t

Welcome

Gestrandet im Dschungel von Calais

Kinostart: 4.2.2010 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Image 24477

Image 24477

"Dschungel" hieß das illegale Flüchtlingslager, das im September vergangenen Jahres in Calais von der französischen Polizei geräumt wurde. Knapp dreihundert Migranten/innen ohne Papiere wurden bei der Gelegenheit aufgegriffen, die Hälfte von ihnen Jugendliche. Viele hundert weitere Illegale hatten das Lager in den Dünen, das als Zwischenstation auf dem Weg nach England diente, bereits vor der Räumung verlassen und waren untergetaucht. Inzwischen gibt es natürlich wieder einen neuen "Dschungel"; denn so werden sie in Calais alle genannt, alle diese aus der Not geborenen Notunterkünfte, die oft nicht mehr sind als Plastikplanen über Pappendeckeln und Decken. Sie sind wie Maulwurfshügel auf einer Wiese, heute dort, morgen von der Polizei eingeebnet, übermorgen woanders.

Wer keine Ahnung hat von dem Drama, das sich jeden Tag entlang der französischen Atlantikküste abspielt, der hält "Welcome" von Philippe Lioret womöglich für eine bösartige Übertreibung; eine fiktionale Zuspitzung, um den melodramatischen Effekt der Geschichte zu erhöhen. Doch leider ist das, was den Alltag der Figuren in diesem Spielfilm prägt, weder erfunden noch zugespitzt. Der Druck, der in einer Stadt wie Calais auf Flüchtlingen, Helfern/innen, Ordnungshütern/innen und Einwohnern/innen lastet, ist enorm. Er wird sichtbar in dem Misstrauen, mit dem die Menschen einander begegnen, und in der Abgebrühtheit, mit der sie die Not des Nächsten übersehen.

Auch der Schwimmlehrer Simon will den Jungen, der eigentlich nur gerne mal wieder duschen würde, am liebsten gar nicht erst zur Kenntnis nehmen und verweigert den Zutritt zum Bad. Dann besinnt er sich eines Besseren; Simon will seine geliebte Frau Marion, eine engagierte Flüchtlingshelferin, zurückgewinnen. Vielleicht kommt sie wieder, wenn er dem Jungen hilft?
Der Junge, das ist der 17-jährige Bilal, und er ist bereits seit zwei Monaten unterwegs von Irakisch-Kurdistan nach England. Die weißen Klippen von Dover locken in der Ferne und dahinter London, wo Mina lebt, Bilals große Liebe. Aber sie soll einen sehr viel älteren, dafür wohlhabenden Mann heiraten. Die Lage ist verzweifelt. Doch europäische Flüchtlingspolitik hat kein Gehör für die Stimme des Herzens. Der romantische Todesmut des Jungen, der sich für seine Liebe in den Ärmelkanal stürzen will, reißt Simon endgültig aus seiner trennungsbedingten Versteinerung und setzt ihn in Bewegung. Allerdings wirkt die Aufmerksamkeit, die im Folgenden der Beziehungskiste des Schwimmlehrers zuteil wird, unproportional und irritierend. Mit ihr entwickelt "Welcome" seine gefährliche Schlagseite Richtung Melodram. Was an sich nicht verwerflich wäre, im vorliegenden Fall aber einigermaßen ärgerlich ist; es beraubt den Film seiner sozialpolitischen Schärfe, macht ihn zahnlos und eher resignativ denn angriffslustig. Dabei führt kein Weg an der bitteren Realität vorbei: Dass die Festung Europa auf Leichen gebaut wird, ist ein nicht hinzunehmender Skandal.
Alexandra Seitz

Welcome, Frankreich 2009, Regie: Philippe Lioret, Buch: Philippe Lioret, Emmanuel Courcol, Olivier Adam, mit Vincent Lindon, Firat Ayverdi, Audrey Dana, Derya Ayverdi, Thierry Godard, Selim Akgül u. a., 115 min, Kinostart: 4. Februar 2010 bei Arsenal

Foto: Verleih


www.welcome-derfilm.de
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film
www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz
www.kinofenster.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de

Kommentare

Dein Kommentar