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Endstation der Sehnsüchte

Alte neue Heimat

Kinostart: 29.10.2009 | Jenni Zylka | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Deutschland besteht, das ist bekannt, größtenteils aus Bockwürstchen, Ziegeldächern, Vollkornbrot und rotgesichtigen alten Männern. Ein paar von ihnen kann man mitsamt Ehefrauen und Hausrat sogar in Südkorea besichtigen: Dogil Maeul, das "Deutsche Dorf" in einer hübschen koreanischen Bucht der Insel Namhae, ist dort eine Touristenattraktion. Zu Hunderten hupen und stauen sich kichernde koreanische Interessierte durch die engen Straßen, trampeln durch akkurat gepflegte Vorgärten, lassen sich vor Gartenzwergkolonien fotografieren und zeigen später ihren Freunden und Verwandten, wie merkwürdig und fremdländisch es die Langnasen doch haben.

Sung-Hyung Cho hat ein Händchen für das Porträtieren von Orten. In "Full Metal Village", ihrem zu Recht noch und nöcher ausgezeichneten Dokumentarfilm über das einmal jährlich stattfindende Heavy-Metal-Festival im kleinen schleswig-holsteinischen Örtchen Wacken, hat sie schon einmal das Aufeinandertreffen zweier Kulturen in einem begrenzten Raum gezeigt – der angeblichen deutschländischen Idylle. In "Endstation der Sehnsüchte" hat sie die Idylle nun in Asien gesucht und durch ihre Werkzeuge Geduld, Verständnis und Humor wiederum ein sensibles und umfassendes Stimmungsbild der Menschen in ihrer Umgebung gemalt.

Koreanisch lernen

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Drei Ehepaare erzählen vor Sung-Hyung Chos Kamera von ihrem Leben. Ihnen gemeinsam ist, dass die Frauen aus Südkorea stammen und im Rahmen eines Gastarbeiterprogramms in den 1970er-Jahren als Krankenschwestern nach Deutschland kamen. Ihre Ehemänner haben sie in verschiedenen deutschen Städten kennen gelernt, mit ihnen Familien gegründet und über 30 Jahre lang als Exilantinnen versucht, die merkwürdige deutsche Mentalität zu ergründen. Nun, als Rentner und Rentnerinnen, kehren sie nach Korea, in die alte Heimat zurück, und jetzt sind es die Männer, die sich fremd fühlen, bestaunt und belächelt werden.

Willi, Ludwig und Armin gehen dabei ganz unterschiedlich mit ihrem veränderten Leben um: Während der eine über die deutsche Handwerkskunst inklusive Silikon-Abdicht-Eskapaden gegenüber der koreanischen ins Schwärmen kommt und zur Rentenaufbesserung erfolgreich deutsche Würtschen vertickt, versucht der andere mit über 70 Jahren tatsächlich noch die Sprache der neuen Heimat zu lernen und verkleidet sich sogar als eine Art irrer asiatischer Schwarzwaldkasper, um gemeinsam mit seiner Frau bei einem traditionellen Tanz zu Ehren des Landes mitzuwackeln.

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Immer wieder lässt Sung-Hyung Cho die Kamera so lange laufen, dass ihre Protagonisten/innen sie irgendwann zu vergessen scheinen und die Tragik oder Komik der Situation, oft gar beides gleichzeitig, sichtbar wird: wenn sie minutenlang auf Willi gerichtet ist, über dessen Kopf hinweg seine Frau und eine Freundin in einer ihm unverständlichen Sprache plaudern. Wenn einer der Herren bei einem Busausflug die anscheinend traditionelle Busdisco mitmacht und im Gang mit und zwischen den anderen tanzenden und schlafenden koreanischen Senioren seine knochigen Hüften zaghaft schüttelt. Wenn mit den koreanischen Verwandten höflich in einem Verb-armen Englisch-Koreanisch-Deutsch-Slang geradebrecht wird und es darum bei sehr dürftigem Informationsaustausch bleibt. Oder wenn Chun-Ja, die zwei Kinder in Korea zurücklassen musste, als sie 1971 nach Deutschland ging, ihre ersten Jahre mit "Nachts weinen, morgens arbeiten gehen. So war das" zusammenfasst. Auch Ludwigs Frau Woo-Za hatte eine Tochter zurückgelassen, durfte sie aber später nachholen, so dass ihr das schwere Trauma, das Chun-Ja erlebte, erspart blieb.

An Deutschland denken

Irgendwie erscheint es einem gerecht, dass nach den heimwehgeplagten Frauen, die damals ihr Glück in Deutschland suchten ohne einen Partner als Anker, ohne genauere Kenntnis der komischen fremden Kultur, teilweise mit dramatischen emotionalen Zugeständnissen, nun die Männer Ähnliches erleben müssen. Dass sie sogar auf einem deutschen Präsentierteller sitzen, der – weit über Intimitäts- und Höflichkeitsgrenzen hinaus – die Bewohner/innen des im Ganzen nur noch kaum dauerhaft bewohnten Dörfchens als Zootiere ausstellt.

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Doch die größte Stärke an Sung-Hyungs Film ist, dass er zum Nachdenken über Identitäten anregt, über den Heimatbegriff, über Sinn und Unsinn von Wurzeln und darüber, was einen Menschen in einem gewissen Alter ausmacht. "Je länger ich hier bin, desto öfter denke ich an Deutschland. Seltsam", sagt Chun-Ja Engelfried. Offensichtlich ist Home weder, where the Heart is, noch da, wo einen nichts hinzieht. Sondern man sollte seine Heimat vielleicht möglichst irgendwie mitnehmen.

Deutschland 2009, Dokumentation, Regie & Buch: Sung-Hyung Cho, mit Yong-Sook & Armin Theis, Chun-Ja & Willi Engelfried, Woo-Za & Ludwig Strauss-Kim u. a., 99 min, Kinostart: 29. Oktober 2009 bei Zorro Film

Fotos: Verleih

Jenni Zylka ist Geheimagentin und Buchautorin.



www.zorrofilm.de
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs

www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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