Alice im Wunderland

Alte Freunde

Kinostart: 4.3.2010 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Eigentlich läuft Alice nur aus Neugierde hinter dem weißen Kaninchen mit der Uhr her. Doch als sich dessen Spur plötzlich an einem Erdloch verliert, blickt sie ihm erst hinterher und fällt dann hinein – und fällt und fällt und fällt und fällt, bevor sie schließlich in einem Traumreich mit einer Grinsekatze, einem verrückten Hutmacher, einer Wasserpfeife rauchenden Raupe und unzähligen anderen seltsamen Bewohnern/innen landet. Ähnlich wie mit diesem Sturz zu Beginn von "Alice im Wunderland" verhält es sich in gewisser Weise auch mit Tim Burtons Filmen: Mit jedem neuen Werk des US-Regie-Fantasten fällt man in ein anderes Kaninchenloch und landet in immer neuen, sonderbaren Wunderländern. Mal kam man am anderen Ende bei Batman in Gotham City raus, mal beim mörderischen Barbier Sweeney Todd im viktorianischen London oder mitten in einer Attacke auf Erdlinge durch sadistische Marsianer. Bevorzugt bewegt er sich dabei im Terrain überbordenden Gothikgrusels und schlägt sich mit der allergrößten Sympathie stets auf die Seite von Einzelgängern, Außenseitern und einsamen Freaks.

Burton im Unterland

Wenn sich jemand wie Burton nun also Lewis Carrolls Romanklassiker "Alice im Wunderland" und "Alice hinter den Spiegeln" vornimmt, klingt das nach einer perfekten Fantasieallianz. Doch hält diese Verbindung tatsächlich, was sie verspricht? Ein Problem könnte gerade darin bestehen, dass dieser beliebte Stoff wie für das Kino geschrieben scheint und Burton dementsprechend nicht der erste Filmemacher ist, der ihn für sich entdeckt. Seit der ersten Adaption vor 107 Jahren wurde Alice dutzendfach wieder ins Wunderland geschickt – ob in Spielfilm, Zeichentrickserie oder Fernsehproduktion. In seiner Version versucht Burton nun durchaus, der endlos wiederverwerteten Geschichte mit ihren hinlänglich bekannten Charakteren einen eigenen Dreh zu geben: Er erzählt sie als Reifeprozess und so etwas wie eine Coming-of-Age-Story der bereits 19-jährigen Alice, die nach vielen Jahren wieder ins hier Unterland genannte Wunderland zurückkehrt und über diesen Abstecher einen Weg für ihr eigenes Leben findet. Wie man anfangs in der Rahmenhandlung erfährt, hält Hamish, der humorlose Langweilersohn von Lord und Lady Ascot, auf einer viktorianischen Gartenfeier um ihre Hand an. Doch die eigenwillig rebellische Alice flieht ohne eine Antwort. Die gibt sie ihm erst nach ihrem unfreiwilligen Ausflug ins Unterland, wo sie einen Aufstand anführte und half, das Terrorregime der cholerischen Herzkönigin zu beenden.

Auch wenn Burton für diese Odyssee mit finaler Revolution unzählige Motive und Ideen aus Lewis' Romanen aufgreift, nimmt sie bis zur finalen Schlacht doch einen recht hollywoodkonventionellen Verlauf. Als herausragender oder origineller Geschichtenerzähler ist er trotz seiner Vorliebe fürs Fabulieren und Herumspinnen bislang aber ohnehin nicht in Erscheinung getreten. Bei Burton stehen vielmehr die eigenwilligen Figuren und das Erschaffen detailverliebter Welten im Vordergrund, die er mit großem Aufwand bei Kostümen, Make-Up und Setdesign ausschmückt. "Alice im Wunderland" bildet da keine Ausnahme: Mit etwas zu familientauglicher, aber doch unverkennbarer Fantasie, schrägem Personal und kunterknallbunt wie "Charlie und die Schokoladenfabrik" malt er diesen Trip zum märchenhaften Bilderexzess aus – und schöpft dabei mehr als alle anderen Verfilmungen zuvor aus den unendlichen Möglichkeiten der digitalen Trickkiste. Geschätzte 250 Millionen Dollar sind in dieses 3D-Spektakel, das Burtons bislang teuerster Film ist, geflossen und dementsprechend hat man das Wunderland so noch nie gesehen – immer an der Grenze zum Effekte-Overkill, aber stets mit spürbarer Begeisterung für das zusammengeträumte Reich der Herzkönigin.
Madonna mit Hut

Die Besetzungsliste nimmt sich da natürlich nicht gerade bescheiden aus: Neben Newcomerin Mia Wasikowska in der eigensinnigen Titelrolle leihen unter anderem Christopher Lee, Stephen Fry und Alan Rickman den Digitalgeschöpfen ihre Stimmen. Anne Hathaway gibt sich derweil als weiße Königin ziemlich ätherisch, während Helena Bonham Carter als übergroßköpfige rote Königin herumzetern und ihre tierischen Sklaven zusammenbrüllen darf. Außerdem hat Burton für die deutlich ausgebaute Rolle des verrückten Hutmachers bereits in der siebten Zusammenarbeit seinen alten Freund Johnny Depp engagiert.

Noch ein Exzentriker in der von Exzentrikern überbevölkerten Filmographie, könnte man sich da natürlich schnell denken. Doch seine Performance funktioniert einmal mehr, weil er es schafft, sich zurückzunehmen: Er mimt nicht mit wildem Herumtollen den Mister Gaga, sondern macht den Mad Hatter zu einer von leiser Traurigkeit umwehten Figur, die aussieht wie eine im LSD-Rausch angeschwebte, lispelnde Madonna mit Hut. Depps Hutmacher gehören so auch die gefühlvolleren Augenblicke, in denen die staunende Distanz zum Geschehen auf der Leinwand durchbrochen wird. Einmal fragt er Alice, ob er denn wirklich verrückt sei. "Du bist total irre. Aber nur die besten sind es", antwortet sie ihm daraufhin – und man kommt nicht umhin, dabei kurz an Burton zu denken. Auch er gehört schließlich zu den besten Irren, die Hollywood zu bieten hat. Doch selbst bei einem so begnadeten Verrückten kann – wie im Fall einer vermeintlichen Nummersicher wie "Alice im Wunderland" – nicht immer der ganz große Wurf rauskommen. Sich dieser Fantasieexkursion anzuschließen, lohnt sich trotz mancher Schwäche aber allemal.

(Alice in Wonderland) USA 2010, Regie: Tim Burton, Buch: Linda Woolverton, nach den Büchern von Lewis Carroll, mit Mia Wasiskowska, Johnny Depp, Anne Hathaway, Helena Bonham Carter, Matt Lucas u. a., 108 min, Kinostart: 4. März 2010 bei Disney

Fotos: ©Verleih

Sascha Rettig ist freier Journalist und Filmkritiker in Berlin.


adisney.go.com/disneypictures/aliceinwonderland
Website zum Film (englisch)

www.disney.de/DisneyKinofilme/alice
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film- und Medienkompetenz




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