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Es ist das Jahr 1954. Die beiden U.S. Marshals Teddy Daniels und Chuck Aule werden nach Shutter Island beordert, um das Verschwinden der mehrfachen Mörderin Rachel Solando aus dem dortigen Ashecliffe Asylum, einer Anstalt für geistesgestörte Gewaltverbrecher/innen, zu untersuchen. Als Erstes sieht man von Marshal Daniels, wie er unglamurös in eine Klomuschel kotzt. Das Hervorwürgen und an die Oberfläche holen – in Rückblenden und Traumsequenzen, die das Geschehen immer noch mysteriöser und merkwürdiger machen – wird ein Leitmotiv von Martin Scorseses "Shutter Island" bleiben. Dann kommt die Insel in Sicht und ihr Auftritt wird von Klängen begleitet, die unmissverständlich drohen und ganz unironisch ein Genre signalisieren: Horror; Horror in seiner eher altmodisch-elegischen Variante, zugeneigt der Vorsilbe Psycho, denn schließlich ist man unterwegs zu einer psychiatrischen Anstalt. Und zwar einer für die ganz harten Fälle. Angekommen werden den Marhals die Waffen abgenommen. Die Anstaltsleitung zeigt sich wenig kooperativ, die Marshals wiederum bleiben unnachgiebig. Daniels fährt fort zu würgen; bereits in der ersten Nacht der auf vier schweißtreibend intensive Tage komprimierten Geschichte kommen zwei traumatische Ereignisse aus seiner Vergangenheit hervor. Zu allem Überfluss verschlechtert sich nun auch noch das Wetter.
Scorsese hat mit "Shutter Island" einen ausgesprochen ereignis- und dialogreichen Film gedreht; ununterbrochen werden Informationen geliefert, verändert sich die Ermittlungssituation, wird ein neues Motiv oder Thema eingeführt, ein Hinweis gegeben, passiert irgendwas. Es wird rekapituliert, überlegt, geplant. So lange bis sich alles dreht und einem schwindelt. Auch Daniels brummt der Kopf – doch ist es nicht etwas leichtsinnig, angebliches Aspirin aus den Händen eines Nervenarztes anzunehmen, den Ben Kingsley mit dem ihm eigenen diabolischen Funkeln spielt?
"Shutter Island" ist ein Drei-Manegen-Zirkus, aber keine Zirkusnummer.
In der ersten Manege ereignet sich die Geschichte Teddy Daniels. Der Marshal nämlich hat seine eigenen Agenda mit auf die Insel gebracht. Er glaubt sich einer politischen Konspiration auf der Spur und munkelt von Gehirnwäsche-Experimenten an Patienten/innen. Dabei läuft er Gefahr, auf der Abschussliste finsterer Hintermänner zu landen. Es gilt, auf der Hut zu sein, schon um die nächste Ecke könnte der Attentäter lauern.
In der zweiten Manege desintegriert vor den Augen der Zuschauenden der Film. Es dauert nicht lange, da beschleicht einen der Verdacht, dass der Perspektive dieses seltsam gequälten Teddy Daniels nicht zu trauen ist. Sprunghaft und assoziativ treibt es einen gemeinsam mit der Hauptfigur durch ein Labyrinth aus Traumata, Psychosen und verdrängten Erinnerungen, von den Filmbildern mit sklavischer Dienstbarkeit übersetzt in unberechenbare Rhythmen, wilde Zeit- und Ortssprünge und Ebenenwechsel. Es gilt auf der Hut zu sein, denn schon mit dem nächsten Schnitt könnte der endgültige Sturz in die Leere folgen.
In der dritten Manege ist die Rede von Gewalt: Traumatisierung durch Gewalt, gewalttätige
Sozialisation, Gewalt durch Unterlassung, Gewalt aus Notwehr und zum Selbstschutz. Auf dieser, der abstraktesten Ebene gliedert sich "Shutter Island" zwanglos in Scorseses Werk ein, das seit jeher den Spuren der Gewalt durch die US-amerikanische Mentalitätsgeschichte folgt. Die Figur des Teddy Daniels beschreibt die seelische Verfassung des aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekehrten Mannes und knüpft an die psychotische Tradition des
Film Noir an. Es gilt auf der Hut zu sein, schon der nächste Blick könnte ein Blick in den Spiegel sein und die vermeintliche Realität an der Wahrheit der Selbsterkenntnis zerschellen.
Alexandra Seitz(Shutter Island) USA 2009, Regie: Martin Scorsese, Buch: Laeta Kalogridis, nach einem Roman von Dennis Lehane, mit Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo, Ben Kingsley, Michelle Williams, Emily Mortimer, Max von Sydow u. a., 138 min, Kinostart: 25. Februar 2010 bei Concorde
Foto: Verleih
www.shutterisland.comWebsite zum Film (englisch)
www.shutterisland.deWebsite zum Film (deutsch)
www.imdb.deInfos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.deMehr Artikel zum Film
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