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Sherlock Holmes

Boxhandschuhe statt Meerschaumpfeife

Kinostart: 28.1.2010 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Es gibt wenige unzeitgemäßere Helden als Sherlock Holmes, den großen Privatdetektiv und Bohemien aus der Baker Street 221B. Ganze Bibliotheken verschwinden in kleinen Computern, Raub und Verleumdung – die Suche nach kompromittierenden Schriftstücken gehörte zu seinen Hauptbeschäftigungen – geschehen im virtuellen Raum und geraucht wird auch nicht mehr. Das sind die historischen Momente, in denen literarische und sonstige Helden der hemmungslosen Weiterverwertung anheim fallen.

Dass Guy Ritchie seinen "Sherlock Holmes" als Franchise-Neustart im Stile von "Batman Begins" oder "Casino Royale" aufzieht und den verknöcherten Exzentriker zum Action-Superhelden verjüngt, war einfach unvermeidlich. Ritchie ("Snatch - Schweine und Diamanten", 2000) macht – Anführungszeichen bitte selbst setzen – coole Filme für coole Jungs. Legendäre, aber auch etwas ulkige Insignien wie Jagdhütchen und Meerschaumpfeife stören da nur. Der neue Holmes glänzt als brutaler Preisboxer mit nacktem Oberkörper und löst seine Fälle gerne mal im Unterhemd, ansonsten erscheint er im schlampigen Künstlerlook. Nah am Original und den vielen früheren Verfilmungen, sollte man meinen, ist nur der Schauplatz: die Londoner Unterwelt der 1890er-Jahre. Tatsächlich aber arbeitet der Haudrauf-Regisseur nicht nur mit jeder Menge von Computereffekten, sondern auch mit zahlreichen Zitaten und Verweisen auf die von 1887 bis 1827 erschienenen Erzählungen Sir Arthur Conan Doyles. Wirklich alt am neuen Holmes, einem sehr seltsamen Vertreter des viktorianischen Zeitalters, ist nur dieses postmoderne Prinzip.

Dämonische Muster

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Schon Doyles Sherlock Holmes ist ein geübter Karatekämpfer, leidenschaftlicher Kokainist und trotz gelegentlichen Charmes sozial völlig unbrauchbar. Zwar sieht fast jeder im Film der bekannten Holmes-Figur ähnlicher als Robert Downey Jr., aber die Besetzung mit Hollywoods beliebtestem Ex-Junkie hat ihren Sinn. Ähnlich verhält es sich mit seinem braven Chronisten Dr. Watson, den man etwas weniger hübsch als Jude Law in Erinnerung hatte. Die leichten Eifersüchteleien und Wortscharmützel zwischen den beiden werden im Film einfach ein bisschen übertrieben. Watson hat sich verlobt, der überzeugte Junggeselle Holmes hält das für ausgemachten Blödsinn. Und schon hat man das, was US-Kritiker/innen bereits als homoerotische Freundschaft bezeichnet haben. Ganz ehrlich, in dieser Hinsicht sind die ollen Bücher schärfer als der Film. Viktorianer unter sich.

Zum Fall: Holmes soll keinen gestohlenen Diamanten oder Brief beschaffen, sondern ein neues Empire des Bösen verhindern. Der stadtbekannte Schwarzmagier Lord Blackwood (Mark Strong) hat nach einem dämonischen Muster quer über den Londoner Stadtplan Frauen umgebracht. Dazu ist er offenbar von den Toten auferstanden, denn gleich in einer der ersten Szenen wurde er eigentlich gehenkt. Peinlich für Dr. Watson, den diensthabenden Arzt. Die Faszination mit dem Okkulten ist fester Bestandteil des Holmes-Universums. Die Romane und Erzählungen waren eine Reaktion auf den Geist der Zeit, als neue Kräfte wie Dampfmaschine, Hydraulik und Elektrizität die Menschen verunsicherten und der Spiritismus europaweit neue Anhänger/innen fand. Conan Doyle selbst war gläubiger Spiritist (er wollte dem Magier Houdini nicht abnehmen, dass es sich bei seinen Geistererscheinungen um Tricks handelt, und zerstritt sich mit ihm). Das Holmes-Publikum konnte jedoch davon ausgehen, dass es noch für den grausigsten Hokuspokus – wie seinerzeit den "Hund von Baskerville" – eine rationale, noch viel verrücktere Erklärung gibt. Holmes' messerscharfer Verstand grenzt zwar ans Übernatürliche, er ist jedoch ein Superheld der Rationalität. Den feinen Unterschied hat sogar Guy Ritchie verstanden.

Showdown über der Themse

Wohl deshalb hat er auch darauf verzichtet, seinen Film zum Steampunk-Spektakel à la "Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen" (2003) aufzupolieren. Holmes hat eine verwirrende Begegnung mit der Elektrizität, windet sich aus einer Kreissäge und entdeckt brodelnde Chemikalien in unheilvoll stampfenden Behältern – das anachronistische Nebeneinander von schweren Maschinen und Hi-Tech wird höchstens angedeutet. Ritchie weiß, dass mehr von Letzterem den Film überfrachten würde. Schließlich hat er seine eigenen Tricks. Seine Kamera ist natürlich schneller als jede Kutsche. Holmes' Faustkämpfe zeigt er stets zweimal, in der Zeitlupentheorie sowie in der Zeitrafferpraxis, nur des Spaßes wegen, fiese Körperdeformationen inklusive. Das Londoner Setting hingegen ist so klassisch düster und schmutzig, wie man es immer wieder am liebsten sieht. Einen entscheidenden Showdown gibt es auf der gerade im Bau befindlichen Themsebrücke.

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Mit verblüffenden Wendungen und einigen geistreichen Dialogen ist dieser "Sherlock Holmes" gehobenes Popcorn-Kino und wohl auch Guy Ritchies intelligentester Film. Sicher, Holmes' unerreichbare Geliebte Irene Adler (Rachel McAdams) als vulgäre Kleinkriminelle zu zeigen, ist für Puristen/innen ein Sakrileg, und dem Vergleich mit den besseren Graphic-Novel-Verfilmungen hält der Film – er sieht nur wie eine aus – kaum stand. Aber der neue Hut steht dem Helden unzähliger Kindheiten nicht schlecht. Es ist wieder Leben in der Baker Street. Auch ohne die legendäre Beobachtungsgabe des Meisterdetektivs lässt sich vermuten: Dieser Serienheld ist nicht am Ende.

(Sherlock Holmes), Großbritannien, Australien, USA 2009, Regie: Guy Ritchie, Buch: Michael Robert Johnson, Anthony Peckham, nach den Erzählungen von Sir Arthur Conan Doyle, mit Robert Downey Jr., Jude Law, Rachel McAdams, Mark Strong, Kelly Reilly u. a., 128 min, Kinostart: 28. Januar 2010 bei Warner Bros

Fotos: Verleih

Philipp Bühler ist Filmjournalist und lebt in Berlin.



wwws.warnerbros.de/sherlock
Website zum Film

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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