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"An dem Abend, an dem Max seinen Wolfspelz trug und nur Unfug im Kopf hatte, schalt seine Mutter ihn: 'Wilder Kerl!' 'Ich fress' dich auf', sagte Max, und da musste er ohne Essen ins Bett."
Mit diesen Worten beginnt das 1963 veröffentlichte Kinderbuch "Wo die wilden Kerle wohnen" des US-Amerikaners Maurice Sendak, ein Langzeit-Bestseller, vielfach ausgezeichnet. Es erzählt mit wenigen Sätzen und markanten Federzeichnungen die Geschichte des neunjährigen Max, dessen Zimmer sich in einen Wald verwandelt und der als Wolf verkleidet in das Land segelt, wo die wilden Kerle wohnen: riesige Fabelwesen mit Stier- und Vogelköpfen, Wuschelfell, Schuppenbeinen und Menschenfüßen, die Furcht erregend und liebenswürdig zugleich sind. Sie "brüllten ihr fürchterlichstes Brüllen und fletschten ihre fürchterlichen Zähne und rollten ihre fürchterlichen Augen und zeigten ihre fürchterlichen Krallen" – doch Max zähmt sie, wird ihr König und tobt gemeinsam mit den wilden Kerlen durch den Urwald.
Auch wild: Spike Jonze
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Seit rund 20 Jahren gab es Pläne einer Verfilmung des Buches, die lange Zeit am Misstrauen von Maurice Sendak in die Filmindustrie und an der fehlenden Finanzierung scheiterten. Letztlich kostete "Wo die wilden Kerle wohnen" dann rund 80 Millionen Dollar, für dessen Refinanzierung sich Warner Bros. offenbar auf die kommerzielle Zugkraft der weltberühmten Buchvorlage und ein entsprechendes Familienfilmpublikum verlässt – und dabei aus Versehen den vielleicht teuersten Independent-Film aller Zeiten geschaffen hat. Regie führt, ausgestattet mit dem ausdrücklichen Vertrauen von Sendak, Spike Jonze. Dessen einzige Langfilme waren bisher die verrätselten "Adaption" und "Being John Malkovich" (1999), zudem hat er in den letzten 20 Jahren zahlreiche abseitige Musikvideos inszeniert, etwa Fatboy Slims "Praise You" und Weezers "Island in the Sun".
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Doch nicht nur Max ist getrieben von der Konfusion des Heranwachsens – auch die wilden Kerle sind sensible und verletzliche Wesen. Sie sprechen mit Erwachsenenstimmen, haben aber kindliche Gemüter. Alterslos und scheinbar seit ewigen Zeiten leben sie auf ihrer Insel. Jeder von ihnen hat für den Film einen Charakter erhalten: Da ist Carol, so etwas wie der Anführer, der mit hilfloser Zerstörungswut auf kleinste Anzeichen von Liebesentzug und Ablehnung reagiert. Dann die notorische Miesmacherin Judith, ihr devoter Freund Ira, dessen Hobby es ist, Löcher in Bäume zu schlagen, ferner ein namenloser, stiller Außenseiter und der kleingewachsene Ziegenbock Alexander, der von den anderen entweder übersehen oder durch die Gegend geworfen wird. Nur der Riesenvogel Douglas und die individualistische, beinahe teenagerhafte KW, mit der sich Max bald anfreundet, wirken halbwegs souverän.
Max ist als König schon bald damit überfordert, die diffizile Gruppendynamik im Griff zu behalten. Es kommt zu offenen Konflikten. Doch neben den Problemen gibt es immer auch Glücksmomente: das gemeinsame Toben und Jaulen des Monsterrudels, die große Schlammballschlacht, das Gruppenkuscheln – wie die Wutausbrüche ist all das Kompensation des allgemeinen emotionalen Wirrwarrs.
Einblicke in die Seele
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Genauso roh und unbehauen wie die Gefühle der Charaktere ist auch die Ästhetik von "Wo die wilden Kerle wohnen". Der Film fühlt sich herbstlich an, ist in erdigen Draußen-Farben gehalten: Braun-, Grün-, Gelb- und Grautöne kontrastieren die Zuckerbuntheit herkömmlicher Kinderfilme. Jonze arbeitet mit Handkamera, Unschärfen, Gegenlicht, auf Computer-Effekte hat er weitestgehend verzichtet. Lediglich die Gesichter der wilden Kerle sind animiert – die Monster an sich werden von Schauspielern in riesigen Kostümen gespielt, deren Gestaltung niemand Geringeres als die Jim Henson Company übernommen hat. Sie sind ein Meisterwerk: nah an den Originalzeichnungen Sendaks und doch eigenständige Schöpfungen, mit einer wahnsinnigen Präsenz und Menschlichkeit.
So schafft es Jonze, die Magie der Vorlage, die in ihrer reduzierten Klarheit, ihren Bildern, ihrer traumartig-entrückten Atmosphäre liegt, ins Kino zu übertragen – musikalisch passgenau unterlegt mit dem schroff-melodischen Indiefolk von Karen O & The Kids. Und hin und wieder fühlt es sich so an, als hätte Jonze einfach wieder eines seiner Musikvideos gedreht, dieses Mal spielfilmlang. Für all die melancholischen Jugendlichen und Erwachsenen, die noch wissen, wie es sich anfühlt, wenn man ab und zu die wilden Kerle in seiner Seele bändigen muss.
(Where the Wild Things Are) USA 2009, Regie: Spike Jonze, Buch: Spike Jonze, Dave Eggers nach dem Bilderbuch von Maurice Sendak, mit Max Records, Catherine Keener, Mark Ruffalo, Steve Mouzakis, Pepita Emmerichs u. a., 101 min, Kinostart: 17. Dezember 2009 bei Warner Bros.
Fotos: Verleih
Michael Brake lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist und Lektor, unter anderem für die taz und die Riesenmaschine.
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