t

Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte

Lebenswege

Kinostart: 19.11.2009 | Cristina Moles Kaupp | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Image 23789

Image 23789

Drei Anwälte, drei Biografien, drei Vertreter des politischen Spektrums Deutschlands: Horst Mahler, Otto Schily und Hans-Christian Ströbele. Ende der 1960er-Jahre zogen sie noch am selben Strang. Hochbegabte Männer, die idealistisch genug waren, um gegen das verknöcherte System der damaligen Bundesrepublik anzutreten und Kurskorrekturen zu fordern. Mehr politische Freiheiten etwa, eine Distanzierung zur US-Politik, aber auch, dass jede/r Angeklagte ein Anrecht auf einen fairen Prozess haben sollte, selbst Staatsfeinde wie die RAF-Terroristen/innen.

Schily, Ströbele und Mahler hatten eine große Zeit. Wie sie damals dachten und zu den Haltungen kamen, die sie heute vertreten – darum dreht sich die Dokumentation von Birgit Schulz. Eingebettet in Archivmaterial stellt sie alte Interviews aktuellen Aussagen gegenüber. Letztere fallen in jenem Saal des Moabiter Amtsgerichts, in dem sich die drei einst noch mit freundschaftlichen Gefühlen begegneten: 1972 verteidigten hier Schily und Ströbele Horst Mahler: Mahler hatte sich 1970 von seinem sozialistischen Anwaltskollektiv verabschiedet, um sich an der Gründung der RAF zu beteiligen. 14 Jahre saß Mahler dafür im Gefängnis, sagte sich dort vom Linksextremismus los, um später an der Spitze von NPD-Demonstrationen weiter gegen den Staat zu opponieren. Er hat den wohl krassesten Kurswechsel vorgelegt. Sogar den Holocaust leugnet er – dafür wanderte er 2009 erneut ins Gefängnis: sechs Jahre. 

Schily und Ströbele hingegen haben sich arrangiert mit dem politischen System Deutschlands und blieben im Rampenlicht. Beide traten den Grünen bei, dann wechselte Schily zur SPD, wird Innenminister und beschneidet als Hardliner unter dem Schock von 9/11 durch neue Gesetze in der Sicherheitspolitik die Bürgerrechte. Die drei Männer sehen ihren Werdegang als logische Entwicklung und finden gewieft die richtigen Erklärungen dafür. Rhetorisch und intellektuell kann Regisseurin Schulz sie nicht aufs Glatteis führen. Die offensichtlichen Zäsuren werden einfach beiseite gewischt. Wenn Schily, Ströbele und Mahler allerdings über ihre Kindheit parlieren und privater werden, erlebt die Dokumentation ihre Höhepunkte. "Nur Idioten ändern sich nicht", sagt Schily, der zwar immer noch seine Mr.Spock-Frisur aus der Jugend trägt, und Mahler: "Ich habe nicht das Gefühl, dass ich von links nach rechts gegangen bin." Ströbele bleibt gewohnt schwammig – ein Gutmensch mit Knautschgesicht.  

Viel Neues hat "Die Anwälte" also nicht zu bieten, Bildmaterial und Fakten sind politisch Interessierten hinlänglich bekannt. Sie verfügen jedoch noch über genügend Brisanz, um Vergleiche mit der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Realität zu ziehen. Hier hätte Birgit Schulz stärker intervenieren können. Denn hat nicht unter Schily Staat und Justiz ihr rechtsstaatliches Maß verloren?
Cristina Moles Kaupp

Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte, Dokumentarfilm, Deutschland 2009, Buch & Regie: Birgit Schulz, mit Otto Schily, Hans-Christian Ströbele, Horst Mahler, 92 min, Kinostart: 19. November 2009 bei Real Fiction

Foto: Verleih


http://die-anwaelte.realfictionfilme.de
Website zum Film (deutsch)
www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film
www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz
www.kinofenster.de
Interview mit der Regisseurin Birgit Schulz





Kommentare

Dein Kommentar