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Wo die wilden Kerle wohnen

Kind im Wolfspelz

Kinostart: 17.12.2009 | Michael Brake | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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"An dem Abend, an dem Max seinen Wolfspelz trug und nur Unfug im Kopf hatte, schalt seine Mutter ihn: 'Wilder Kerl!' 'Ich fress' dich auf', sagte Max, und da musste er ohne Essen ins Bett."
Mit diesen Worten beginnt das 1963 veröffentlichte Kinderbuch "Wo die wilden Kerle wohnen" des US-Amerikaners Maurice Sendak, ein Langzeit-Bestseller, vielfach ausgezeichnet. Es erzählt mit wenigen Sätzen und markanten Federzeichnungen die Geschichte des neunjährigen Max, dessen Zimmer sich in einen Wald verwandelt und der als Wolf verkleidet in das Land segelt, wo die wilden Kerle wohnen: riesige Fabelwesen mit Stier- und Vogelköpfen, Wuschelfell, Schuppenbeinen und Menschenfüßen, die Furcht erregend und liebenswürdig zugleich sind. Sie "brüllten ihr fürchterlichstes Brüllen und fletschten ihre fürchterlichen Zähne und rollten ihre fürchterlichen Augen und zeigten ihre fürchterlichen Krallen" – doch Max zähmt sie, wird ihr König und tobt gemeinsam mit den wilden Kerlen durch den Urwald.

Auch wild: Spike Jonze

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Seit rund 20 Jahren gab es Pläne einer Verfilmung des Buches, die lange Zeit am Misstrauen von Maurice Sendak in die Filmindustrie und an der fehlenden Finanzierung scheiterten. Letztlich kostete "Wo die wilden Kerle wohnen" dann rund 80 Millionen Dollar, für dessen Refinanzierung sich Warner Bros. offenbar auf die kommerzielle Zugkraft der weltberühmten Buchvorlage und ein entsprechendes Familienfilmpublikum verlässt – und dabei aus Versehen den vielleicht teuersten Independent-Film aller Zeiten geschaffen hat. Regie führt, ausgestattet mit dem ausdrücklichen Vertrauen von Sendak, Spike Jonze. Dessen einzige Langfilme waren bisher die verrätselten "Adaption" und "Being John Malkovich" (1999), zudem hat er in den letzten 20 Jahren zahlreiche abseitige Musikvideos inszeniert, etwa Fatboy Slims "Praise You" und Weezers "Island in the Sun".

Kindsein – ein schrecklicher Zustand

Er habe mit "Wo die wilden Kerle wohnen" keinen Kinderfilm drehen wollen, sagt Jonze, sondern einen Film über die Kindheit. Und so begibt er sich auf beeindruckende Weise auf Augenhöhe mit Max und verschafft dem Zuschauenden einen tiefen Einblick in die fragile Seelenwelt eines Neunjährigen. Wirkte Max im Buch noch selbstbewusst und frech, werden nun die verzweifelten Motive für den Unfug, den er im Kopf hat, offenbar: Gleich zu Beginn sehen wir Max im Schnee spielen, er verausgabt sich bis zum Letzten. Aber er ist allein. Der Versuch, die ältere Schwester ins Spiel zu integrieren, misslingt grandios, stattdessen machen ihre Freunde aus Versehen Max' Iglu kaputt. Völlig außer Fassung stürmt er in sein Elternhaus, getrieben von übermächtigen Gefühlen, die er noch nicht kontrollieren kann, und macht etwas kaputt. Abends folgt dann eine weitere hilflose Rebellion, als die geschiedene Mutter ihren neuen Freund zu Besuch hat. Danach flüchtet Max auf die Insel der wilden Kerle.

"Die Kindheit ist kein Paradies, sondern ein schrecklicher Zustand. Man kann sich nicht wehren", hat Maurice Sendak mal gesagt. Und auch Regisseur Jonze erinnert sich in einem Interview mit dem Berliner Stadtmagazin tip an das eigene innere Chaos als Kind: Nicht nur  "glucksende Glückseligkeit" erlebte er damals, sondern auch Urängste, Gefühle von Kontrollverlust und stetige Verwirrung.

Riesen-Gefühle

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Doch nicht nur Max ist getrieben von der Konfusion des Heranwachsens – auch die wilden Kerle sind sensible und verletzliche Wesen. Sie sprechen mit Erwachsenenstimmen, haben aber kindliche Gemüter. Alterslos und scheinbar seit ewigen Zeiten leben sie auf ihrer Insel. Jeder von ihnen hat für den Film einen Charakter erhalten: Da ist Carol, so etwas wie der Anführer, der mit hilfloser Zerstörungswut auf kleinste Anzeichen von Liebesentzug und Ablehnung reagiert. Dann die notorische Miesmacherin Judith, ihr devoter Freund Ira, dessen Hobby es ist, Löcher in Bäume zu schlagen, ferner ein namenloser, stiller Außenseiter und der kleingewachsene Ziegenbock Alexander, der von den anderen entweder übersehen oder durch die Gegend geworfen wird. Nur der Riesenvogel Douglas und die individualistische, beinahe teenagerhafte KW, mit der sich Max bald anfreundet, wirken halbwegs souverän.

Max ist als König schon bald damit überfordert, die diffizile Gruppendynamik im Griff zu behalten. Es kommt zu offenen Konflikten. Doch neben den Problemen gibt es immer auch Glücksmomente: das gemeinsame Toben und Jaulen des Monsterrudels, die große Schlammballschlacht, das Gruppenkuscheln – wie die Wutausbrüche ist all das Kompensation des allgemeinen emotionalen Wirrwarrs.

Einblicke in die Seele

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Genauso roh und unbehauen wie die Gefühle der Charaktere ist auch die Ästhetik von "Wo die wilden Kerle wohnen". Der Film fühlt sich herbstlich an, ist in erdigen Draußen-Farben gehalten: Braun-, Grün-, Gelb- und Grautöne kontrastieren die Zuckerbuntheit herkömmlicher Kinderfilme. Jonze arbeitet mit Handkamera, Unschärfen, Gegenlicht, auf Computer-Effekte hat er weitestgehend verzichtet. Lediglich die Gesichter der wilden Kerle sind animiert – die Monster an sich werden von Schauspielern in riesigen Kostümen gespielt, deren Gestaltung niemand Geringeres als die Jim Henson Company übernommen hat. Sie sind ein Meisterwerk: nah an den Originalzeichnungen Sendaks und doch eigenständige Schöpfungen, mit einer wahnsinnigen Präsenz und Menschlichkeit.

So schafft es Jonze, die Magie der Vorlage, die in ihrer reduzierten Klarheit, ihren Bildern, ihrer traumartig-entrückten Atmosphäre liegt, ins Kino zu übertragen – musikalisch passgenau unterlegt mit dem schroff-melodischen Indiefolk von Karen O & The Kids. Und hin und wieder fühlt es sich so an, als hätte Jonze einfach wieder eines seiner Musikvideos gedreht, dieses Mal spielfilmlang. Für all die melancholischen Jugendlichen und Erwachsenen, die noch wissen, wie es sich anfühlt, wenn man ab und zu die wilden Kerle in seiner Seele bändigen muss.

(Where the Wild Things Are) USA 2009, Regie: Spike Jonze, Buch: Spike Jonze, Dave Eggers nach dem Bilderbuch von Maurice Sendak, mit Max Records, Catherine Keener, Mark Ruffalo, Steve Mouzakis, Pepita Emmerichs u. a., 101 min, Kinostart: 17. Dezember 2009 bei Warner Bros.

Fotos: Verleih

Michael Brake lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist und Lektor, unter anderem für die taz und die Riesenmaschine.



http://wherethewildthingsare.warnerbros.com
Website zum Film (englisch)

www.wodiewildenkerlewohnen-derfilm.de
Website zum Film (deutsch) 

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film

www.kinofenster.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de

www.youtube.com
Video: Fatboy Slim: Praise You


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