Zerrissenes Land, zerrissene Filme

Neues Kino aus Israel

2.1.2004 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Wenn das Kino zum gefährlichen Ort wird, hat der Film keine Chance: Seit Beginn der zweiten Intifada, dem Aufstand der Palästinenser in den von Israel besetzten Gebieten, sind die Besucherzahlen in israelischen Lichtspielhäusern um 35 Prozent zurückgegangen. Die meisten Kinos befinden sich in Einkaufszentren, begehrte Anschlagziele von Selbstmordattentätern. So können die Glitzerfassaden hochmoderner Städte wie Tel Aviv oder Haifa nicht darüber hinwegtäuschen: Der uralte Nahostkonflikt macht Israel zu einem Land im Ausnahmezustand. Dass sich das Kino nicht von der Realität lösen kann, zeigt auch die Situation des israelischen Films.

Ein Publikum in Habachtstellung

Flüchtig betrachtet unterscheiden sich die Probleme israelischer Regisseure nicht von denen in anderern Ländern. An den Kassen regiert Hollywood. Selbst "etablierten" Filmemachern wie Assi Dayan, Dan Wolman, Michal Bet-Adam und Amnon Rubinstein gelingt es kaum, neue Projekte zu finanzieren. Doch bei näherer Betrachtung ist es die politische Psychologie des Staates Israel und seiner Regierung, die diesen Zustand festschreibt. Die Kosten der nationalen Spielfilmproduktion werden zu 70 Prozent von der Regierung getragen. Und die schielt zunehmend auf ein Publikum, das sich in den vergangenen Jahrzehnten als äußerst launisch erwiesen hat. Das Interesse an sozialen und politischen Themen ­ und nur die verschaffen einem israelischen Film internationale Aufmerksamkeit - verläuft in Wellen, ist der Tagespolitik untergeordnet. Zwar ist die alte Forderung nach "patriotischen" Filmen unter Ministerpräsident Ariel Sharon längst aufgehoben. Aber jeder Anschlag, jede Waffenruhe verändert die Lage aufs Neue.
Kino statt Glotze?

Auf das Osloer Friedensabkommen 1993 folgte eine Reihe erfolgreicher Unterhaltungsfilme, die sich privaten Themen widmeten. Gleichzeitig erstarkte der Dokumentarfilm, der das Politische übernahm: die Intifada, Probleme arabischer Frauen, Identitätskrisen beim israelischen Militär. Wahrgenommen werden sie vor allem auf internationalen Festivals ­ und im Fernsehen, dem größten Feind des israelischen Kinos. Dort laufen sie dann zwischen den traditionellen Ethno-Komödien und Teenage-Müll wie "Eis am Stiel". Der Zerfall des Friedensprozesses hat das politische Kino noch weiter geschwächt. Benjamin Netanjahu, rechtskonservativer Nachfolger des ermordeten Ministerpräsidenten Itzchak Rabin, drehte den Geldhahn zu. Statt zwölf Filmen im Jahr wurde nur noch einer vorfinanziert. Mittlerweile hat sich die Budgetlage wieder gebessert, doch auf einheimische Filme reagiert das Publikum mit Apathie. Unterhaltungsfilme wirken kaum glaubwürdig, Politik ist out. Wozu eine Kinokarte kaufen, wenn man palästinensische Selbstmordattentäter, verzweifelte Juden und Muslime jeden Tag in der Glotze sieht? Das Thema ist in Israel ungefähr so sexy wie ein deutscher Film über den Reformstau.

Es könnte schlimmer sein, oder?


Der Start von "Broken Wings" in Deutschland ist deshalb so bemerkenswert, weil Nir Bergmans Familienfilm einen Ausweg aus dem Dilemma zeigt. Was hier passiert ­ der plötzliche Tod des Vaters stellt eine junge Familie vor die Zerreißprobe ­ geschieht jeden Tag, überall auf der Welt. Doch es ist die seelische Verfassung des Landes Israel, die hier auf dem Spiel steht. Seine künstlerische Überzeugungskraft gewinnt der Film aus einem Satz, den jedes Familienmitglied mindestens einmal ausspricht: "Es könnte schlimmer sein, oder?" Man muss auf den Ton dieses Satzes achten, der mal verzweifelt, mal als trotzige Beschwörungsformel, tröstend, ermutigend, immer aber mit größter Unsicherheit die Lippen verlässt. Wer "Broken Wings" gesehen hat, ahnt: Es könnte kaum schlimmer stehen um Israel. Es ist das Bedürfnis nach Normalität, das am Ende eine familiäre Geborgenheit wieder möglich macht. Ob die Wunden je ganz verheilen, bleibt ungewiss.

Film ist Politik!

So erzählen neuere Filme universale Geschichten, ohne das Politische plakativ in den Vordergrund zu rücken. "Yossi und Jagger" von Eytan Fox, derzeit bei uns in den Kinos, ist das einfühlsame Porträt einer schwulen Liebe in der israelischen Armee. In der Berliner Filmreihe "Platz der Träume ­ Filme aus Israel" war vor kurzem Tzahi Grads wunderbarer Mädchenfilm "Giraffes" zu sehen. Es sind Bilder eines modernen Israel, die in ihrer Melancholie mehr über das schwierige Verhältnis der Menschen zu ihrem Land verraten als jeder Medienbericht. Festivalpreise für "Broken Wings", unter anderem Publikumsliebling auf der letztjährigen Berlinale, sind schön und gut. Doch es ist an der Zeit, diesen Filmen die Beachtung zu schenken, die sie verdienen ­ und dringend benötigen.

Philipp Bühler ist freier Autor in Berlin.

Foto: Alamode Filmverleih



www.israel.de
Botschaft des Staates Israel

www.us-israel.org/jsource/Society_&_Culture/cinema.html
Ein langer Bericht über israelisches Kino mit vielen Filmbeispielen, leider nur auf Englisch.

www.alamodefilm.de
Filmverleih von "Broken Wings"

www.goethe.de/om/jer/deindex.htm
Goethe-Institut Jerusalem

www.hagalil.com/

deutsche Website, Vereinsorgan von "Tacheles Reden!"

www.bpb.de

Publikationen zum Thema Israel und zum Thema "Juden in Deutschland nach 1945"




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