Der Existenzialismus ist schuld. Im Jahr 1961, als die 16-jährige Jenny (Carey Mulligan) endlich etwas erleben will und stattdessen im spießigen Londoner Vorort Twickenham festsitzt, ist es bis zur ersten LP der Beatles noch zwei Jahre hin. London swingt noch nicht, aber an Pop oder irgendeiner sexuellen Revolution wäre Jenny ohnehin nicht interessiert. Sie will viel mehr. Sie will "rauchen, schwarz tragen und Jaques Brel hören" – nicht in London, sondern in Paris. Sie hört Platten von Juliette Gréco und träumt von Schriftstellern wie Jean-Paul Sartre oder Albert Camus sowie von tiefsinnigen Gesprächen über den Existenzialismus und das Leben in den Cafés am Boulevard St. Germain. Bisher kennt sie das Leben nur aus den Büchern von Jane Austen und George Eliot. Twickenham zählt nicht.
Was macht so ein Mädchen, wenn ihr ein charmanter älterer Mann die Tür seines eleganten Sportwagens aufhält? Sie steigt ein. Für Jenny beginnt ein Doppelleben. Tagsüber arbeitet sie an ihren Schulnoten, um in Oxford studieren zu können, wie es ihre Eltern verlangen. Abends wechselt sie von der Schuluniform ins Cocktailkleid und besucht mit David (Peter Sarsgaard) – er ist wohl Ende dreißig – Ausstellungen, Kunstauktionen und Galadinner. Am Wochenende, wenn ihre kichernden Freundinnen sich beim Tanztee langweilen, ist sie mit David – in Paris.
Wahres Leben
Jennys Geschichte ist die Geschichte der Journalistin Lynn Barber. Erst vor kurzem fasste sie den Mut, die im Nachhinein peinliche Episode des Verhältnisses eines Teenagers mit einem älteren Mann zu einem Zeitungsessay zu verarbeiten. In "An Education" hat Lone Scherfig ("Italienisch für Anfänger") das Wesentliche dieser Beziehung, auch mithilfe eines großartigen Drehbuchs des Bestsellerautors Nick Hornby ("High Fidelity"), voll erfasst: Jenny verliebt sich nicht in David, der im realen Leben Simon hieß, sondern in das Leben, das er ihr ermöglicht. In diesem Leben ist nicht alles ganz real und manches glatt erlogen. Aber alle haben mitgespielt.
Das gilt vor allem für die Eltern. Jennys Vater (Alfred Molina) ist nur ungefähr eine Sekunde sprachlos, als er den Verehrer seiner Tochter kennen lernt. David ist Jude, weltgewandt, eloquent – das Gegenteil von Twickenham. Doch dann erkennt auch er die Möglichkeiten. Was für Jenny die Liebe zu Kunst und Kultur, ist für den Mittelständler der Statusgewinn – Davids federleichter, nur in Nuancen schmieriger Charme hat leichtes Spiel. Jenny kann es kaum glauben: Eben noch hielt ihr Vater quälende Moralpredigten, um sie zum Lateinlernen anzuhalten; plötzlich sind lange Abende und sogar Fernreisen kein Problem. Als ihr David einen Heiratsantrag macht, ist von Oxford keine Rede mehr.
Existenzialisten schweigen lieber
Die in der Realität 22-jährige Neuentdeckung Carey Mulligan spielt den dauernden Wechsel vom Kind zur Frau so souverän, dass man ihr diesen Willen zum Nichtwissen nie als Naivität auslegt. Sie weiß mehr, als ihr David je beibringen kann. Sie kennt Verführer wie ihn aus den Büchern von Jane Austen. Aber "An Education" ist eben deshalb so großartiges Kino, weil der Film ein Grundprinzip der Literatur und erst recht des Kinos im Leben findet: Wir wollen uns verführen lassen. Nick Hornby hat mit dem charmanten Schwätzer David einen Verführer geschaffen, dem man bedingungslos folgen würde. Der Preis, den Jenny zahlt, ist hoch. Aber indem sie ein selbst gewähltes Risiko eingegangen ist, hat sie ihr Leben – ähnlich der schwangeren Ellen Paige in "Juno" – in die eigene Hand genommen. Wenn man schon Fehler macht, dann solche, die einen voranbringen.
(An Education) Großbritannien 2009, Regie: Lone Scherfig, Buch: Nick Hornby nach den Memoiren von Lynn Barber, mit Carey Mulligan, Peter Sarsgaard, Emma Thompson, Dominic Cooper, Rosamund Pike, Alfred Molina u. a., 100 min, Kinostart: 18. Februar 2010 bei Sony
Fotos: ©Verleih
Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.
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