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Fressen und Gefressen werden. So lautet seit fast zwei Jahrhunderten das Evolutionsprinzip des Kapitalismus. Die Reichen und Mächtigen verschlingen und stopfen. Das gemeine Volk suhlt sich allenfalls in dem, was hinten wieder rauskommt. Peter Greenaway nahm dieses Bild mit "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" (1989) ganz wörtlich: Sein Film spielt größtenteils in einem in einer Fabrikhalle untergebrachten Nobelrestaurant. Vorne, in blutrotes Licht getaucht, delektiert sich das Bürgertum. In der Küche schuftet der Stand der Dienstleister/innen. Die Logik der Gentrifizierung, die klassenverdrängende geografische Ausdehnung, klingt in der Wahl des Handlungsortes schon mit. Die gesellschaftlichen Eliten haben in "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" den angestammten Ort der Arbeiterschaft übernommen. Doch die wahren Schweinereien passieren bei Greenaway vor den Augen des zahlenden und speisenden Publikums.
Geld und Gier
Jeden Abend hält der Gangster Albert Spica (Michael Gambon) mit seiner barbarischen Entourage (darunter ein junger Tim Roth) Einkehr an diesem kulinarischen Ort. Es ist ein Affront des guten Geschmacks. Aber Geld kennt keinen Geschmack, nur ein ständiges Völlegefühl, das sich durch alle Körperöffnungen Bahn bricht. Der Dieb kann sich die Köstlichkeiten, die der Koch zubereitet, leisten – aussprechen kann er sich deswegen noch lange nicht. Das ist seiner Frau Georgina (Helen Mirren) vorbehalten, die die Demütigungen Alberts würdevoll erträgt. Denn ihr ist ein Wissen zu eigen, das der alte Bildungsbürger Greenaway über das banale Gedächtnis des Geldes stellt. Ihr tischt der Koch die wahren Delikatessen auf, für die der Dieb nur Hohn und Spott übrig hat. Auf der klinisch weiß ausgeleuchteten Toilette des Restaurants treibt sie es dafür mit einem anderen Gast: Michael (Alan Howard), der sich an einem Nachbartisch mit seinen Büchern zurückgezogen hat.
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Das Wissen um Essen und Literatur unterscheidet in "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" die Guten von den Bösen. Greenaway zieht damit auch einen Trennstrich zwischen der Kultur und der korrupten Gewalt der Mächtigen. Es ist ein ewigwährender Kampf, von Greenaway versinnbildlicht in dem berühmten Gemälde "Festmahl der Offiziere der Sankt-Georgs-Schützengilde" (1616) von Frans Hals, das großformatig über dem Gelage von Alberts Sippe hängt. Das Festbankett war schon immer eine Inszenierung von Macht. Die, die es zubereiten, verfügen zwar über das kulinarische Wissen, der Genuss jedoch bleibt ihnen verwehrt.
Greenaway strukturiert seinen Film nach visuellen Systemen: die farbliche Ausleuchtung der Räumlichkeiten, die Kleidung der Darsteller/innen (entworfen vom 80er-Modepapst Gaultier), die die Farbe des jeweiligen Raumes annimmt, die Zubereitung der Speisen (die tägliche Menükarte fungiert als Kalenderblatt zwischen den Kapiteln des Films), sie schaffen eine ästhetische Ordnung, die er dem Gewaltprinzip des Diebes entgegenstellt. Greenaways malerische Plansequenzen, die selbst museumswürdig sind, vermessen den Handlungsort mit langen Kamerafahrten durch Wände und Türen hindurch und brechen damit auch die Hierarchien dieses Szenarios – vom Gelage im Restaurant bis hinunter zur Arbeit des Küchenpersonals – auf.
Kultur versus Dekadenz
Im Mittelpunkt steht jedoch die Nahrungsaufnahme. Essen erfüllt in "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" zweierlei Funktion: als Ausdruck von Kultiviertheit und höchstem Genuss, die unkorrumpierbare Verschmelzung von Sinneseindrücken – und damit auch eine zutiefst bürgerliche Wunschvorstellung. Und gleichzeitig dessen Umkehrung: totale Dekadenz. Der Exzess der Macht, die noch alles Verwertbare in sich hineinstopft. Greenaway findet für diese Obszönität natürlich die passende Schlusseinstellung. Die Frau zwingt den Dieb, ihren getöteten Liebhaber vor den Augen der feinen Gesellschaft zu verspeisen.
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(The Cook the Thief His Wife & Her Lover) Frankreich, Großbritannien 1989, Buch & Regie: Peter Greenaway, mit Michael Gambon, Helen Mirren, Richard Bohringer, Alan Howard, Tim Roth u. a., ab 18, 125 min, Universal/DVD
Andreas Busche ist Filmrestaurator und Filmkritiker.
Fotos: Verleih
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