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Precious - Das Leben ist kostbar

Familie ohne Trost

Kinostart: 25.3.2010 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Claireece "Precious" Jones ist sechzehn Jahre alt, übergewichtig, kann weder lesen noch schreiben und lebt mit ihrer arbeitslosen Mutter in einer Sozialsiedlung im New Yorker Schwarzenviertel Harlem. Wenn die Frau vom Sozialamt den beiden einen Routinebesuch abstattet, bringt die Großmutter noch schnell Precious' am Down Syndrom erkranktes Kind vorbei, damit der Wohlfahrtscheck weiterhin regelmäßig ins Haus flattert. Doch hinter der Fassade dieses desolaten Familiengefüges sieht die Realität noch ein Stück krasser aus. Da wird das kranke Baby nur "Mongo" gerufen und Precious von ihrer Mutter täglich körperlich und psychisch misshandelt. Der Vater des Kindes hat sich längst aus dem Staub gemacht. Es ist Precious' eigener Vater, der das Mädchen mit dem Wissen der Mutter jahrelang vergewaltigt und sexuell missbraucht hat. Nun ist sie das zweite Mal schwanger, wieder von ihrem Vater. Ein Schulverweis droht, doch ihre Mutter sorgt sich vor allem darum, dass die Behörden nun unangenehme Fragen zu stellen beginnen und möglicherweise die Unterhaltszahlungen einstellen.

Gesellschaft in Bewegung

Mitte der 1990er-Jahre sorgte "Push", der Debütroman der New Yorker Autorin Sapphire, in den USA für heftige Kontroversen. Nicht anders ergeht es knapp fünfzehn Jahre später Lee Daniels' Verfilmung "Precious", die auf Filmfestivals weltweit mit Publikumspreisen überhäuft wurde, aber für die Darstellung der afro-amerikanischen Unterschicht auch Kritiker/innen auf den Plan rief. In den USA ist man seit dem Hurrikan Katrina, der noch einmal auf gravierende Weise das soziale Gefälle zwischen der weißen und schwarzen Bevölkerung ins Bewusstsein rief, und Barack Obama mit seiner Botschaft des gesellschaftlichen Wandels wieder sensibilisiert für den alltäglichen Rassismus. "Precious" ist eine Ansammlung von Klischees über die schwarze Unterschicht (ungebildet, fett, Hähnchen essend, sozial verwahrlost), die Verdichtung eines gesellschaftlichen Ausnahmezustands. Man kann die Dynamik dieser Argumentation gerade auch wieder in Deutschland im Zusammenhang mit den Debatten über Hartz IV beobachten. Im Fall von Daniels' Film, und das wird von seinen Kritikern/innen gerne übersehen, liegt jedoch eine historische Distanz zwischen seiner Geschichte und den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen. "Precious" spielt im Jahr 1987, zur Zeit von AIDS-Paranoia  und der ersten großen Crack-Schwemme in den amerikanischen Armenvierteln. Das soziale Milieu, in dem der Film spielt, hat sich in den letzten zwanzig Jahren stark verändert.

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Die Reaktionen auf "Precious" waren auch deswegen so kontrovers, weil das Schicksal seiner Titelfigur eng mit diesem Milieu und der Familie verflochten ist. Daniels' Film richtet seinen Blick schonungslos auf die Lebensumstände von Precious, die von der Debütantin Gabourey Sidibe mit herzzerreißender Unerschütterlichkeit gespielt wird. Das Mädchen erträgt die Misshandlungen in der Familie, in der Schule und auf der Straße mit stoischem Gleichmut. Familiäre Wärme, Liebe oder auch nur Respekt hat Precious nie erfahren. Insgeheim spürt sie aber, dass sie etwas Besseres verdient hat. Nur fehlt ihr die Erfahrung, diese Sehnsüchte zu artikulieren. Stattdessen flüchtet sie sich in Tagträume, in denen ihr Lehrer als ihr rettender Prinz erscheint oder sie als glamouröser Star von der jubelnden Menge gefeiert wird. Diese Ausbrüche aus der Realität sind auch ein stilistischer Bruch mit Daniels' Realismus, die die Zuschauenden immer wieder abrupt aus dem Film reißen.

Doch so plump und mitunter auch unnötig diese Sequenzen sein mögen: In Precious' Fantasie, die nichts anderes kennt als Fernsehen (in einer Szene spielt sie mit ihrer Mutter eine Szene aus einem mexikanischen Melodram nach; die Demütigungen sind auf Spanisch nicht minder verletzend), Junkfood und das Leben der New Yorker Straße, haben diese naiven Träumereien durchaus eine gewisse Poesie und Aufrichtigkeit. Daniels beschreibt die Welt aus Precious' beschränkter Perspektive, ohne das Mädchen in eine Opferposition zu drängen, und findet so – ähnlich wie Sapphire mit ihrer Romanvorlage – zu einer ganz eigenen Sprache. Spuren dieser verqueren Poesie finden sich noch in den Filmcredits, die im legasthenischen Englisch von Precious' Slang geschrieben sind.

Leben am Rand

Trotz vieler stilistischer Unstimmigkeiten und seiner gerade in den häuslichen Gewaltdarstellungen eher fragwürdigen Bildsprache hat Daniels' Film immer dann seine bewegendsten Momente, wenn er sich ganz auf Precious' unmittelbares soziales Umfeld einlässt. Auf Drängen einer Lehrerin – und gegen den Willen ihrer Mutter – wechselt sie auf eine Sonderschule, wo sie – als Außenseiterin unter Außenseitern/innen – erstmals Teil einer Gemeinschaft ist. In den Gesprächen zwischen den Teenagern, die sich nach und nach zusammenraufen, trifft Daniels einen Tonfall, der dem Film insgesamt gut getan hätte. Hier fällt der Kitsch und das Pathos von seinen Bildern ab. Der Film hört den Mädchen einfach nur beim Reden zu: ungezwungen, großmäulig, verletzt, immer auch ein bisschen albern, und man fühlt sich unwillkürlich an Larry Clark erinnert, der es wie kein anderer Filmemacher versteht, sich in die Gefühlswelt und die Sprache Jugendlicher hineinzuversetzen.

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Die Darsteller/innen sind zweifellos die größte Stärke des Films, und das gilt nicht nur für Gabourey Sidibe, die eines der mitreißendsten Kinodebüts der letzten Jahre abliefert – indem sie einfach jegliche schauspielerische Allüren vermeidet. Unter ihren Körpermassen und in ihrem riesigen Gesicht bringt sie eine Verletzlichkeit zum Ausdruck, die zutiefst berührt. Es ist nicht zuletzt ihrem zurückhaltenden Spiel zu verdanken, dass "Precious" nie in Rührseligkeiten verfällt. Dass der Oscar® letztlich an Mo'Nique für ihre Darstellung von Precious' Mutter ging, war daher als kleine Überraschung zu werten, ist ihre Figur im Vergleich zu der von Precious doch wesentlich eindimensionaler angelegt. Selbst Hobby-Schauspieler wie Mariah Carey als toughe Sozialarbeiterin und Lenny Kravitz in der Rolle einer männlichen Krankenschwester fügen sich ganz uneitel in das großartige Ensemble von Daniels' Film ein.
 
Dass "Precious" in den USA zu einem kleinen Blockbuster avancierte, war dennoch nicht unbedingt vorherzusehen. Denn auch wenn Daniels' Film noch tröstende Momente in Precious' Geschichte findet, hält er doch kein Happy-End parat. Zum Erfolg des Films trug vor allem Oprah Winfrey, die Grand Dame der amerikanischen Talkshow, bei, die schon vor Jahren Sapphires Roman in ihrem Buchclub abgefeiert hatte. Nun fungiert sie als Produzentin und treibende Kraft, die "Precious" – und seinem Thema – im Vorfeld viel Aufmerksamkeit bescherte. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich in Daniels' Film viel von Oprahs agitatorischem Stil zwischen Seifenoper und Aufklärung wiederfindet. Wie ernst er seine Figur dabei aber nimmt, ist ihm hoch anzurechnen.

(Precious: Based on the Novel Push by Sapphire) USA 2009, Regie: Lee Daniels, Buch: Geoffrey Fletcher nach dem Roman von Sapphire, mit Gabourey Sidibe, Mo'Nique, Aunt Dot, Paula Patton, Mariah Carey, Lenny Kravitz u. a., 109 min, Kinostart: 25. März 2010 bei Prokino

Andreas Busche ist Filmrestaurator und Filmkritiker.

Fotos: Verleih



www.weareallprecious.com
Website zum Film (englisch)

www.das-leben-ist-kostbar.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film

www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz

www.kinofenster.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de




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