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Same Same but Different

Liebe und nichts anderes

Kinostart: 21.1.2010 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Heart of Darkness" heißt der Ort, an dem alles beginnt. Das Herz der Finsternis ist eine Disko, ein Nachtklub, vielleicht auch ein Bordell. So genau weiß man das nicht, und es spielt wohl auch keine Rolle. Die Grenzen der Wahrnehmung sind fließend in dieser dunklen Höhle in Phnom Penh, wo Drogen gehandelt und konsumiert werden und Menschen Rollen spielen, um einander zu gefallen. Deshalb ist Ben (David Kross) hergekommen. Das Leben hier ist bedrohlich ungewiss und darum so verlockend. Man weiß auch nicht, ob sich die dröhnend harte Rammstein-Musik nur in seinem Kopf abspielt, ein gedankliches Mitbringsel aus Deutschland die wahren Eindrücke überlagert. Schon die Bilder kommen mit einer Art Erinnerungs-Unschärfe, niemals wird er sagen können, was genau sich damals ereignet hat. Es hat in jedem Fall sein Leben verändert.

Schicksalsmomente

In dem Moment, als Sreykeo (Apinya Sakuljaroensuk) ihm den Kopf auf die Schulter legt, ist nichts mehr wie vorher. Sie verbringen eine Nacht miteinander, sie verlangt 20 Dollar. Doch damit ist es nicht vorbei. Die Suche nach dem Abenteuer hat Ben und seinen Freund Ed (Stefan Konarske) nach Kambodscha gebracht; statt mit ein paar scharfen Erinnerungen kehrt er zurück mit der großen globalen Liebe im Rucksack. Sie endet auch nicht, als er in Hamburg über tausende Kilometer Entfernung per Internettelefon eine niederschmetternde Nachricht bekommt: Sreykeo ist HIV-positiv. Darum hat sie immer so viel gehustet.

Der damals 23-jährige Benjamin Prüfer, der mit seiner Frau heute in Kambodscha lebt, hat seine Geschichte zunächst zu einem Beitrag für das Magazin NEON und später zu einem Buch verarbeitet. In "Wohin du auch gehst" lässt sich nachlesen, wie man das macht, als blutjunger Zeitungspraktikant monatlich 250 Dollar in ein fernes Land zu überweisen, durch unzählige Reisen quer durch die Welt eine unmögliche Liebe aufrecht zu erhalten und dabei möglichst nie den Mut zu verlieren. Der Film kann davon nur Eindrücke vermitteln, doch die sind beeindruckend.

Wenn Vertrauen zum Luxus wird

In "Same Same But Different" geht es um die Liebe und nichts anderes. Darum entschied sich Detlev Buck, der nach vielleicht einer Komödie zu viel und dem Jugendgewaltfilm "Knallhart" genau so einen Stoff gesucht hatte, für Prüfers Buch. Sreykeos HIV-Infektion steht nicht im Vordergrund, auch wenn sich Ben auf der Suche nach dem besten Medikamenten-Cocktail – zur Versorgung möglichst vieler Patienten/innen arbeiten kambodschanische Hospitäler mit Stavudin, der europäische Standard heißt AZT – notgedrungen zum Experten entwickelt und sogar einen kleinen Handel aufzieht. Aber die Krankheit stellt die wichtigen Fragen: Wie weit würde man gehen, wenn es hart auf hart kommt, wenn die Liebe sich beweisen muss? Was ist, wenn die Formel von der "Liebe bis in den Tod" eine neue, sehr zeitnahe Bedeutung bekommt? Das ist Bens Perspektive. Wahre Liebe, muss er allzu früh lernen, heißt Verantwortung. Sein Hamburger Umfeld, zu dem auch sein Bruder Henry (Jens Harzer) gehört, hegt die nahe liegenden Zweifel. Immerhin setzt er für eine asiatische Prostituierte, die er kaum kennt, seine Zukunft und vielleicht sein Leben aufs Spiel. Die betont behutsam vorgetragenen Bedenken wären wohl nur unwesentlich kleiner, wäre Sreykeo gesund. Sie wiederum, die sich in ihrer entwaffnend erwachsenen Art als "Geschäftsfrau" bezeichnet, kann nicht wissen, ob sie sich auf Ben verlassen darf. Sein Verbot, wieder anschaffen zu gehen, erfordert die Grundlage jeder Liebe, nämlich absolutes Vertrauen. In ihrer Situation kann sie sich diesen Luxus kaum leisten.

Locker bleiben in Kambodscha?

Buck ist immer noch Komödiant genug, um seine Romanze nicht als todtraurige Schnulze zu erzählen. Beim Backpacking-Tourismus, da muss Ben nur Ed fragen oder ihren neuen lustigen Kiffer-Freund Alex (Michael Ostrowski), geht es schließlich um Spaß. "Same Same But Different" – der Spruch, eine Mischung aus Englisch und Thai, bezeichnet so etwas wie eine lockere Haltung zum Leben. Aber leider, auf fatale Weise gilt das auch für den Sextourismus. Buck hat ein gutes Auge für diese fließenden Grenzen und unsichtbaren Zusammenhänge in einem Land, das nach Jahren der Abschottung zum Einfallstor globaler Entwicklungen geworden ist. Die Schreckensherrschaft der Roten Khmer endete 1979, aber erst 1993 brachte eine UN-Mission die ersten freien Wahlen. Mit der Armut, dem Aufblühen der Prostitution und dem Überschwappen des thailändischen Sextourismus kam auch das HIV-Virus nach Kambodscha. Das Abhängigkeitsverhältnis, in das Ben und Sreykeo geraten, beschreibt zum großen Teil die kambodschanische Realität. Immerhin: Durch Entwicklungshilfe konnte die HIV-Rate von zwischenzeitlich zwei Prozent deutlich gesenkt werden.

Die Poesie der Verantwortung

"Same Same But Different" erzeugt einen eigentümlichen Sog, der die harsche Wirklichkeit in einen Rausch bildlicher Eindrücke verwandelt. Farbenprächtige Landschaften mit imposanten Kulturdenkmälern und das nackte Elend der Slums liegen zumindest hier dicht beieinander. Buck vermischt diese poetischen und zugleich realistischen Bilder in einem neuartigen Stil, dem immer auch eine Spur Unentschlossenheit anzumerken ist – man sieht das Ringen um die Darstellung eines ungewohnten Sujets, die Suche nach einer Art Poesie der Verantwortung. Nicht jeder wird sich davon aufsaugen lassen, trotz der fabelhaften Hauptpersonen. Dem Film wurde bereits eine Verharmlosung des Prostitutionsdilemmas vorgeworfen, andere bemängeln im Gegenteil eine emotionale Distanz im Blick auf diese seltsame Liebe. Doch diese Schwäche ist die eigentliche Stärke des Films. Die Liebe von Ben und Sreykeo mag so fest stehen wie der Tempel von Angkor Wat, doch die gegenseitige Unsicherheit wird nie verschwinden. So wenig wie der Tod oder die Unterschiede von Arm und Reich. Der Film macht gar nicht so viele Worte um das, was im wahren Leben mit so vielen Tabus behaftet ist. Eben weil er das meiste unausgesprochen lässt und sich wie Ben damals im "Heart of Darkness" ganz den Bildern überlässt, ist es ein besonderer, tatsächlich ein "anderer" Film.

Same Same But Different, Deutschland 2009, Regie: Detlev Buck, Buch: Ruth Toma nach dem autobiografischen Roman "Wohin du auch gehst" von Benjamin Prüfer, mit David Kross, Apinya Sakuljaroensuk, Stefan Konarske, Jens Harzer, Anne Müller u. a., 104 min, Kinostart: 21. Januar 2010 bei Delphi

Fotos: ©Verleih


Philipp Bühler ist Filmjournalist und lebt in Berlin.



http://samesame-themovie.com
Website zum Film (deutsch)

www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film

www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz




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