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Die zwei Leben des Daniel Shore

Verwirrstück

Kinostart: 11.2.2010 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Ein anderes Leben an einem anderen Ort – manchmal mag das helfen, um mit traumatischen Erlebnissen klar zu kommen. Darauf hofft wohl auch der deutsch-amerikanische Doktorand Daniel (Nikolai Kinski) bei seiner Rückkehr nach Deutschland. Eben noch war er in Tanger, dem ewigen Sehnsuchtsort westlicher Aussteiger/innen, wo er bei einem Freund lebte, sich im Gewühl der marokkanischen Stadt treiben ließ und sich in die junge Prostituierte Imane verliebte. Die schwierige Beziehung zu ihr findet allerdings ein jähes Ende, als ihr zehnjähriger Sohn vom Dach stürzt. War es Mord? Oder steckt sogar ein Missbrauch des Jungen dahinter?

Stuttgart ist dagegen eine ganz andere Welt. Und mit dem Ortswechsel beginnt auch ein ganz anderer Film. Denn nun beginnt das zweite Leben des Daniel Shore im Mietshaus seiner kürzlich gestorbenen Großmutter, wo er seine Doktorarbeit fertig schreiben will. Doch in der bedrückenden Atmosphäre holt ihn, von Schuldgefühlen geplagt, das traumatische Ereignis wieder ein. "Die zwei Leben des Daniel Shore", der Debütfilm von Michael Dreher, gleitet dabei zunehmend in die wahnhaften Fantasien seiner Hauptfigur ab, die durch den vermuteten Missbrauch eines Nachbarskindes ausgelöst werden. Verstärkt werden diese Eindrücke durch die Hausbewohner/innen, die als durchweg skurrile, undurchsichtige Gestalten gezeigt werden – ob Katharina Schüttler als aufdringliche Sängerin oder Matthias Matschke als ominöser Banker mit (möglicherweise) pädophiler Neigung. 

Allerdings konzentriert sich Dreher nicht nur darauf, die Geschehnisse zu einem intensiven Psychogramm zu verdichten, sondern er will daraus auch noch ein verrätselt kafkaeskes Filmpuzzle basteln. Während die eingestreuten Eindrücke der Tragödie in Tanger zunehmend Shores Verfolgungswahn wachsen lassen, jongliert der Regisseur mit den verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen, streut Indizien ein und lädt jedes Detail mit Bedeutung auf.

Über Spielfilmlänge verliert dieses vielversprechende Debüt dabei jedoch deutlich an Sogkraft, wenn die Kamera wiederholt durch den unheimlichen Hausflur streift oder Shore ständig paranoide Blicke auf das seltsame Verhalten der Nachbarschaft wirft. So entwickelt sich dieser über weite Strecken atmosphärische Film zur repetitiven Geheimniskrämerei, der Kinski in seiner ersten großen Kinohauptrolle mit immer gleichem erstarrtem Gesichtsausdruck begegnet – und deren Bilder letztlich mehr Geheimnis und Bedeutung suggerieren, als tatsächlich in der Geschichte stecken.
Sascha Rettig

Die zwei Leben des Daniel Shore, Deutschland, Marokko 2009, Buch & Regie: Michael Dreher, mit Nikolai Kinski, Morjana Alaoui, Katharina Schüttler, Sean Gullette, Judith Engel u. a., 95 min, Kinostart: 11. Februar 2010 bei Kinowelt

Foto: Verleih


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