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Hochburg der Sünden

Ein Experiment mit Folgen

Kinostart: 11.3.2010 | Susanne Gupta | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Aysel sagt am Telefon, dass sie nichts gelernt hat und es satt hat, nur Hausfrau zu sein. Als sich die gläubige Muslima und Mutter zweier Kinder bei dem Dauerprovokateur und Theaterregisseur Volker Lösch am Stuttgarter Staatstheater als Laiendarstellerin meldet, ahnt sie nicht, auf welches Experiment sie sich da eingelassen hat. Als einzige Kopftuchträgerin wird sie mit 16 anderen türkischstämmigen Frauen unter seiner Leitung eine moderne Fassung von "Medea" nach Euripides erarbeiten. Dem mythischen Stoff um die selbstbewusste Männerrächerin sollen sie sich über ihre eigenen Lebensgeschichten annähern. Thomas Lauterbach hat diesen Arbeitsprozess in dem Dokumentarfilm "Hochburg der Sünden" festgehalten und es ist ihm dabei eine alles andre als langweilige Theaterverfilmung gelungen. Mit großer Empathie beobachtet er die Frauen, allen voran Aysel, und fängt ihren Mut, ihre Sehnsucht nach Freiheit, aber auch ihre Zweifel und Kritik an Lösch ein. 

Wieder einmal muss das Klischee der Frauenunterdrückung im Islam zum Aufhänger werden. Und obwohl dies wohl nicht die Absicht war, sättigt das Bühnenstück durch seinen plakativen Ansatz, der aufrütteln soll, leider nur das alte Vorurteil. Political Correctness wird zum Dogma. Und die Gemeinten selbst? Aysel ist behütet aufgewachsen, wehrt sich und verteidigt ihre Vorstellungen, muss aber lernen, dass andere Frauen viel Gewalt in den Familien erlitten haben. In der Konfrontation mit der freizügigen, christlichen und an den Westen angepassten Annabella prallen Weltsichten aufeinander.

Der Film entlarvt nebenbei die patriarchalischen Verhältnisse am Theater und die unantastbare Autorität des Theaterregisseurs Lösch. Die Frauen müssen bei ihm parieren wie beim Militär. Ist in der Kunst wirklich alles erlaubt? Bei Aysel, deren Wort zum Titel des Films wurde, vermischen sich oft die Ebenen von Kunst und Realität, was Konflikte auslöst. Eine Beischlafszene zum Beispiel erscheint ihr mit ihren Moralanschauungen unvereinbar. Trotz ihres Andersseins wird uns die waschechte "Schwabotürkin" aus Nürtingen, die selbstbewusst Auto fährt und sich so gut in Deutsch ausdrücken kann, sympathisch und erfährt eine Anerkennung, was den Film gegenüber in den Medien sonst üblichen Zerrbildern muslimischer Frauen auszeichnet. Thomas Lauterbach hat auf dem Leipziger Dokumentarfilmfestival 2009 verdient den ersten Preis für "Hochburg der Sünden" bekommen.
Susanne Gupta

Hochburg der Sünden, Dokumentarfilm, Deutschland 2008, Buch & Regie: Thomas Lauterbach, mit Aysel Kiliç, Annabella Akcal, Hülya Özkaner, Selda Vogelsang, Volker Lösch u. a., 79 min, Kinostart: 11. März 2010 bei Mindjazz Pictures

Foto: Verleih


www.mindjazz-pictures.de
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs
www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de

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