Bonjour Tristesse

Engel im Absturz: Der Fall Jean Seberg

Kinostart: 13.11.2009 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Der aus Nazideutschland erfolgreich in die USA emigrierte Regisseur Otto Preminger inszenierte 1958 mit amerikanischem Geld in Cinemascope und Technicolor David Niven und die blutjunge Jean Seberg als libertines Vater/Tochter-Gespann vor dem unwirklichen Blau des Mittelmeeres. Niven gehörte damals schon nicht mehr zu den Jüngsten, dennoch war er in der Rolle des englischen Lebemanns, der sich vor der atemberaubenden Mittelmeerkulisse mit seiner blonden Gespielin (Mylène Demongeot), nicht viel älter als seine eigene Tochter, vergnügt, eine perfekte Besetzung. Wie ein eitler Pfau führt er in "Bonjour Tristesse" seine Blässe spazieren, betont von ein paar kurzen Shorts.

Die wahre Attraktion des Films bleibt jedoch Jean Seberg, deren mädchenhaftes Gesicht unter dem raspelkurzen Jungshaarschnitt die Welt in höchste Verzückung versetzen sollte. Godard sah sie in "Bonjour Tristesse" und engagierte sie vom Fleck weg für "Außer Atem" an der Seite von Jean Paul Belmondo. Der Rest ist (Film-)Geschichte. Seberg war die Entdeckung Premingers.

Ein patziges kleines Mädchen viel zu frech und frei für die Fünfziger Jahre

Nachdem ihr Filmdebüt als Jeanne d’ Arc ihr von der Kritik einen gnadenlosen Verriss einbrachte, gab Preminger der Seberg mit "Bonjour Tristesse" eine Chance, sich zu bewähren. Nicht unbedingt ihr schauspielerisches Talent, aber ihre Ausstrahlung machte sie über Nacht zu einer Ikone. Ihre Mischung aus teenagerhaftem Aufbegehren, dem Lolita-Look – die meisten Szenen mit Jean Seberg zeigen sie im knappen Bikini – und unterschwelliger Melancholie war für die späten Fünfziger Jahre stilbildend und lieferte das Reizmuster für eine ganze Generation von französischen Schauspielerinnen, allen voran Godards Muse Anna Karina.
"Bonjour Tristesse" basiert auf dem gleichnamigen Roman der damals ebenfalls erst achtzehnjährgen Françoise Sagan, einer Tochter aus großbürgerlichem Hause. Seberg verkörperte mit lächelnder Leichtigkeit und pubertärer Schmolllippe die libidinöse Stimmung des Romans, trotzdem die sexuellen Untertöne Sagans, insbesondere die inzestuösen zwischen Vater und Tochter, im Film etwas gemäßigt wurden. Ihre Cécile ist ein frühreifes Geschöpf, das mit ihrem Vater ein fast freundschaftliches Verhältnis führt. Dessen luxuriös-unverbindlichen Lebensstil hat sie sich bereits selbst angeeignet. Am Strand flirtet sie ungeniert mit dem älteren Jura-Studenten Philippe, und die Geliebte ihres Vaters behandelt sie wie eine Schwester. Die Tochter weiß, dass keine Frau lange bleiben wird. Der Vater gehört nur ihr. Doch als die Modedesignerin Anne (Deborah Kerr), eine alte Freundin des Vaters, in ihr Leben tritt, verspürt Cécile ein Gefühl, das ihr bislang fremd gewesen ist: Eifersucht. Als die beiden überraschend ihre Heirat verkünden, schmiedet Cécile einen bösartigen Plan, um die Konkurrentin loszuwerden.

Amoklauf gegen Einsamkeit und Verzweiflung

Preminger erzählt die Geschichte in Rückblenden. Die Rahmenhandlung ist, im Gegensatz zu den Riviera-Szenen, in kühlem Schwarzweiß gehalten. Mit diesem Stilmittel nimmt er bereits die Tragödie vorweg. In dem Sommer, der so unbeschwert begann, wird Cecile ihre jugendliche Unschuld verlieren. Das Leben, das für sie keinen Halt kannte, nimmt eine bittere Wendung.

So ähnlich könnte auch die Beschreibung des Lebens von Jean Seberg klingen. Sebergs kurze Karriere war geprägt von Hochs und Tiefs und endete in einem Sumpf aus gescheiterten Ehen, Alkohol, Drogen und wilden Verschwörungstheorien über die Umstände ihres frühen Todes, die Mark Rappaport in seiner Dokumentation "From the Journals of Jean Seberg" nachzeichnet.

In ihrer Heimat, den USA, war Seberg kein Erfolg beschert. In Europa, in Frankreich, lagen ihr die Menschen zu Füßen. Mit dem frühen Erfolg hat sie jedoch nie leben konnen. Sie stürzte sich in selbstzerstörerische Beziehungen und begann in den Sechziger Jahren, sich für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner/innen und die Black Panther-Bewegung zu engagieren. Dafür wurde sie zeitweise vom FBI überwacht, das Gerüchte über ihr Privatleben in den Medien lancierte. Jean Seberg führte ein trauriges, unberechenbares Leben - im Grunde prädestiniert für ein Hollywood-Biopic. Dazu ist es nie gekommen. Heute ist sie nur eine von vielen Schauspielerinnen, die an ihrem Erfolg zu Grunde gegangen sind. Wer hätte aber auch ahnen können, dass sie mit "Bonjour Tristesse" ihr eigenes Biopic schon vorweggenommen hat?

Andreas Busche

Fotos: Verleih


www.imdb.de/title/tt0051429/
Mehr über den Film und seine Besetzung in der Internet Movie Database

www.de.wikipedia.org/wiki/Jean_Seberg
Mehr über Jean Seberg auf den Seiten des wikipedia-Dienstes




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