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Der Informant!

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Kinostart: 5.11.2009 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Die Wirtschaft ist im Keller, Produktionsstandorte werden geschlossen, Manager/innen kassieren Bonuszahlungen in Millionenhöhe – zurzeit versteht die öffentliche Meinung, wenn es um Wirtschaftskriminalität geht, gar keinen Spaß. Steven Soderbergh könnte mit seinem neuen Film "Der Informant!" das allgemeine Erregungspotenzial allerdings elegant ausbremsen. Die Geschichte des Mark Whitacre ist allerdings auch unglaublich genug. Whitacre war in den frühen 1990er-Jahren in einen internationalen Korruptionsfall seines Arbeitgebers ADM, dem damals größten US-amerikanischen Agrar-Konzern, verwickelt. Es ging um illegale Preisabsprachen im Milliardenhöhe. Whitacre selbst hatte sich in der Firmenhierarchie innerhalb kürzester Zeit bis in die Geschäftsführung hochgearbeitet, ein Goldjunge des Wirtschaftsbooms jener Jahre. Als die Falle des FBI zuschnappte, stellte er sich den Behörden bereitwillig als Spitzel zur Verfügung. Die Ermittlungen stützten sich größtenteils auf die Zuarbeit Whitacres. Zu spät merkte das FBI, dass er selbst jede Menge Dreck am Stecken hatte.

Die Geschichte eines Maulwurfs

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New-York-Times-Journalist Kurt Eichenwald hat vor ein paar Jahren einen 600 Seiten dicken, penibel recherchierten Bestseller über Whitacre geschrieben, der die Eskapaden des Turbokapitalismus genauso unter die Lupe nimmt wie die tragische Geschichte eines Mannes, der in seinem hochtrabenden Lifestyle jeglichen Bezug zur Realität verloren hatte. Soderbergh bezieht sich größtenteils auf Eichenwalds Buch, hat sich in der Auslegung der Fakten aber einige Freiheiten genommen. "Der Informant!" ist kein Wirtschaftsthriller im Stil von "Wall Street" oder Michael Manns "Insider" (1999) – und vermeidet genauso einen romantisch-moralischen Standpunkt, wie Soderbergh selbst ihn noch mit dem Journalisten-Lehrstück "Erin Brockovich" vertrat. Matt Damon spielt Whitacre am Rande zur Farce: übergewichtig, mit schlechter Perücke (wie sie auch der echte Whitacre getragen hat), Schnauzer und Hamsterbacken. Ein karrieregeiler Emporkömmling mit einer unangenehm nerdigen Ausstrahlung, der zu lange alleine mit Petrischalen gespielt und sich aus lauter Langeweile einen Luxus-Fuhrpark zusammengestellt hat. Als sich das FBI auf seinen Hinweis hin für die Konzernfinanzen zu interessieren beginnt, sieht Whitacre seine große Chance gekommen: Er darf ein bisschen Spion spielen und hofft, nach der großen Reinigung auf der Karriereleiter weiter aufzusteigen.

Regisseur Soderbergh, Drehbuchautor Scott Burns und Hauptdarsteller Matt Damon treiben Whitacres Geschichte zudem auf die Spitze. Indem Whitacre als Off-Kommentator seiner eigenen Erzählung fungiert, entziehen sie dem investigativen Charakter von Eichenwalds Vorlage jede Grundlage. Whitacres haarsträubende Assoziationsketten entfalten sich als endloser Bewusstseinsstrom, in dem relevante und banale Informationen durcheinander purzeln. Das Jagdverhalten von Eisbären, der Inhalt von Frühstücksflocken, der Fetisch japanischer Geschäftsleute für getragene Mädchenunterwäsche – die abstrusesten Gedanken rauschen ununterbrochen durch seinen Kopf. So führt der chronische Lügner Whitacre alle – auch die Zuschauer/innen – permanent auf falsche Fährten. Soderbergh ist vernarrt in solche Ablenkungsmanöver, die die Grenzen zwischen Realität und Fiktion aushebeln. Und "Der Informant!" unterwirft sich konsequent der inneren Logik von Whitacres Realitätsstörung.

Ein kranker Mann

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Angelehnt an die Paranoia-Thriller der 1970er-Jahre hat Soderbergh seinem Film einen leicht verwaschenen Look gegeben und erinnert damit an eine Zeit, als Karriere-Spießer wie Whitacre noch Politskandale aufzudecken vermochten (wie die Jungreporter Woodward und Bernstein mit ihren Ermittlungen in der Watergate-Affäre). Dazu verleiht Marvin Hamlischs flirrender Jazz-Soundtrack Whitacres katastrophalen Spionage-Einlagen einen Hauch von Pseudo-Bond-Flair. "Der Informant!" ist ein Meta-Film durch und durch: Spielerisch bedient er sich der Filmgeschichte und Soderberghs eigenen Arbeiten. Mit seiner Leichtigkeit, wie sie einem noch aus den "Ocean's"-Ensemblefilmen in Erinnerung ist, erinnert er eher an ein Spaß-Projekt, bei dem alle Beteiligten sichtlich auf ihre Kosten gekommen sind. Damon zieht mit seiner Darstellung Whitacres seine Figur des Superagenten Jason Bourne gehörig durch den Kakao. Wenn er mit einem Abhörmikrofon ausgestattet sein Büro betritt, legt er sich all die Manierismen zu, die man sonst nur aus dem Kino kennt. Zu Hause läuft bei ihm die Grisham-Verfilmung "Die Firma" (1993). Als Spion ist er trotzdem eine Niete.

Wie viel Potenzial allerdings in der Geschichte Whitacres steckt, lässt "Der Informant!" erst spät erahnen, als der Film einen düsteren Unterton annimmt, weil sich Whitacre zunehmend in seinen Falschaussagen vesrtrickt. Immer unglaublicher wird dessen Rolle im Korruptionsgeflecht seines Arbeitgebers, doch seine zögerlichen Geständnisse und dreisten Lügen entlarven nicht nur die Pathologie des Freien Marktes, sondern auch die Krankheit des manisch-depressiven Mannes, der sich mit seinen Stimmungsschwankungen als untragbares Risiko für das FBI erweist. Whitacre fabuliert sich seinen eigenen Agentenfilm zusammen und liefert den paranoiden Subtext gleich dazu. Als seine umherschweifende Off-Erzählung schließlich zur Ruhe kommt und er erstmals den Ernst der Situation erkennt, wird aus der Karikatur endlich ein menschliches Wesen. Dass Soderbergh die eigentliche Tragik Whitacres über weite Strecken ignoriert, hat durchaus etwas Schäbiges. So wird einem als Zuschauer/in erst zum Ende hin bewusst, dass man sich fast zwei Stunden lang auf Kosten eines im Grunde kranken Menschen amüsiert hat. Und das nicht zu knapp.

(The Informant!) USA 2009, Regie: Steven Soderbergh, Buch: Scott Z. Burns nach dem Buch von Kurt Eichenwald, mit Matt Damon, Scott Bakula, Joel McHale, Mike O'Malley, Andrew Daly u.a., 108 min, Kinostart: 5. November 2009 bei Warner Bros.

Fotos: Verleih

Andreas Busche ist Filmrestaurator und -kritiker.



Website zum Film (englisch)

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