
Image 24463
Wann beginnt das Altwerden? Mit den ersten grauen Haaren? Mit einer Zahl, die jenen Lebensabschnitt einläutet, vor dem sich die meisten fürchten? Oder damit, dass man plötzlich für andere unsichtbar wird? Letzteres passiert Guilia eines Abends im Bus. Gut gelaunt will sie mit Freunden/innen in einem Restaurant ihren 50. Geburtstag feiern. Wohlgefällig mustert sie ihr Spiegelbild im Fenster und belächelt nebenbei zwei Teenager, die sich ein Leben jenseits der 30 so gar nicht vorstellen können. Dann geschieht es: Eine ältere Dame setzt sich neben sie und äußert jenen schrecklichen Satz, der Giulia die nächsten Stunden wie ein grauer Schatten begleitet: "Uns Alte sieht man nicht mehr, wir sind unsichtbar geworden." Uns Alte? Wie ausradiert sind plötzlich Giulias Spiegelbild und ihre selbstbewusste Leichtigkeit. Tatsächlich! Für die Umstehenden scheint sie Luft. Und nun? Ausgemustert?
Irritiert taumelt Giulia durch die betriebsame Anonymität einer Schweizer Großstadt – Corinna Harfouch verkörpert sie mit abgründig distanzierter Eleganz. Ihre Freunde hingegen haben schon länger mit dem Hadern und Meckern begonnen: "Vögeln ist wie Altersturnen. Man muss aufpassen, dass man keinen Krampf bekommt." In diesem Tenor prasseln ihre schnoddrig zynischen Kommentare zum eigenen körperlichen Verfall, während sie auf Giulia warten.
Martin Suter, derzeit der bestverkaufte Schweizer Autor, hat sich dieses Drehbuch bereits in den 1990ern vom Leib geschrieben, er ist Jahrgang 1948. Wenigstens das Altern selbst scheint kein Verfallsdatum zu haben, denn das Komödchen, das Suters Landsmann Regisseur Christoph Schaub daraus machte, wurde vom Publikum beim Filmfestival Locarno 2009 gefeiert.
Geschickt konstruiert verfolgt "Giulias Verschwinden" eine Nacht lang das Hineinwachsen in neue Lebensabschnitte aus der Sicht dreier Generationen. Denn auch die Teenager aus dem Bus und die ältere Dame öffnen den Blick für alterstypische Begleitumstände. Im Vordergrund jedoch steht Giulias Freundeskreis, je ein homo- und ein heterosexuelles Paar, ein Berufsjugendlicher sowie eine chirurgisch Frischverjüngte. Leider geben sie vor allem Plattitüden von sich, die so manches Life-Style-Magazin noch unterbieten. Ermüdend, trotz beeindruckender Starbesetzung. Bleibt also Giulia, die als Einzige vormacht, wie man so einen Geburtstag auch überleben kann. Mit einem Fläschchen Wein in innigem Gespräch mit einem herzerwärmenden Charmeur. Und schon hat das Leben die Karten wieder neu gemischt.
Cristina Moles Kaupp
Giulias Verschwinden, Schweiz 2009, Regie: Christoph Schaub, Buch: Martin Suter, mit Corinna Harfouch, Bruno Ganz, Stefan Kurt, André Jung, Sunnyi Melles u. a., 87 min, Kinostart: 4. Februar 2010 bei X Verleih
Foto: Verleih
www.giulias-verschwinden.comWebsite zum Film (deutsch, englisch, französisch)
www.giuliasverschwinden.x-verleih.deFilm-Website von deutschen Verleih (deutsch)
www.filmportal.deInfos zum Film auf filmportal.de
www.imdb.deInfos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.deMehr Artikel zum Film
Kommentare
Dein Kommentar