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Zum ersten Mal richtig verliebt – dieses Gefühl ist eigentlich unbeschreibbar: Die Gedanken spielen verrückt, das Herz rast, der Körper befindet sich im Schwebezustand. Alles, was zählt, sind die Gefühle. Verstanden hat man diesen Zustand vielleicht zum ersten Mal im Schulunterricht, ausgerechnet: mit Goethes "Die Leiden des Jungen Werther", Pflichtlektüre der deutschen Romantik. Ein Quatsch war das eigentlich, die Gefühle eines Menschen literarisch zu analysieren. Aber die Empfindsamkeit des jungen W., die Intensität seiner Liebe und seine tiefe Enttäuschung, die ihn schließlich in den Freitod treiben, sind trotzdem ergreifend. Der neuseeländischen Regisseurin Jane Campion ist mit "Bright Star" etwas ganz Ähnliches gelungen, nur bedient sie sich eines moderneren, wenn auch schwierigeren Mediums: dem Kino. Das Thema ihres Films ist trotzdem wieder der Literatur entlehnt. "Bright Star" handelt von der dreijährigen Liebesbeziehung zwischen dem englischen Romantiker John Keats und Fanny Brawne bis zu dessen frühem Tod durch Tuberkulose im Jahr 1821.
Alles aus Leidenschaft
Die Darstellung romantischer Gefühle, noch dazu wenn die Geschichte aus dem vorletzten Jahrhundert stammt, neigt im Kino oft zu unverhohlenem Kitsch. Auch Campion bedient sich in ihrem Film einiger Klischees, aber die verschlungene Sprache Keats, die sich graziös um die Bilder von Greig Fraser rankt, verleiht "Bright Star" eine Anmut, wie man sie im etwas halbseidenen Genre des Kostümfilms selten erlebt hat. Den prägten in den 1980er- und 1990er-Jahren vor allem pompöse Melodramen von James Ivory, etwa "Zimmer mit Aussicht" (1985) oder "Wiedersehen in Howards End" (1992). In "Bright Star" hat die atemlose Erregung nichts mehr mit der geistigen Enge eines Milieus oder den hochgeschlossenen Kleidern der Damenwelt zu tun. Sie rührt von echter Leidenschaft her, die jedes einzelne Bild durchdringt: sommerliche Lichtschleier über einer tiefblauen Blumenwiese, die Schläge von Schmetterlingsflügeln, die Berührung der Liebenden durch Wände. Campion fängt einen Moment der Unschuld ein, während die Liebe zwischen Fanny und Keats (wie auch dessen Gedichte) längst von Vorahnungen seines nahen Todes überschattet wird.
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Abbie Cornish ("Somersault", "Candy") spielt Fanny mit der stolzen Unerschrockenheit eines jungen Mädchens, das sich den sozialen Zwängen einfach nicht fügen will. Weil Keats nur ein armer Dichter ist, hat er nicht die nötigen Mittel, Fanny zu heiraten. Ihr Beharren hat jedoch nichts mit jugendlichem Trotz zu tun, darauf legt Campions Inszenierung großen Wert. Fanny steht lediglich für ihr gutes Recht ein. Das macht sie im Vergleich mit Keats (von Ben Whishaw mit britisch-blasser Noblesse gespielt) auch zur moderneren Figur, weil sie eine Unterscheidung zwischen ihrer Umwelt und ihrer Gefühlswelt nicht zu akzeptieren bereit ist.
Whishaw ("Das Parfum", "I'm Not There") erinnert mit seiner kränklichen Gesichtsfarbe und seinen leicht abgerissenen Dandy-Kostümen ein wenig an den Heroin-Chic von neuzeitlichen Rock'n'Roll-Poeten à la Pete Doherty. Tatsächlich hat sein Keats etwas von einem Rockstar. Fanny erkennt in seinen Gedichten aber auch eine Güte, die sie zutiefst berührt. Nachts liegen sie nebeneinander und rezitieren sich gegenseitig aus "La Belle Dame Sans Merci", ein sanftes Liebesgeflüster im Schutz der Dunkelheit. Campion scheut sich nicht vor dem hemmungslosen Pathos Fannys, gleichzeitig findet sie aber immer wieder berauschende Bilder für ihre fragilen Gefühle. Die Leidenschaft des Paares ist vollkommen – und unterliegt doch dem gesellschaftlichen Diktat permanenter Selbstbeherrschung. So bleibt den beiden nichts anderes übrig, als sich ihrer Zuneigung durch ein behutsam angeeignetes Ensemble von zarten Gesten und tiefen Blicken zu versichern.
Zeitlose Gefühle
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Diese Gefühle sind zeitlos. Nach einer Weile hat man fast vergessen, dass zweihundert Jahre zwischen uns und Campions Figuren stehen. Warum sollten die Menschen im England des frühen 19. Jahrhunderts aber auch anders empfunden haben als junge Menschen heute? Fanny ist allerdings etwas Besonderes. Es ist leicht zu verstehen, was Campion an ihr so fasziniert hat. Sie kann gar nicht anders, als ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, egal ob es sich dabei um ihre extravaganten Modeschöpfungen oder Herzensangelegenheiten handelt. Wenn Keats ihre Liebe mit dem Leben eines Schmetterlings vergleicht, verwandelt sie ihr Zimmer kurzerhand in ein Schmetterlingshaus. Ist sein nächster Brief distanziert, stirbt augenblicklich die Welt um sie herum. Die toten Schmetterlinge sind dann der traurige Beweis ihrer bedingungslosen Liebe.
Hochgradig emotionale Frauenfiguren wie Fanny gehörten früher zu den Standards des Hollywood-Melodrams, das lange Zeit auch abfällig als "Weepie", als Taschentuchfilm (für Frauen) bezeichnet wurde. Campion findet in dieser Emotionalisierung dagegen eine emanzipatorische Qualität, weil Gefühle, wie Fanny sie ganz ungeniert auslebt, in einer stark repressiven Gesellschaft zu einem befreienden Akt werden. Campion unterläuft solche "Frauenfilm"-Vorurteile durch eine bewunderswert kontrollierte Inszenierung. Whishaws und Cornishs stilles Spiel zwischen Auslassung und Andeutung findet Resonanz in den Bildern, mit denen Campion die Liebesleiden ihrer Figuren beschreibt. Es mögen am Ende vielleicht nur altbekannte Klischees sein, aber die Leidenschaft, mit der Fanny und Keats auf ihre Gefühle insistieren, verleihen diesem Pathos eine berührende Aufrichtigkeit.
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