Privatunterricht

Grenzüberschreitungen

Kinostart: 21.1.2010 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Wirklich wohl fühlt man sich als Teenager meist nicht gerade, wenn Erwachsene plötzlich anfangen, sehr offen und explizit über Sex zu sprechen. Statt Begeisterung über so viel Offenheit löst es eher Fluchtreflexe und Scham aus. Auch Jonas in Joachim Lafosses "Privatunterricht" ist anfangs irritiert, als ihm die Freunde seiner Mutter, die sich in deren Abwesenheit um ihn kümmern, ganz direkt sehr intime Fragen stellen. Wie lange es dauern würde, bis er zum Orgasmus kommt? Ob er zu schnell komme? Oder ob seine Freundin beim Sex eher "vaginal oder klitoral" sei? Auch beim Zuschauen lösen diese Szenen gemischte Gefühle aus, wirken sie zunächst zwar befremdlich, aber irgendwie auch ganz lustig. Allerdings ahnt man da auch noch nicht, in welche Richtung sich der vierte Spielfilm des belgischen Regisseurs nach und nach entwickeln wird.
Zunächst einmal entwirft Lafosse schließlich eine – wenn auch recht sonderbare – Lehrer-Schüler-Situation: Jonas macht mit seiner Freundin Delphine noch recht unsicher seine ersten sexuellen Erfahrungen. Das passiert zu einer Zeit, die für ihn ohnehin sehr schwierig ist. Sein Traum, später ein Tennisprofi zu werden, zerplatzt mehr oder weniger. Und in der Schule soll er wieder einmal nicht versetzt werden. Als einziger Ausweg bleibt ihm eine Prüfung, auf die ihn die Freunde der Mutter – zwei Männer und eine Frau – vorbereiten wollen. Doch neben Grammatik und Mathegleichungen erteilen sie Jonas auch Unterricht in Sachen Sex, der immer anschaulicher wird. 

Während die erwachsenen Freunde Jonas' Unsicherheiten ausnutzen und ihn mit ihren Ansichten und Erfahrungen immer weiter manipulieren, werden die Zuschauer/innen zu Zeugen/innen eines Missbrauchs gemacht. Ganz ruhig, sehr nüchtern und bewusst mit einer gewissen Distanz beobachtet Lafosse diesen schleichenden Prozess und steigert zunehmend sein Gefühl der Beklemmung. So entwickelt sich "Privatunterricht" zu einem Drama darüber, wie eigentlich klare Grenzen erst langsam aufgeweicht, ausgeweitet und letztlich mehr als deutlich überschritten werden.
Sascha Rettig

(Elève libre) Frankreich, Belgien 2008, Regie: Joachim Lafosse, Buch: Joachim Lafosse, François Pirot, mit Jonas Bloquet, Jonathan Zaccaï, Yannick Renier, Claire Bodson, ab 16, OmU, 104 min, Kinostart: 21. Januar 2010 bei Pro-Fun

Foto: Verleih


Website zum Film (französisch)
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs 
Infos zum Film in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zum Film




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)