da? Man kann nicht über alles reden, sagt Hassan, wenn man ihn danach fragt. So überzeugt auch der Film nicht durch umfassende Faktendarstellung, aber umso mehr durch die szenische Vermittlung von Lebenslust und Angstmomenten, durch die Kraft der Musik und vor allem die einnehmenden Hauptpersonen. "Ein Film zum Lachen, Weinen, Jubeln und Protestieren", befand die Jugendjury bei der diesjährigen Berlinale und verlieh "Neukölln Unlimited" den Gläsernen Bären.
Neukölln Unlimited, Dokumentarfilm, Deutschland 2010, Regie: Agostino Imondi, Dietmar Ratsch, Buch: Agostino Imondi, mit Lial Akkouch, Hassan Akkouch, Maradona Akkouch u. a., deutsches und arabische Original mit Untertiteln, 96 min, Kinostart: 8. April 2010 bei GMfilms
Fotos: Verleih
Marguerite Seidel ist freie Journalistin in Berlin.
Website zum Film (deutsch, englisch)
Infos zum Film auf filmportal.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zum Film
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz
Filmbesprechung auf kinofenster.de
Kommentare
Dein Kommentar