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Warum sich so bewegen und nicht anders? Und wieso ist einfach nur schreien nicht gut genug, wenn man schreien soll? Was Pina Bausch von ihren Tänzern/innen verlangt, ist mehr als eine perfekte Schrittfolge. "Mich interessiert nicht, wie sich Menschen bewegen, sondern was sie bewegt", hat sie einmal gesagt. Dieses inzwischen weltberühmte Zitat der im Sommer 2009 überraschend verstorbenen Wuppertaler Star-Choreografin kann auch als Leitsatz für eines ihrer letzten Projekte gelten: die Wiederaufnahme des Stücks "Kontakthof" von 1978 – allerdings ohne professionelles Ensemble, wie schon einmal mit "Damen und Herren ab 65" (2000) geschehen. Diesmal sind die Tänzer Jugendliche ab 14 Jahren – um sie zu ermuntern, sie selbst zu sein, so Pina Bausch, und um ihre Gefühle hinter Bewegungen aufleuchten zu lassen.
Fast ein Jahr lang haben 46 Haupt- und Gymnasialschüler/innen aus verschiedenen Wuppertaler Stadtteilen zusammen mit den ehemaligen Bausch-Tänzerinnen Joe Ann Endicot und Bénédicte Billiet an "Kontakthof" gearbeitet, begleitet von der Kamera von Anne Linsel und Kameramann Rainer Hoffmann. Ähnlich wie der Film "Rhythm is it!" (2004) über ein Schülertanzprojekt der Berliner Philharmoniker dokumentieren nun Filmemacherin und Fimemacher die Proben bis zur Uraufführung und porträtieren in Interviews einige der Jugendlichen näher.
Obwohl sich alles ums Tanzen dreht – darum, innere Barrieren zu überwinden, bis man mit dem Körper präzise ausdrücken kann, was man fühlt –, gelingt zugleich ein berührender Querschnitt durch die Gedankenwelten unterschiedlichster junger Menschen heute. Da ist der flirtfreudige Aufschneider, der im Dunkeln versehentlich seinen besten Freund küsst. Oder das Mädchen, das von ihrem Freund mit der Cousine betrogen wurde. Da ist auch der muslimische Roma, dessen künftige Frau die Kopftuchfrage selbst entscheiden soll und der in seinem Bühnenpart das Mädchen nicht zu greifen bekommt. Und da ist das Mädchen, dem seit dem Tod ihres Vaters alles entgleitet, das nun aber die Hauptrolle mit kraftvoller Eleganz tanzt.
Das Schöne, Erfrischende an diesem Film ist, dass er schlicht und ehrlich zeigt, wie offene Begegnungen möglich gemacht werden, egal ob zwischen Jugendlichen untereinander oder mit Erwachsenen. Mehr noch als bei "Rhythm is it!" stehen die Tänzer/innen im Vordergrund, nicht das Projekt. Während im Stück "Kontakthof" egoistisches Verhalten jegliche Annäherung stört, schaffen es die Jugendlichen und ihre Tanzlehrerinnen, Gefühle und Erfahrungen nicht nur tanzend, sondern auch vor der Kamera auszudrücken – mit all den Überzeugungen, Unsicherheiten und Sehnsüchten, die das Leben mit sich bringt.
Marguerite Seidel
Tanzträume - Jugendliche tanzen Kontakthof von Pina Bausch, Dokumentarfilm, Deutschland 2009, Buch & Regie: Anne Linsel, mit Pina Bausch, Jo Ann Endicott, Bénédicte Billiet u. a., 89 min, Kinostart: 18. März 2010 bei Real Fiction
Foto: Ursula Kaufmann
www.realfictionfilme.deMehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs
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