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Filmstudenten/innen ohne Illusionen

Keine Zeit für müßige Erwartungen

10.3.2010 | Nana A. T. Rebhan | Kommentar schreiben | Artikel drucken


Stefan Kessissoglu, 23 Jahre alt, und Christopher Kane, 25, haben ihr Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin im Herbst 2009 begonnen. Die DffB ist eine der wenigen Institutionen in Deutschland, an der noch lange studiert werden kann. So dürften Regiezögling Stefan und Produktionsstudent Christopher etwa 2020 ihr Studium beenden. Wenn sie sich beeilen, geht es natürlich etwas schneller. Kamerafrau Patricia Lewandowska, 34, hat ihr Studium 2001 begonnen. Ihr fehlt noch der geeignete Film, damit sie endlich abschließen kann.

fluter.de: Stefan, du bist im ersten Jahr Regie. Was für Erwartungen hast du an deinen zukünftigen Beruf?

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Stefan

Stefan Kessissoglu: Meine Idee ist es, später einmal Regie bei einem Kinofilm zu führen, oder zumindest bei einem Film, den ich nach meinen ethischen Grundsätzen vertreten kann und der mich berührt. Man redet immer davon, dass man als Regisseur ein zweites Standbein bräuchte, das man über Serienregie aufbauen könnte. Ich habe aber die Befürchtung, dass, wenn ich Regie bei Serien führen sollte, hinter denen ich nicht ganz stehe, ich mich daran zerreibe und meine Linie verlieren könnte. Deshalb fände ich es gut, ein zweites Standbein auf einem anderen Gebiet zu finden. Mit Regie Geld zu verdienen nur um des Geldes willen kann ich mir kaum vorstellen – aber das sagen wahrscheinlich alle in meiner Position.

Womit würdest du dann dein Geld verdienen wollen?

Stefan: Journalismus, Schriftstellerei, es kann auch im Filmbereich all das sein, was technisch und mechanisch abläuft, wie etwa Ton- und Kameraassistenzen. Kellnern oder so könnte ich mir auch vorstellen. Etwas, wo man einfach loslegt und seinen Geist davon befreit, sich "reinwäscht".

Und wie siehst du das?


Christopher: Ich sehe das ähnlich. Wenn alles gut läuft, kann ich später mal als Herstellungsleiter oder Produktionsleiter arbeiten. Das ist echt kein Traumjob für mich, der freie Markt und dann noch in dieser Branche. Deshalb habe ich von Anfang an einen Plan B: Meine Mutter geht in zehn Jahren in Rente und dann übernehme ich ihren Laden. Dann habe ich dort einen Job und betreibe eine Cafeteria, gehe jeden Tag acht oder zehn Stunden arbeiten und weiß anschließend, was ich getan habe. Weiß, für wen und wie ich es getan habe, und kann alles selbst bestimmen. Dadurch werde ich ein ruhigerer und ausgeglichener Mensch sein. Wenn ich dagegen in der Filmwelt mein Brot erwerben müsste, würde ich daran kaputtgehen. Die Voraussetzungen, die momentan für Freischaffende beim Film existieren, sind völlig untragbar. Ich wäre ja schon zufrieden, wenn ich eine sich halbwegs selbst tragende Produktionsfirma hätte, die es schaffen würde, eigene Projekte durchzusetzen und finanziert zu bekommen. Das große Geld erwarte ich nicht. Ich kette mich auch nicht an dieses Medium Film – ganz und gar nicht. Das befreit.

Wie kommt es, dass ihr so realistisch seid und gar nicht träumt?

Christopher: Ich habe drei Jahre auf dem freien Markt gearbeitet. Ich war Setaufnahmeleiter und Regieassistent. Das letzte Jahr vor dem Studium habe ich Musikvideos gemacht. Das ist die Hölle. Mit anzusehen, wie das Geld das Klo runtergespült wird. Wie alle ein Wegwerfprodukt erstellen, zu dem keiner richtig steht und das eigentlich keiner gut findet. Das ist nicht mein Wesen, damit kann ich mich nicht identifizieren. Ich arbeite fürchterlich gerne, aber dann mache ich lieber noch 'ne Ausbildung zum Zimmermann und baue ein Haus. Dann weiß ich wenigstens, was ich geschaffen habe. Wenn ich ein Musikvideo drehe, dann sind das frustrierende Sachen, und am Ende muss man sogar noch um seine Gage kämpfen, damit man nicht einen Fünfer die Stunde bekommt, nach einem Zwanzigstundendreh.

Das klingt nach extremen Arbeitsbedingungen.


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Christopher

Christopher: Man wird pauschal eingekauft. Es wird keine Rücksicht auf dich genommen. Auch wenn man Herzblut in ein Projekt gibt und die beste Arbeit liefert, wird das einem am Ende nicht gedankt. Deren Einstellung ist: "Sei froh, wenn wir dich noch mal anrufen." Das ist sehr frustrierend.

Habt ihr auch vorher schon Erfahrungen gesammelt?


Stefan: Ich war Clapper/Loader, das war ein Praktikantenjob für 400 Euro im Monat. Ich habe mir das mal ausgerechnet, ich kam da auf knapp einen Euro die Stunde. Während dieser Zeit wurde ich auch gefragt, ob ich nicht den Ton angeln wollte. In Amerika ist der Tonangler, der "Boomoperator", ein eigenständiger Beruf. In Deutschland war es eigentlich auch immer ein voll bezahlter Beruf. Das hat sich geändert. Genauso seltsam ist es auch, wenn ich das Bildmaterial vom Tag in den Schnittraum bringen muss. Eine Rolle ist ungefähr 50.000 Euro wert, ich bekomme aber nur 400 Euro im Monat. Da stimmt das Verhältnis Verantwortung/Geld nicht.

Was bringt dich denn trotz dieser schwierigen Situation dazu, dass du Regisseur werden willst?


Stefan: Mein Egoismus (lacht). Auch wenn man einen sozialen Beruf ergreift, hat das ja etwas mit Egoismus zu tun. Meine Hoffnung ist es, dass ich "die Welt verändere" oder zumindest meine eigene kleine Welt verändere. Über Film kann man alle möglichen Lebenssituationen anderen Menschen näher bringen, das trägt zur Empathie bei und ist letztlich ein Bollwerk gegen Grausamkeit.

Patricia, du hast die Kamera bei einem Film geführt, der gerade sehr erfolgreich auf Festivals läuft.

Patricia: "Die Entbehrlichen" ist eine freie Produktion. Das heißt, dass wir komplett ohne irgendeine finanzielle Unterstützung von Fernsehsendern oder Förderern gedreht und alle im Team auf Rückstellungsbasis gearbeitet haben. So wie es aussieht, kommt der Film im Herbst in die Kinos.

Er wäre ja auch fast auf der Berlinale gelaufen ...


Ja, wenn wir vorher nicht schon auf drei anderen Festivals gezeigt worden wären, u. a. in Sao Paulo, dem größten südamerikanischen Festival, auf dem er den Preis für beste Regie und für den besten Hauptdarsteller, André Hennicke, gewonnen hat.

Hast du für deine Arbeit bis jetzt schon Geld gesehen?


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Patricia

Nein, noch gar nicht. Wenn "Die Entbehrlichen" ans Fernsehen verkauft werden würde, könnte ich mir vorstellen, dass ich dann auch etwas bekomme. Aber ich denke mal, dass die Kinoeinnahmen nicht so riesig ausfallen werden. Da müsste man schon viel Glück haben, dass der Film boomt.

Du hast nicht nur Kamera gemacht, sondern auch die Musik organisiert und einiges mehr mitgeholfen bei der Realisierung des Films ...

Ja, Freunde von mir haben die Musik gemacht und haben die Rechte erst mal so zur Verfügung gestellt. Der Dreh dauerte gut zwei Monate, einen Monat brauchten wir zur Vorbereitung. Mit dem Regisseur Andreas Arnstedt, der gleichzeitig auch der Autor und Produzent des Films war, habe ich alles alleine organisiert. Ich kenne nicht so viele Kameraleute, die so viel Zeit in ihre Projekte investieren. Die Postproduktion habe ich auch organisiert. Viele sagen, ich hätte dafür Producercredits bekommen sollen, aber die wurden mir nicht angeboten.

Kam denn schon jemand auf dich zu, nachdem der Film auf Festivals gelaufen ist, und hat dir interessante Jobs angeboten?

Bis jetzt leider noch nicht.

Was meinst du, wie sieht der Beruf der Kamerafrau, des Kameramannes in zehn Jahren aus?


Es wird weiterhin Kameraleute geben, aber es wird auch viel mehr animierte Spielfilme geben – die Amerikaner machen es uns vor. Man wird wohl nur noch digital drehen, aber vielleicht gibt es auch eine "Oldschool"-Bewegung zurück zum Filmmaterial. Auch die Kinos werden komplett auf digitale Projektion umgestellt haben.

Wo siehst du dich dann?


In spätestens zehn Jahren will ich bei internationalen Produktionen mitarbeiten, mit Regisseuren/innen, deren Arbeit ich persönlich sehr schätze, wie etwa Claire Denis oder Gaspar Noё. Ich könnte mir auch gut vorstellen, das Land zu wechseln und in mein Kinotraumland Frankreich zu ziehen.

Die Gespräche führte Nana A. T. Rebhan, selbst DffB-Absolventin.

Foto oben: photocase.com / giftgruen
Weitere Fotos: Privat



www.imdb.com
Mehr zu dem Film "Die Entbehrlichen" auf den Seiten der Internet Movie Database

www.dffb.de
Die Website der Filmhochschule in Berlin

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