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Claireece "Precious" Jones ist sechzehn Jahre alt, übergewichtig, kann weder lesen noch schreiben und lebt mit ihrer arbeitslosen Mutter in einer Sozialsiedlung im New Yorker Schwarzenviertel Harlem. Wenn die Frau vom Sozialamt den beiden einen Routinebesuch abstattet, bringt die Großmutter noch schnell Precious' am Down Syndrom erkranktes Kind vorbei, damit der Wohlfahrtscheck weiterhin regelmäßig ins Haus flattert. Doch hinter der Fassade dieses desolaten Familiengefüges sieht die Realität noch ein Stück krasser aus. Da wird das kranke Baby nur "Mongo" gerufen und Precious von ihrer Mutter täglich körperlich und psychisch misshandelt. Der Vater des Kindes hat sich längst aus dem Staub gemacht. Es ist Precious' eigener Vater, der das Mädchen mit dem Wissen der Mutter jahrelang vergewaltigt und sexuell missbraucht hat. Nun ist sie das zweite Mal schwanger, wieder von ihrem Vater. Ein Schulverweis droht, doch ihre Mutter sorgt sich vor allem darum, dass die Behörden nun unangenehme Fragen zu stellen beginnen und möglicherweise die Unterhaltszahlungen einstellen.
Gesellschaft in Bewegung
Mitte der 1990er-Jahre sorgte "Push", der Debütroman der New Yorker Autorin Sapphire, in den USA für heftige Kontroversen. Nicht anders ergeht es knapp fünfzehn Jahre später Lee Daniels' Verfilmung "Precious", die auf Filmfestivals weltweit mit Publikumspreisen überhäuft wurde, aber für die Darstellung der afro-amerikanischen Unterschicht auch Kritiker/innen auf den Plan rief. In den USA ist man seit dem Hurrikan Katrina, der noch einmal auf gravierende Weise das soziale Gefälle zwischen der weißen und schwarzen Bevölkerung ins Bewusstsein rief, und Barack Obama mit seiner Botschaft des gesellschaftlichen Wandels wieder sensibilisiert für den alltäglichen Rassismus. "Precious" ist eine Ansammlung von Klischees über die schwarze Unterschicht (ungebildet, fett, Hähnchen essend, sozial verwahrlost), die Verdichtung eines gesellschaftlichen Ausnahmezustands. Man kann die Dynamik dieser Argumentation gerade auch wieder in Deutschland im Zusammenhang mit den Debatten über Hartz IV beobachten. Im Fall von Daniels' Film, und das wird von seinen Kritikern/innen gerne übersehen, liegt jedoch eine historische Distanz zwischen seiner Geschichte und den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen. "Precious" spielt im Jahr 1987, zur Zeit von AIDS-Paranoia und der ersten großen Crack-Schwemme in den amerikanischen Armenvierteln. Das soziale Milieu, in dem der Film spielt, hat sich in den letzten zwanzig Jahren stark verändert.
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Die Reaktionen auf "Precious" waren auch deswegen so kontrovers, weil das Schicksal seiner Titelfigur eng mit diesem Milieu und der Familie verflochten ist. Daniels' Film richtet seinen Blick schonungslos auf die Lebensumstände von Precious, die von der Debütantin Gabourey Sidibe mit herzzerreißender Unerschütterlichkeit gespielt wird. Das Mädchen erträgt die Misshandlungen in der Familie, in der Schule und auf der Straße mit stoischem Gleichmut. Familiäre Wärme, Liebe oder auch nur Respekt hat Precious nie erfahren. Insgeheim spürt sie aber, dass sie etwas Besseres verdient hat. Nur fehlt ihr die Erfahrung, diese Sehnsüchte zu artikulieren. Stattdessen flüchtet sie sich in Tagträume, in denen ihr Lehrer als ihr rettender Prinz erscheint oder sie als glamouröser Star von der jubelnden Menge gefeiert wird. Diese Ausbrüche aus der Realität sind auch ein stilistischer Bruch mit Daniels' Realismus, die die Zuschauenden immer wieder abrupt aus dem Film reißen.
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Die Darsteller/innen sind zweifellos die größte Stärke des Films, und das gilt nicht nur für Gabourey Sidibe, die eines der mitreißendsten Kinodebüts der letzten Jahre abliefert – indem sie einfach jegliche schauspielerische Allüren vermeidet. Unter ihren Körpermassen und in ihrem riesigen Gesicht bringt sie eine Verletzlichkeit zum Ausdruck, die zutiefst berührt. Es ist nicht zuletzt ihrem zurückhaltenden Spiel zu verdanken, dass "Precious" nie in Rührseligkeiten verfällt. Dass der Oscar® letztlich an Mo'Nique für ihre Darstellung von Precious' Mutter ging, war daher als kleine Überraschung zu werten, ist ihre Figur im Vergleich zu der von Precious doch wesentlich eindimensionaler angelegt. Selbst Hobby-Schauspieler wie Mariah Carey als toughe Sozialarbeiterin und Lenny Kravitz in der Rolle einer männlichen Krankenschwester fügen sich ganz uneitel in das großartige Ensemble von Daniels' Film ein.
Dass "Precious" in den USA zu einem kleinen Blockbuster avancierte, war dennoch nicht unbedingt vorherzusehen. Denn auch wenn Daniels' Film noch tröstende Momente in Precious' Geschichte findet, hält er doch kein Happy-End parat. Zum Erfolg des Films trug vor allem Oprah Winfrey, die Grand Dame der amerikanischen Talkshow, bei, die schon vor Jahren Sapphires Roman in ihrem Buchclub abgefeiert hatte. Nun fungiert sie als Produzentin und treibende Kraft, die "Precious" – und seinem Thema – im Vorfeld viel Aufmerksamkeit bescherte. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich in Daniels' Film viel von Oprahs agitatorischem Stil zwischen Seifenoper und Aufklärung wiederfindet. Wie ernst er seine Figur dabei aber nimmt, ist ihm hoch anzurechnen.
(Precious: Based on the Novel Push by Sapphire) USA 2009, Regie: Lee Daniels, Buch: Geoffrey Fletcher nach dem Roman von Sapphire, mit Gabourey Sidibe, Mo'Nique, Aunt Dot, Paula Patton, Mariah Carey, Lenny Kravitz u. a., 109 min, Kinostart: 25. März 2010 bei Prokino
Andreas Busche ist Filmrestaurator und Filmkritiker.
Fotos: Verleih
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