Ausnahmesituation

Zum Heulen

Kinostart: 11.3.2010 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Megan und Patrick Crowley leiden an Morbus Pompe. Das ist ein seltener genetischer Defekt, der im Fehlen eines Enzyms besteht, das Glykogen abbaut; Morbus Pompe ist eine Art Muskeldystrophie mit einer Lebenserwartung von unter zehn Jahren. Außerdem ist Morbus Pompe eine so genannte Orphan-Desease, also eine derart seltene Krankheit, dass sich die Investition in die Entwicklung und Herstellung eines heilenden oder lindernden Medikamentes marktwirtschaftlich nicht rechnet. John Crowley, der Vater von Megan und Patrick, will sich mit dieser zynischen Effizienzrechnung, die seine Kinder in nicht allzu ferner Zukunft das Leben kosten wird, naturgemäß nicht abfinden. Unterstützt von seiner Frau Aileen mobilisiert er den in ihm schlummernden US-amerikanischen Pioniergeist. Er gründet eine Firma, eine Forschungseinrichtung, deren einziger und alleiniger Zweck darin besteht, ein Heilmittel für die Krankheit zu finden und bis zur Marktreife zu bringen. Und weil nicht gewinnt, wer nicht wagt, geht es Megan und Patrick inzwischen sehr viel besser.
Die Geschichte ist wahr. Sie hat sich Ende der Neunziger in den USA zugetragen und Geeta Anand vom Wall Street Journal hat ein Buch über den Kampf der Crowleys geschrieben: "The Cure: How a Father Raised 100 Million – and Bucked the Medical Establishment – in a Quest to save his children". Es konnte nicht ausbleiben, dass Hollywood von der Sache Wind bekam und, immer auf der Suche nach Stoff für die Tränendrüse, sich die Filmrechte sicherte. Deswegen gibt es jetzt "Ausnahmesituation" von Tom Vaughan, in dem Brendan Fraser den Vater gibt, der mit dem Kopf durch die Wand will, und Harrison Ford den Wissenschaftler (eine aus mehreren realen Vorbildern zusammengesetzte Fantasiefigur namens Dr. Robert Stonehill), der ihm dabei Gesellschaft leistet.

Und mehr gibt es zu der ganzen Angelegenheit auch nicht zu sagen. Was ein wirklich spannender Film über die dubiosen Machenschaften der Pharmaindustrie hätte werden können – nein, sollen und müssen –, kommt an keiner Stelle über das intellektuelle Niveau eines unterdurchschnittlichen "Zur Krankheit der Woche"-TV-Films hinaus. Statt sich über Profitgier und Profilneurosen, gesetzliche Regelungen und moralische Dilemmata Gedanken zu machen, werden einmal mehr Aufnahmen krank spielender Kinder-Darsteller aneinander montiert, wallen Tränen in Erwachsenenaugen, blickt Fraser wie ein Dackel und Ford wie eine beleidigte Leberwurst. Husch, husch hinweg über Gewinnmaximierung und Gewissensqual und ab in die nächste sonnenbeschienene Wohlfühlszene. Krankheit ist hässlich und nur die Reichen können sie sich noch leisten, doch das ist eine Wahrheit, an die Vaughan nicht rühren will. Also verschenkt er sein Thema, unnötiger- und ärgerlicherweise.
Alexandra Seitz

(Extraordinary Measures) USA 2010, Regie: Tom Vaughn, Buch: Robert Nelson Jacobs nach dem Tatsachenbericht von Geeta Anand, mit Brendan Fraser, Harrison Ford, Keri Russell, Meredith Droeger, Diego Velazquez u. a., 106 min, Kinostart: 11. März 2010 bei Concorde

Foto: Verleih


www.extraordinarymeasuresthemovie.com
Website zum Film (englisch)
www.ausnahmesituation-derfilm.de
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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