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Lourdes

Lass ein Wunder geschehen!

Kinostart: 1.4.2010 | Cristina Moles Kaupp | Kommentar schreiben | Artikel drucken


Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage – jede/r weiß, wie Märchen enden. Und fast jede/r lässt sich von der Hoffnung leiten, dass alles Übel sich noch zu Lebzeiten zum Guten wende. Aller Vernunft und Logik zum Trotz wollen manche an Wunder glauben, und was sie alles versuchen, um ein Fitzelchen davon abzubekommen, zeigt der mehrfach preisgekrönte Film "Lourdes" der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner. Nach "Lovely Rita" (2001), einer schwarz-humorigen Geschichte über das Erwachsenwerden, und dem mysteriösen Heimatfilm "Hotel" (2004) bezeichnet die Regisseurin ihren dritten Spielfilm als eine Mischung aus "Alptraum" und "bösem Märchen", seiner Mehrdeutigkeiten wegen und weil er am Wunderglauben kratzt.

Pilgern - all inclusive

Anfangs blickt man in den Speisesaal einer Pilgerherberge. Kühles Ambiente, Steinfliesen, Holz, Pflanzengrün. Schweigend decken Schwestern gerade die Tische, karren gelbe Suppe heran. Schon naht eine neue Reisegruppe. Mal zögernd, mal forsch suchen die Pilger/innen ihren Platz. Alte und Kranke sind darunter, der übliche Querschnitt. Doch bald gewinnen diese Prototypen an Kontur: Die einsame Frau Hartl hat sich tief in unscheinbares Rentner-Beige verkrochen und sucht spirituelle Stärkung. Herr Hruby sitzt im Rollstuhl und will Aufmerksamkeit, ein anderer hatte einen Motorradunfall und sucht eine Freundin, und dann ist da noch Christine. Zart, blond und mit einem Lächeln, das selbst dunkelste Winkel erhellt.

Christine, gespielt von der unvergleichlichen Französin Sylvie Testud, hat Multiple Sklerose und ist seit Jahren halsabwärts gelähmt. Sie hat es nicht so mit der Religion und hätte eine Kulturreise vorgezogen, aber der Malteser-Orden hatte gerade nur den Wallfahrtsort Lourdes im Programm. Wer im Rollstuhl sitzt, ist offenbar nicht mehr wählerisch. Genügsam lässt sich Christine von der jungen Schwester Maria füttern, eine dralle Hübsche mit roten Haaren und transparent schwarzen Strümpfen unter der züchtigen Tracht. Sie wird Christine die nächsten Tage durch die Wallfahrtsmaschinerie schieben, die monströser wirkt als jeder All-Inclusive-Mallorca-Trip. Denn hier geht es nicht nur um eine kurze Auszeit vom Alltagstrott, hier wird nichts Geringeres erwartet, als dass ein Wunder geschähe und selbst Schwerkranke den Tod überlisten. 

Ein Ort zum Wundern

Lourdes ist der richtige Ort dafür. 1858 soll die Jungfrau Maria gleich mehrfach erschienen sein und eine Frau genaß dabei von ihrer Armlähmung. Psychologie oder doch etwas mehr? Außergewöhnlich muss die Heilung sein und sich im Glaubenskontext abspielen, nur dann besiegelt sie das Internationale Medizinische Komitee Lourdes als Wunder. So viel Wissenschaft muss sein, bevor die katholische Kirche triumphieren darf. Immerhin: 66 Wunder hat sie bislang anerkannt.

Also strömen jährlich Millionen Menschen herbei, die wohl genauso minutiös durch Lourdes geschleust werden wie die kleine Reisegruppe im Film: der Besuch in der Grotte, das inbrünstige Befingern der Felsen, Anstehen für die Reinigung in den Bädern, dann der Gottesdienst in einer modernen und überfüllten Kathedrale. Der streng ritualisierte und genau getimte Besuch in Lourdes – Jessica Hausner zeigt die Originalschauplätze dokumentarisch genau. Lange Einstellungen fassen das Procedere und wahren Distanz. Keine schnellen Schnitte, dafür klare, exakte Bilder. Sie kontrastieren religiöse Massenrituale mit scheuen zwischenmenschlichen Kontaktaufnahmen, wahre Gläubige mit Sensationshungrigen und die "heilige" Grotte mit Madonnenfiguren aus Gips und mit neonblauem Heiligenschein. Geheilte berichten in Videofilmen von ihren Erlebnissen, derweil erzählt der Pfarrer gelangweilten Ordensschwestern in der Hotellobby Witze. Vielleicht ist Lourdes genau der richtige Ort, um die Ungereimtheiten des Lebens zu begreifen.

Erst die Seele, dann der Körper
 
In all dem Trubel registrieren Christines feine Antennen sehr genau, was ihre Mitreisenden bewegt. Etwa, dass Schwester Maria sich in einen attraktiven Pfleger in Uniform verguckt, der ihr eigentlich auch ganz gut gefällt. Das ganz "normale" Leben, es gehört nur den Gesunden – so sieht es Christine. Sie will es wiederhaben mit ganzer Kraft. Doch der Pfarrer sieht das anders: "Jedes Leben ist einzigartig", sagt er. Und: "Erst muss die Seele gesunden, dann folgt vielleicht der Körper nach!" Ein Satz, den jede/r Psychotherapeut/in unterstreichen würde. Plötzlich geschieht es dann doch: Ausgerechnet die skeptische Christine scheint plötzlich "geheilt". Ein Wunder? Warum hat es sie getroffen? Welchen Prinzipien folgt diese göttliche Belohnung? Oder ist alles nur Zufall, der das strenge Reglement der Katholiken strafen will? Die Mitreisenden wollen das Geschehene begreifen, scheitern jedoch an ihrer eingeschränkten Weltsicht. Noch eine Erfahrung, die Christine machen muss: Kaum tritt sie aus der fürsorglichen Gruppe der Bedürftigen heraus, blickt sie in deren zweites Gesicht – ein von Neid und Missgunst zerfressenes.
 
Ironisch kann man "Lourdes" betrachten, warum sonst hätte der Film letztes Jahr in Venedig von der Union der Atheisten und Agnostiker den Brian überreicht bekommen. Andere lassen sich von den hier gestellten Sinnfragen fangen: Auch von SIGNIS, der Catholic Association for Communication, gab es den Hauptpreis, obwohl der Film natürlich keine Antworten gibt. Dafür jedoch genügend Zeit, darüber zu sinnieren, welche Wirklichkeit die Regisseurin da so sorgfältig entblättert.

Lourdes, Österreich, Frankreich, Deutschland 2009, Buch & Regie: Jessica Hausner, mit Sylvie Testud, Léa Seydoux, Gilette Barbier, Gerhard Liebmann, Bruno Todeschini u. a., 99 min, Kinostart: 1. April 2010 bei NFP

Fotos: ©Verleih

Cristina Moles Kaupp ist Filmjournalistin in Berlin.



www.lourdes-derfilm.at
Website zum Film (deutsch, englisch, französisch)

www.lourdes-derfilm.de
Film-Website des deutschen Verleihs

www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz

www.kinofenster.de
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