A Serious Man

Warum ich?

Kinostart: 21.1.2010 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Larry Gopnik fällt aus allen Wolken, als ihm seine Frau Judith eines Abends eröffnet, sie wolle ihn zugunsten Sy Ablemans verlassen. Und das Ende seiner Ehe ist nicht der einzige Schicksalsschlag, der ihn an diesem Tag ereilt. Ganz im Gegenteil, eine Hiobsbotschaft nach der anderen jagt durch Larrys bis dato so friedvolles und normales Leben: Einer seiner Studenten versucht, ihn zu bestechen, um eine bessere Benotung zu erreichen, und ein anonymer Briefschreiber verunglimpft seinen guten Namen, um seine bevorstehende Verbeamtung zu hintertreiben. Frei nach Fußballer Jürgen Wegmann: Zuerst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu. Als Professor für Physik jedoch kann Larry eins und eins zusammenzählen. Und als Angehöriger des jüdischen Glaubens weiß er, in welcher Richtung er den Schuldigen an seinem Unglück zu suchen hat. Bleibt nur die alles entscheidende Frage: Warum?

Erzählt wird die Geschichte von Larry Gopniks Prüfungen und seiner Suche nach dem Grund in Joel und Ethan Coens "A Serious Man", einer komplexen Reflexion über Glaubensinhalte, religiöse Identität und Midlife-Crisis, dargeboten in einer unschlagbaren Mischung aus tiefem Mitgefühl und beißendem Spott. Auf den vergnüglich-albernen "Burn after Reading" folgt damit erneut eine etwas ernsthaftere Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Sinn der ganzen menschlichen Strapazen im Jammertal des irdischen Daseins. "A Serious Man" ist ein Film vom Kaliber "No Country for Old Men", wie dieser handelt er, ironisch reflektiert, von todernsten Angelegenheiten.
Die Coens, geboren 1951 (Joel) und 1954 (Ethan), aufgewachsen in St. Luis Park, einer jüdisch geprägten Siedlung am Rande von Minneapolis, Minnesota, siedeln die Ereignisse ihres Films im Jahr 1967 in einer vergleichbaren Suburb an. Doch nicht Kindheitserlebnisse oder die Konflikte Heranwachsender stehen im Zentrum ihres Films, sondern die Atmosphäre von Beschaulichkeit und Wohlgeordnetheit, die diese Vorstadtsiedlung prägt. Vielmehr deren seismografisch nachvollzogene fundamentale Erschütterung. Genaue Milieukenntnisse sind dabei die Voraussetzung für jene Gratwanderung zwischen Religions-Satire und metaphysischer Tragödie, als die sich die Coensche Erkundung einer Lebens- und Glaubenskrise darstellt.

Wir können uns Larry Gopnik als einen modernen Hiob vorstellen. Doch wir dürfen uns diesen Hiob nicht als jenen von seinem Gott geretteten Menschen denken, der schließlich mit 140 Jahren "alt und lebenssatt" stirbt. Denn im Gegensatz zu Hiob, den Gott für das geduldige Ertragen seiner Leiden belohnte, lebt Gopnik in säkularisierten Zeiten und tut sich, erst recht als Physikprofessor, schwer mit der Gottergebenheit. Er will sich nicht damit abfinden, dass es keine Erklärungen für das gibt, was ihm widerfährt.

Folgerichtig bleibt sein Schicksal am Ende ungewiss. Die Coens versagen sich und ihm jeden wohlfeilen Trost. In ihrer Hiob-Variante bleibt es ein zum Himmel schreiender Skandal, dass das Leiden in der Welt und eine gerechte göttliche Instanz zugleich möglich sein sollen. Übertroffen allerdings wird dieser Skandal noch von der ungeheuren Unfähigkeit der spirituellen Führungskräfte, dem Menschen Trost zu spenden und Linderung zu schaffen. Es ist eine bittere Erkenntnis, die in diesem immer wieder so komischen Film steckt: Nicht nur von Gott verlassen ist der rechtschaffene Mensch, sondern auch von allen anderen.
Alexandra Seitz

A Serious Man, USA 2009, Buch & Regie: Ethan Coen, Joel Coen, mit Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed, Sari Lennick, Aaron Wolff, Jessica McManus u. a., 105 min, Kinostart: 21. Januar 2010 bei Tobis

Foto: Verleih


www.seriousman.de
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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