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Up in the Air

Die Einsamkeit des Langstreckenfliegers

Kinostart: 4.2.2010 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Wie viel wiegt das Leben? Wie viel wiegt es, wenn man sich vorstellt, nicht nur jede Kleinigkeit seines gesamten Besitzes, sondern auch alle Bekanntschaften, Freundschaften und Beziehungen in einen Rucksack zu packen? Diese Frage wird in Jason Reitmans "Up in the Air" immer wieder gestellt, wenn George Clooney als Ryan Bingham in einem Saal voller Angestellter einen Vortrag hält. Während die meisten Menschen an diesem Rucksack wahrscheinlich schwer zu schleppen hätten, ist der von Bingham allerdings leer. Seine Wohnung ist ein kühl spartanisches Zwischenstoppdomizil und er selbst geht in seiner unverbindlichen Existenz jeder Form einer engeren zwischenmenschlichen Bindung aus dem Weg.

Schließlich, davon ist Bingham überzeugt, wird man mit  zu viel Ballast immer unbeweglicher und das passt nicht zu seinem Leben, das perfekt darauf getrimmt ist, ständig auf Reisen, in Bewegung, in der Luft zu sein – in Flugzeugen, Businesslounges und Hotelzimmern, die zu seinem Zuhause geworden sind. 322 Tage im Jahr fliegt er auf Geschäftsreise durch die USA und kommt seinem großen Ziel mit jedem Flug näher, das vor ihm bislang nur sechs Menschen erreicht haben: 10.000.000 Flugmeilen zusammenzufliegen. Bingham sammelt diese Meilen, während er für seinen Job unterwegs ist, bei dem er in Firmen, die Stellen abbauen, die Aufgabe übernimmt, Angestellte zu feuern – unemotional, effizient und immer mit der passenden Floskel auf den Lippen.

Leben auf Autopilot

Als einsamer Frequent Flyer in dieser Verfilmung von Walter Kirns Roman "Der Vielflieger", mit der Reitman nach "Thank You for Smoking" und "Juno" einen Hattrick an überaus gelungenen Filmen schafft, ist George Clooney ein Glücksfall. Im Dauereinsatz seines berüchtigten Charmes, seiner erprobten Unwiderstehlichkeit und – zumindest in der englischen Originalversion – der raunenden Stimme gelingt ihm schließlich ein schwieriger Balanceakt, bei dem manch anderer Darsteller wahrscheinlich in glatte Businesslangweiligkeit abgeschmiert wäre. Clooney hingegen schafft es mit einem sehr selbstironischen Augenzwinkern, selbst einen manisch durchorganisierten, bis in die letzte Haarspitze professionellen Anzugträger von Anfang an sympathisch werden zu lassen. 

Dass man dabei das Gefühl nicht los wird, dass die Grenzen zwischen Clooney und seiner Filmfigur durchaus fließend sein könnten, verleiht der ganzen Angelegenheit noch zusätzlichen Reiz. Sesshaftigkeit passt schließlich offensichtlich auch nicht in Clooneys Lebensentwurf. Haus bauen? Sicher. Baum pflanzen? Wahrscheinlich auch. Aber heiraten und Kinder kriegen? Bislang zeigte Clooney da kein sonderlich großes Interesse. Anders hingegen geht es hier seiner Filmfigur, deren Leben auf Autopilot letztlich durch zwei Frauen in Turbulenzen gerät: Da ist die anfangs lose Beziehung mit der seelenverwandten Vielfliegerin Alex (Vera Farmiga), mit der er sich zunehmend auch ein Leben mit mehr Bodenhaftung vorstellen kann. Und die junge, ambitionierte Kollegin Natalie (Anna Kendrick), die mit der Idee des Entlassungsgesprächs per Webcam Binghams Flieger-Routine ein Ende setzen könnte.

Fliegen und fliegen lassen

Um den vielen Wegrationalisierten und Gekündigten auf Binghams Weg ein Gesicht zu geben, hat Reitman diese Rollen überwiegend mir Laien besetzt, mit Menschen, die kürzlich tatsächlich ihren Job verloren haben. Immer wieder zeigt "Up in the Air" ihre Reaktionen, die Fassungslosigkeit, die Wut und Ratlosigkeit – und wird dadurch ganz zufällig und nebenbei zum Film, der bestens in die derzeitige Wirtschaftskrisenzeit passt. Doch auch wenn Themen wie Arbeitslosigkeit und Einsamkeit stets präsent sind, wirkt er nicht über alle Maßen  deprimierend, sondern hat eine beinah schwerelose Federleichtigkeit. Ähnlich wie zuvor in der hinreißenden Teenage-Schwangerschafts-Story "Juno" überzieht der Regisseur auch diesen Film mit einer melancholischen Grundierung, die mit komischen Augenblicken und pointierten Dialogen auf eine sehr eigene, atmosphärische Weise zusammenläuft.

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Ein bisschen Hollywood muss sein

Wenig überraschend hingegen ist die Geschichte von "Up in the Air", wenn die leere Existenz des bindungslosen Managertyps mit der Zeit auf den Prüfstand gestellt wird. Und auch die Haupterkenntnis dieser 10.000.000-Kilometer-Reise ist nicht nur schlicht, sondern
Standard im endlosen Wiederverwertungskreislauf der Hollywoodbotschaften. Doch selbst wenn Reitman sie zum Ende hin vielleicht etwas zu laut und überdeutlich formuliert, ist sie im Kern wahr und hier überaus berührend vor Augen geführt: Jeder Mensch braucht eine/n Co-Piloten/in – eine/n Partner/in, eine Familie, ja im besten Fall eine/n Seelenverwandte/n, mit dem/der man die entscheidenden Dinge des Lebens teilen kann. Denn was bleibt sonst, wenn man eines Tages sein Leben gelebt hat und zurückblickt? Glücklicherweise bekommt Reitman in letzter Minute noch die Kurve und erliegt nicht der Versuchung einer gewöhnlichen Dramaturgie mit Zufriedenheitsgarantie, die Bingham aus seinem Job-Zuhause wegrationalisiert werden und dadurch schmerzfrei ins Beziehungsglück übersiedeln lässt. Er wählt stattdessen eine andere Variante, bei der ein einstiger Glücksentwurf zur ungewollten Zuflucht geworden ist.

Up in the Air, USA 2009, Regie: Jason Reitman, Buch: Jason Reitman, Sheldon Turner nach dem Roman von Walter Kirn, mit George Clooney, Vera Farmiga, Anna Kendrick, Jason Bateman, Danny McBride, Melanie Lynskey u. a., 110 min, Kinostart: 4. Februar 2010 bei Paramount

Fotos: ©Verleih

Sascha Rettig ist freier Journalist und Filmkritiker in Berlin.



www.theupintheairmovie.com
Website zum Film (englisch)

www.theupintheairmovie.com/intl/de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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