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Ein Krug Tierblut, gemopst aus einer fremden Küche, Kerzenwachs aus der Kirche, dazu Beeren, Wurzeln und Matsch – aus solchen Zutaten mischt Séraphine ihre Farben. Verstohlen geschieht dies wie der Malakt selbst im kargen Kämmerlein, das die Mittvierzigerin bewohnt. Sie ist Hausmagd, Wäscherin und die gute, wenn auch verschrobene Seele eines Anwesens im nordfranzösischen Senlis. Mit ihrer stämmigen Fülle und den groben Händen scheint sie wie geschaffen für niedere Dienste. Keiner nimmt sie ernst, keiner würde je vermuten, dass diese Frau einmal zu den wichtigsten naiven Künstlerinnen Frankreichs zählen wird.
Von 1868 bis 1942 hat Séraphine Louis gelebt, unter dem Namen Séraphine de Senlis sind ihre gewaltigen Stillleben bekannt geworden. Naturmotive waren ihre Leidenschaft, kräftige Farben, sinnlich üppige Motive mit schlichtweg erschlagender Wirkung. Doch wie bei vielen Malern/innen jener Zeit ging auch bei Séraphine Louis Genie mit Wahnsinn Hand in Hand. Ihr Leben verlief tragisch, endete in einer Irrenanstalt, viele Bilder gingen verloren. Nun hat Martin Provost ihrem Leben genial nachgestellt. Genial deshalb, weil er nicht einfach nur Stationen aneinander reiht, sondern das Innenleben jener bisweilen seltsam Entrückten greifbar werden lässt, dazu den Geist einer Zeit zwischen zwei Weltkriegen.
In das Wesen Séraphines ist die belgische Schauspielerin Yolande Moreau geschlüpft und füllt jeden Winkel mit ihrer unglaublichen Präsenz. Endlich eine Frauenfigur im Film, die lebt! Séraphine schwitzt, pinkelt im Stehen und klettert auf Bäume, wenn die Traurigkeit sie übermannt. Transparent werden Schaffen und Leiden, dahinter erscheint eine Frau, die widrigen Umständen trotzt, sich durch ihre Kunst selbst definiert und sich so zumindest eine kurze Zeit lang über ihre elenden Lebensumstände erhebt. Ihren Weg ebnete der deutsche Kunstsammler Wilhelm Uhde, dargestellt von einem sehr introvertiert spielenden Ulrich Tukur. Der homosexuelle und feinnervige Mann hat schon Picasso und Rousseau entdeckt und begeistert sich für die "primitifs modernes", zu denen Séraphine irgendwann zählen wird. Ihre Beziehung drückt sich weniger in Gesprächen aus, schwingt eher in gegenseitigem Respekt. Doch wie bei allen komplexeren Naturen verhalten sich beide auch mal irrational, widersprüchlich, kommt es zu Feigheit und Größenwahn, verliert die Freundschaft an Glanz. Diese Vielschichtigkeit brachte "Séraphine" sieben Césars ein, so außergewöhnlich stimmig ist diese Biografie gelungen. Die kalten, kargen Bilder, die leisen Töne, starken Charaktere und psychischen Privathöllen hallen noch lange nach.
Cristina Moles Kaupp
Séraphine, Frankreich 2008, Regie: Martin Provost, Buch: Martin Provost, Marc Abdelnour, mit Yolande Moreau, Ulrich Tukur, Anne Bennent, Geneviève Mnich, Nico Rogner u. a., 125 min, Kinostart: 17. Dezember 2009 bei Arsenal
Foto: Verleih
www.seraphine-derfilm.deWebsite zum Film (deutsch)
www.filmportal.deInfos zum Film auf filmportal.de
www.imdb.deInfos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.deMehr Artikel zum Film
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