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1972 landete Francis Ford Coppola mit einem als B-Picture geplanten Film den großen Überraschungs-Coup des Jahres und gewann viele Preise, darunter drei Oscars. Der erste Teil des dreiteiligen großen Filmepos' "Der Pate" ("The Godfather") begründete den Weltruhm des amerikanischen Regisseurs, der später weitere sensationelle Erfolge und Kultfilme wie "Apocalypse Now" oder "Rumblefish" inszenierte. Die Trilogie erzählt in einem farbigen Bilderbogen über drei Generationen vom Aufstieg und Fall des Corleone-Clans, einer mächtigen italo-amerikanischen Gangster-Familie in New York City. Im ersten Teil, der kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges beginnt, muss Don Vito Corleone, das alternde Familienoberhaupt, die Geschäfte an den jüngsten Sohn Michael übergeben, worauf ein blutiger Krieg unter den rivalisierenden Mafia-Familien ausbricht.
Mr. Flop landet einen Sensationserfolg
Mit der damals unglaublichen Summe von 245 Millionen Dollar schlug "Der Pate" alle bisherigen Einspielrekorde, weshalb er als erster Blockbuster Hollywoods gilt. Obwohl das Produktionsbudget nur 6,2 Millionen Dollar betrug, circa zwei Prozent von dem, was Camerons "Avatar" kostete, nämlich 300 Millionen. Der 31-jährige Coppola hatte vier Filme gedreht – allesamt Flops. Kein großer Regisseur wollte den reißerischen Bestseller von Mario Puzo – der auch als Co-Drehbuch-Autor verpflichtet wurde – verfilmen. So kam Coppola ins Spiel. Er konnte Drehbücher schreiben, verlangte wenig Gage und besaß eine Herkunft, mit der sich die italienische Lobby notfalls beschwichtigen ließe. Da seine eigene Produktionsfirma American Zoetrope verschuldet war, musste er das Angebot der Paramount-Studios annehmen. Zum Glück, denn Coppola erwies sich erstmals als großer Meister für perfekte, hochspannende Plots, stimmungsvolle Soundtracks, Atmosphären und prächtige Bühnenbilder und besaß dazu wie kein Zweiter das Gespür für ideale Besetzungen. Hartnäckig setzte er sich in allem durch: "Ich wurde jede Woche gefeuert. Zum einen weil ich Brando besetzen wollte. Zum zweiten, weil ich Al Pacino besetzen wollte. Auch, weil ich in Sizilien drehen wollte, und weil ich im Stil der Zeit, in der der Film spielt, drehen wollte."
Das dunkle Herz der Familie
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Marlon Brando bekam einen Oscar für seine außerordentliche Darstellung. Um mit 47 Jahren den alternden Patriarchen spielen zu können, musste er vor jedem Dreh langwierig geschminkt werden, was seine Wirkung nicht verfehlte. Das allererste Bild des Films zeigt ein Schwarzbild und es ertönt der Satz "Ich glaube an Amerika". Dann zeigt sich der Kopf des Bittstellers Bonseras, die Kamera fährt zurück und Don Corleones dunkle Silhouette erscheint. Er sitzt still da, nur seine Hand gestikuliert majestätisch und lässt seine Macht erahnen. Seine Stimme ist dünn, leise und kaum hörbar, was seine geheimnisvolle Aura unterstreicht. Draußen ist es hell, dort findet das fröhliche Hochzeitsfest seiner Tochter Connie statt; eine Szene, die im starken Kontrast steht zum abgedunkelten Raum, in dem das dunkle Herz der Familie schlägt.
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"Der Pate" ist sicher kein besonders realistischer Mafia-Film. Dafür taugte schon Puzos Buch nicht. Und auch die Mafia-Leute, die Coppola als Berater engagieren musste, sorgten dafür, dass das Wort "Mafia" nicht fallen durfte. Was Coppola in den Vordergrund rückte, waren jedoch die die Mafia bestimmenden Männerrituale und konservative Traditionen innerhalb der "Familie". Coppola ist bekanntermaßen ein großer Familienmensch. Er arbeitete oft eng mit Verwandten zusammen, einige Coppolas sind im Film zusehen, darunter Schwester Talia Shire in der Rolle der Connie Corleone. Er ließ Biografisches einfließen, nicht zuletzt die üppigen Pastamahlzeiten, für die Coppola auch im realen Leben berüchtigt ist. Den fürsorglichen Patriarchen, mit dem er sich gut identifizieren konnte, hat er als Figur glaubhaft dargestellt. Den knallharten Macho verkörpert Michael stärker als Vito. Seine Gesichtszüge sind meist starr und ohne Gefühl. Ihn zeichnen Disziplin, Selbstkontrolle und Herrschaftsstreben aus – die typischen Maximen tradierter Männlichkeit –, die ihn im Gegensatz zu seinen Brüdern Sonny und Fredo zum idealen Nachfolger des Vaters küren. Der "Godfather" ist ein dogmatischer Herrscher, der zugleich für Geborgenheit und Zugehörigkeit sorgt. Der Film bediente Sehnsüchte nach dem "starken Mann". In die Kritik geriet Coppola, weil er eine kriminelle Organisation durch die distanzlose Identifikation romantisiert hat: Die Corleones sind Sympathieträger und stehen für positive Werte wie Freundschaft, Loyalität, gegenseitige Hilfe und Zusammenhalt. Die Gewalt, die sie ausüben, wird damit gerechtfertigt, dass sie dem Schutz der Familie dient.
Frauen als Begleiterscheinung
Die Frauen sind in dieser Parallelgesellschaft und Ordnung nur als Mutter und Hausfrau geduldet, mit Ausnahme von der Amerikanerin Kay (Diane Keaton), die wissbegierige Verlobte und spätere Ehefrau Michaels. Sie begehrt als Einzige auf, stellt unentwegt Fragen und gerät dadurch in Konflikte, die in Teil zwei und drei auf komplexe Weise weiterentwickelt werden.
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Kritischer, experimenteller und komplexer geriet "Der Pate II", der die Vorgeschichte und Fortsetzung des ersten Teils erzählt: eine Chronik des organisierten Verbrechens – die für Coppola eine Metapher für Amerika selbst ist. Es geht um Vito Corleones Jugend und seinen Aufstieg zum "Don" im New Yorker Einwandererviertel "Little Italy" zu Beginn des Jahrhunderts. Zugleich um Michaels Versuche, sechzig Jahre später, mit skrupelloser Härte die Vormachtstellung seines Clans zu sichern und die Familie zusammenzuhalten. Diesmal jedoch als kühn montierte Parallelhandlung. Vito kommt als Kind aus Sizilien mit einem Auswandererschiff in die USA. Als armer junger Mann (Robert De Niro) bringt er den mächtigsten Mafiosi im Viertel um und wird selbst zum "Godfather" des Bezirks. Vierzig Jahre später ist sein Sohn Herr eines riesigen Verbrecher-, Hotel- und Kasinosyndikats und sitzt mit den mächtigsten Industriekonzernen am Tisch. Michael besticht die Regierung und tötet jeden, der seine Pläne stört. Nicht nur den Verbrechermillionär Hyman Roth räumt er aus dem Weg, sondern bringt sogar seinen eigenen Bruder Fredo um.
Der neue Pate
Verklärender Glanz, Mafia-Nostalgie, imponierende Vaterfiguren, heile Welt aus ethnischer Tradition und Geborgenheit – all das fehlt: Die Verbrechen werden nicht mehr glorifiziert und Kriminalität nicht durch ästhetischen Zuckerguss verharmlost. Gezeigt wird vielmehr, wie Verbrechen entsteht und Vito durch Herkunft, Leid und Ausgrenzung auf die schiefe Bahn rutscht. Gezeigt wird auch, wie Korruption, Mord und Betrug ab einer gewissen Größenordnung im Verbund mit Großindustrie und Politik legitimiert werden.
In der dritten und letzten Episode ("Der Pate III") geht es schließlich um die kriminellen Geschäfte des Vatikans im Jahr 1979. Wieder steht ein Generationswechsel an, Michaels ehrgeiziger Neffe Vincenzo (Andy Garcia) wird der Nachfolger. Michael will in der Bank des Vatikans 100 Millionen Dollar anlegen, um die Familiengeschäfte reinzuwaschen. Doch der Plan misslingt. So endet Coppolas Epos melodramatisch mit einem Sinnbild menschlichen Scheiterns: Als Michael in Palermo die Oper mit einem Stück über die sizilianische Bauernehre besucht, erleidet sein Sohn, der Opernsänger Anthony, auf der Bühne den Tod. Zugleich fällt draußen vor der Tür seine Schwester Mary einem Anschlag zum Opfer, der dem Paten galt. Michael Corleone ist ein gebrochener Mann. Auch wenn er es mit allen Mitteln versucht – seine Vergangenheit und Herkunft kann er nicht abschütteln.
Susanne Gupta ist Autorin und Filmemacherin.
Fotos: Verleih
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