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Ob Brotbox, Plastikflasche, Babyschnuller oder Turnschuh – so viele Dinge in unserem Alltag sind heute aus Plastik. Was da so alles zusammenkommt, zeigt Werner Boote in seinem aufrüttelnden Dokumentarfilm "Plastic Planet", in dem er mehrere Familien sämtliche Plastikgegenstände aus ihrem Haus ausräumen lässt. Es gibt mittlerweile solche Berge davon auf der Erde, dass man sie sechsmal in Kunststoff einpacken könnte. Er ist überall, im Körper als Mini-Partikel und in einigen Regionen der Weltmeere gibt es inzwischen mehr Plastikmüll als Plankton. Nach einer Reihe preisgekrönter Musikvideos und Industriefilme ("MQ 2000") kommt der Regisseur nun mit einem aufwändig produzierten Dokumentarfilm über die Gefahren von Plastik für Mensch und Umwelt heraus. Zehn Jahre sammelte er Fakten, die er auf einer knallbunten Reise rund um die Welt präsentiert und als aufregendes Puzzle zusammenfügt.
"Wir alle sind Kinder des Plastikzeitalters", sagt Werner Boote, der 1965 in Wien zur Welt kam und auf den dies besonders zutrifft. Sein Großvater war ein Pionier in der deutschen Plastikindustrie und brachte ihm als Kind alle Spielzeug-Neuheiten aus dem unverwüstlichen Stoff mit. Für Plastik – die Verheißung der Moderne – und seine beispiellosen Eigenschaften ließ man sich einst unschwer begeistern: Er galt als ewig haltbar, wasserdicht und unzerbrechlich. Welche Euphorie er auslöste, zeigt Boote anhand skurriler amerikanischer Werbefilme, die Tupper, die praktische Frischhalte-Box, nicht nur als Errungenschaft, sondern als neues Lebensgefühl feierten. Heute allerdings scheint der Mythos zu bröckeln. "Es gab die größten Schwierigkeiten, mit den Big-Playern der Kunststoffindustrie in Kontakt zu kommen. Sie sind nicht daran interessiert, dass über sie berichtet wird."
Gigantischer Profit
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53 internationale Konzerne lehnten seine Anfrage nach Drehgenehmigung ab. Kein Wunder, denn die Kunststoffindustrie ist ein gigantisches Geschäft, jährlich werden in ihr 800 Milliarden umgesetzt, fast jeder Industriezweig ist auf Plastik angewiesen. 60 Millionen Tonnen produziert allein Europa und beschäftigt mehr als eine Million Menschen. Nach achtzehn Monaten endlich bekam Werner Boote den Präsidenten des europäischen Dachverbandes der Plastikhersteller (PlasticsEurope) John Taylor vor die Kamera, der für die Vorzüge von Plastik schwärmt. Da dies aber kein Werbefilm ist, beginnt nun Bootes fantastische Spurensuche.
Ausgangspunkt ist die marokkanische Sahara, wo zahlreiche Filmlegenden wie "Lawrence von Arabien" oder "Star Wars" gedreht wurden. Mit dem Abzug der Filmteams ist eine traurige, vom Plastikmüll verschandelte Landschaft zurückgeblieben. Next Stop Italien. Dort erinnert der Regisseur an den in den 1970er-Jahren Aufsehen erregenden Verseuchungsskandal durch eine PVC-Fabrik in Porto Maghera in Venedig und trifft Beatrice Bortolozzo, die Tochter eines Mitarbeiters, der an Vinylchloridvergiftung starb. Nachdem in LA ein Schönheitschirurg und eine Frau mit Silikonbrüsten zu Wort kommen, reist er nach China: in eine Fabrik in Shanghai, die aufblasbare Plastikgloben für Kinder herstellt. Die nette chinesische PR-Frau will leider nur nicht verraten, woraus der Ball genau gemacht ist. Betriebsgeheimnis! Ein Umweltanalytiker, den Boote daraufhin beauftragt, findet in dem Spielzeug einen bedenklichen Giftmix: Er dürfte gar nicht auf dem EU-Markt sein.
Erbgutschäden für Mensch und Tier
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Boote besucht eine stinkende Müllkippe in Kalkutta, auf der Frauen billigen Plastikabfall sortieren, damit er recycelt werden kann. Und er hilft Umweltschützern/innen an der Küste der japanischen Insel Tsushima, an der jedes Jahr tonnenweise Plastik aus Korea angeschwemmt wird. "Das ist ein Plastikplanet", sagt Charles Moore, der 1994 einen tausende Kilometer großen Plastikmüllteppich im Nordpazifik entdeckte. 500 Jahre und länger kann Plastik in Böden und Gewässern überdauern, ist zu erfahren. Sein Forschungsschiff fischt sechzigmal mehr Plastik aus dem Wasser als Plankton. Tiere wie Schildkröten fressen es und verenden daran. Auch in Europa sind die Folgen der Umweltverschmutzung zu beobachten wie am Fluss Lee in London. Dort haben Ausschwemmungen aus Kunststoffen die Fischpopulation verändert, so dass die Umweltwissenschaftlerin Susan Jobling mehr und mehr Zwitterfische zählt.
Beim Zersetzungsprozess von Plastik können Giftstoffe frei werden, was richtig gefährlich wird, wenn sie in die Nahrungskette gelangen. Bisphenol A zum Beispiel greift in den Hormonhaushalt ein, macht Männer unfruchtbar, kann Krebs, Allergien und andere Gesundheitsschäden verursachen. Die renommierte Genforscherin Patricia Hunt von der Case Western University in Cleveland, Ohio, berichtet, wie sie darauf stieß, dass BPA bereits in geringen Mengen erbgutschädigend sein kann. Sie hatte es in einer Plastikbox entdeckt, die den Stoff an die Versuchstiere, Mäuse, abgaben. Auch Scott Belcher von der University of Cincinnati konnte im Tierversuch beweisen, dass Bisphenol A in kleinsten Dosierungen die Hirnentwicklung beeinflusst. BPA, der Plastik hart macht und ähnlich wie das weibliche Sexualhormon Östrogen wirkt, stellt ein Risiko besonders für Föten, Säuglinge und Kinder dar.
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